09:12 30 September 2020
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    Die afrikanische Schweinepest steht vor der Tür und droht der Nutztierhaltung mit extremen Verlusten. Neben Abschottungsmaßnahmen gibt es auch unterschiedliche wissenschaftliche Lösungsansätze. Einer davon geht besonders weit: die Schweine genetisch verändern, damit sie über eine eigene Abwehr verfügen.

    Die afrikanische Schweinepest (ASP) rückt über Osteuropa immer näher an Deutschland heran. Im Nachbarland Polen greift sie regelmäßig von Wildtierbeständen auf Tierhaltungsbetriebe über. Ein ähnliches Szenario droht auch Deutschland, denn erkrankte Tiere sind bereits wenige Kilometer von Brandenburg und Sachsen entfernt entdeckt worden. Eine Infektionsgefahr für Wildschweine in Deutschland soll auch durch unachtsamen Umgang mit Fleischprodukten aus Osteuropa bestehen. Ein achtlos weggeworfenes Salamibrot zum Beispiel kann hier schon reichen, damit sich ein Wildschwein mit dem Erreger ansteckt.

    Neun von zehn infizierten Tieren sterben an ASP

    Die Letalität soll mit 90 Prozent extrem hoch sein. Entsprechend besorgt sind die hiesigen Fleischerzeuger. Es werden Abschottungsmaßnahmen der Bestände und weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen, wie die Ausbildung von Spürhunden in Schleswig-Holstein, die infizierte Tiere schnell auffinden sollen.

    Neben solchen Präventivmaßnahmen werden auch wissenschaftliche Lösungen gesucht. Dazu gehört die Impfstoffentwicklung, bei der es bereits Erfolgsmeldungen gibt. So sollen chinesische Forscher bereits im März ein wirksames Vakzin mit einem genetisch abgeschwächten Erreger erfolgreich getestet haben. Wann es allerdings den Impfstoff in kommerzieller Form geben wird, ist bislang unbekannt.

    Schweine mit Bakteriengenen versehen

    Einen gänzlich anderen Weg haben Forscher des Friedrich-Löffler-Instituts eingeschlagen. Sie nutzen dafür einen Mechanismus, den Bakterien entwickelt haben, um eindringende Viren abzuwehren. Es handelt sich um das CRISPR/Cas-System, das auch als Genschere bezeichnet wird, weil die Bakterien damit virale RNA durchschneiden so eine Vermehrung der Viren verhindern. Das System besteht im Wesentlichen aus einem RNA-Molekül, das an einen bestimmten Abschnitt des Virus-Genoms andockt und einem Enzym, das die virale RNA durchschneidet.

    „Das ist ein Proof-of-principle-Experiment, ein Experiment der Grundlagenforschung“, betont Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Löffler-Instituts, im Sputnik-Interview. „Wir wollen schauen, ob das Virenabwehrsystem, das Bakterien entwickelt haben, auch bei Säugetieren funktioniert.“ Dazu wird das CRISPR/CAS-System so verändert, dass es als Ziel einen Stamm des afrikanischen Schweinepest-Virus hat. Danach werden die Gene ins Erbgut des Schweins eingebaut und das Schwein – so die Idee – stellt selbständig die Genschere her, die die ASP-Erreger zerschneidet und damit das Tier immun gegen das Virus macht. Da diese Veränderung ins Erbgut des Schweins einfließt, wird die Resistenz von Generation zu Generation weitervererbt.

    Jeder Stamm braucht einen eigenen Eingriff

    Umfrage

    Ist es berechtigt, Schweine gegen Erreger genetisch zu verändern?
    • Ja, solange ich meine Würstchen essen kann.
      3.6% (10)
    • Ja, aber nur wenn es absolut unbedenklich ist.
      14.0% (39)
    • Nein, das sollte man nur bei ernsteren Dingen tun.
      7.6% (21)
    • Nein, der Mensch sollte ganz generell nicht Gott spielen.
      74.8% (208)
    abgestimmt: 278
    Was mit einem Stamm der ASP anfängt, kann auch ausgeweitet werden, sodass es Mutanten oder gar andere Viren zerstört. Das Schneide-Enzym muss dabei nur einmal eingeschleust werden. Anders sieht es mit den für das jeweilige Virus spezifischen Zielstrukturen aus. Hier gilt: Für jeden Stamm und für jeden Virustyp müssten neue solche Abschnitte in die Schweine-DNA eingebaut werden.

    Aber ist die Genschere so unbedenklich? Immerhin gibt es draußen Berichte, dass ihre zielgenaue Arbeit nicht immer so zielgenau verläuft, wie es manchmal populärwissenschaftlich dargestellt wird. „Diesen Effekt gibt es, er ist bei den unterschiedlichen Varianten der Genschere unterschiedlich stark ausgeprägt“, merkt Mettenleiter dazu an.

    Bislang könnten die Forscher lediglich sagen, dass das Enzym, die eigentliche Genschere, vom Schwein produziert wird, ohne sichtbare Nebenwirkungen. „Die Genschere selber scheint diese negativen Aktivitäten, zumindest in unserem Experiment, nicht auszuüben“, so Mettenleiter.

    Das Interview mit Thomas Mettenleiter zum Nachhören:

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    Tags:
    Landwirtschaft, Gentechnik, Afrikanische Schweinepest