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    Hat die Sowjetunion 1940 die baltischen Republiken überfallen und ihnen ihr System aufgezwungen? Wie kam es, dass sie sich später dem großen Nachbarn als Sowjetrepubliken anschlossen? Warum wollte die baltische Unabhängigkeitsbewegung das rückgängig machen, was unter Michail Gorbatschow dann möglich wurde? Ein Blick auf die historischen Fakten.

    Seit langem wird vom den führenden politischen Kreisen des Westens und den baltischen Nationalisten die Meinung verbreitet, mit dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsabkommen vom 23. August 1939 sei die „Sowjetisierung“ der baltischen Staaten besiegelt worden. Dieses „Argument“ diente antisowjetischen Kräften dazu, die Bevölkerung Litauens, Estlands und Lettlands für eine Loslösung dieser Länder von der UdSSR zu mobilisieren.

    Ein Beschluss des Parlaments in Vilnius vom Februar 1990 verurteilte zum Beispiel die Errichtung der Sowjetmacht in Litauen als „Aggression, Okkupation und Annexion“. Daraus schlussfolgerten die baltischen Nationalisten, das der Beitritt ihrer Staaten zur Sowjetunion nicht legitimiert und sie niemals deren Teil gewesen seien. Die historische Wahrheit hingegen sieht anders aus: Die Verträge der UdSSR mit Hitlerdeutschland einschließlich des geheimen Zusatzprotokolls bildeten weder rechtlich noch politisch die Grundlage für die Wiedererrichtung der Sowjetmacht im Baltikum, die sich im Sommer 1940 vollzog.

    Die Stationierung sowjetischer Truppen erfolgte allein auf der Basis zwischenstaatlicher Vereinbarungen zwischen der UdSSR und den einzelnen baltischen Republiken im Oktober 1939 und im Juni 1940. Die einrücken Verbände, die die zu diesem Zeitpunkt bereits stationierten Einheiten der Roten Armee verstärken sollten, besaßen dazu die Erlaubnis der baltischen Regierungen. Es gab kein militärische Operationen der Roten Armee gegen die baltischen Republiken.

    Rote Armee hielt sich raus

    Den Sturz der bürgerlichen Regierungen übernahmen die baltischen Volksmassen unter Führung ihrer kommunistischen Parteien. Das geschah auf der Grundlage geltender Verfassungen und Gesetze. Sowjetische Truppen hatten daran keinen Anteil. Die staatsrechtliche Basis für den revolutionären politischen Wandel im Baltikum bildeten die aus Wahlen hervorgegangenen Parlamente und Regierungen sowie deren Entscheidungen. Darunter fällt auch der Beschluss über die Aufnahme der inzwischen baltischen Sowjetrepubliken in den Staatsverband der UdSSR.

    Alles das nachträglich für ungültig erklären zu wollen, diente und dient nur antisowjetischer und heute antirussischer Stimmungsmache und ideologischer Verwirrung. Dadurch konnten die heutigen baltischen Führungen aber der Bevölkerung mit Erfolg suggerieren, eine fremde Macht habe ihre angeblich demokratischen Länder annektiert und dadurch deren erfolgreiche Entwicklung beendet. Diese wären niemals freiwillig der UdSSR beigetreten.

    Wohlweislich wurden und werden besonders die damaligen innenpolitischen Verhältnisse verschwiegen. Die baltischen Staaten hatten de facto faschistische Regime und standen durch den Kriegsausbruch vor schweren wirtschaftlichen Problemen, die die politische Krise noch verschärften. In dieses Vakuum stießen die Linken und strebten eine gesellschaftliche Umwandlung an, bei der sie sich der Unterstützung des mächtigen sowjetischen Nachbarn sicher sein konnten. In solchen Situationen setzten sich immer gut organisierte und ideologisch zielklare politische Gruppierungen unabhängig von ihrem bisherigen Einfluss durch.

    Niederlage der Rechten im Baltikum

    Das traf in Litauen, Estland und Lettland in erster Linie für die bisher illegalen kommunistischen Parteien zu. Diese waren scharfer Verfolgung ausgesetzt gewesen, doch in der Gesellschaft immer präsent, und sie verfügten über weitverzweigte Verbindungen. Sie stellten die einzige politische Kraft dar, die eine in die Zukunft weisende Alternative anzubieten hatte. In Litauen nahmen die Linken schon im Frühling 1939 – lange vor der Stationierung sowjetischer Truppen – Anlauf auf den Sturz des Regimes.

    Die baltischen Rechten waren in dieser Situation mehr oder weniger handlungsunfähig. Die einzige Möglichkeit, ihre Macht zu behaupten, bestand darin, die deutschen Faschisten um Hilfe zu bitten und das Baltikum von ihnen besetzen zu lassen. Schon 20 Jahre zuvor war mit deutscher Militärhilfe dort die erste Sowjetmacht niedergeschlagen worden. Nun konnten die Regierungen nicht darauf rechnen. Das faschistische Deutschland hatte sich zum Nichteingreifen verpflichtet. So standen sie außenpolitisch allein da.

    Angesichts des allgemeinen Linksrucks traten die Rechten in den baltischen Ländern die Flucht nach vorn an. Die anfänglichen Schwäche der Roten Armee im finnisch-sowjetischen Krieg ausnutzend verschärften sie den Terror gegen die Kommunisten und trachteten danach, sich den Vertragsverpflichtungen gegenüber der UdSSR zu entledigen. Sogar bewaffnete antisowjetische Aktionen wurden einkalkuliert. Das widersprach allen mit Moskau im Jahre 1939 abgeschlossenen Beistandsverträgen.

    Linksdemokratische Bewegungen übernahmen die Macht

    Nach dem sowjetischen Sieg über Finnland herrschte Rat- und Konzeptionslosigkeit. Nun verlangte die sowjetische Führung unter Stalin die Bildung von Regierungen, die die Einhaltung der abgeschlossenen Verträge garantieren und einer Erhöhung der sowjetischen Truppenpräsenz zustimmen würden. Daraufhin wurden die Regierenden in den drei Ländern kopflos und wollten sich dem widersetzen. Doch einflussreiche baltische Politiker und Militärs weigerten sich, den abenteuerlichen Kurs der Regierungen zu unterstützen.

    Damit befanden sie sich im Einklang mit den immer offensiver auftretenden Kommunisten. Die reaktionären Regimes erwiesen sich als politisch am Ende. Die baltischen Präsidenten mussten außerparlamentarische linke Regierungen ernennen, in denen Vertreter der kommunistischen Parteien vorerst kaum in Erscheinung traten. Innerhalb eines Monats wurden umfangreiche Sozialmaßnahmen eingeleitet, die bewaffnete Organen demokratisiert, faschistische Parteien verboten, Grundbesitz und Betriebe enteignet und Arbeitern und landlosen Bauern übereignet sowie erdrückende Zinsen erlassen. Das verschaffte den Linken einen gewaltigen Vertrauenszuwachs, so dass die von den Kommunisten geführten Bündnisse (Volksfronten) im Juli 1940 einen Wahlsieg verbuchen und die Macht übernehmen konnten.

    Die UdSSR hatte im Herbst 1939 nicht mit einer revolutionären Wende im Baltikum gerechnet. Als Chef der Sowjetregierung verbot Wjatscheslaw Molotow im Oktober den in den baltischen Ländern tätigen Diplomaten jede Initiative in diesem Sinne. Im Unterschied zur faschitsischen deutschen Führung in Berlin, die von Beginn an den Anschluss der Ostseerepubliken an die Sowjetunion einkalkulierte, verfolgte Moskau andere Pläne.

    Alle, auch die neusten Dokumente weisen darauf hin, dass die sowjetische Führung an einer ausreichenden Militärpräsenz und der Existenz prosowjetischer bürgerlicher Regierungen interessiert war. Massive Unterstützung für die baltischen Linken gab es erst, nachdem diese selbst in die Offensive gegangen waren. Nun bestand für sie die historische Chance der Machteroberung. Sie wurde 1940 von den baltischen Kommunisten und deren Verbündeten genutzt. Die anschließende Aufnahme der drei Republiken in die Sowjetunion bildete den logischen Abschluss dieser Entwicklung.

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    Tags:
    Geschichte, Baltikum, Lettland, Estland, Litauen, Sowjetunion