15:56 19 September 2020
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    Am Montag sollte eine ausländische wissenschaftliche Zeitschrift ausführliche Daten zum russischen Corona-Impfstoff veröffentlichen. Laut Russlands Gesundheitsminister Michail Muraschko stammen die kritischen Äußerungen zum Präparat daher, dass man im Ausland unzureichend über seine Entwicklung informiert ist.

    In Russland begründet man unterdessen die rasche Entstehung des Impfstoffs mit der guten Ausbildung im Bereich der Immunologie im Land. Das Gamaleja-Institut, wo das Präparat hergestellt worden ist, versichert, es sei effizient und sicher. Die negativen Bewertungen sind laut dem Leiter des Instituts, Alexander Ginzburg, eine Folge des starken Wettbewerbs auf dem Markt, denn eine in Russland hergestellte Impfung würde die Konkurrenten um einige Milliarden Dollar bringen. Ihm pflichtet auch Kirill Dmitriev, CEO des russischen Direktinvestitionsfonds, bei. Zu der ausländischen Kritik an dem russischen Impfstoff meinte er, dahinter würden westliche Pharmakonzerne mit ihrem Ärger darüber stehen, die Russen würden ihnen den Rang ablaufen. Dann würde Russland ja allein absahnen.

    „Dies allerdings nur, wenn Russland im Ausland von der Sicherheit dieses Mittels überzeugen kann, und sie es bei uns zu kaufen beginnen“, gab Dmitriev zu bedenken. „Und wenn ihnen der Preis recht sein wird.“ Ob so oder anders: Russland werde das Rennen gewinnen. Er verglich die Entwicklung des Präparats mit dem Start des ersten Sputniks, daher auch sein Name. Laut dem Bericht der New York Times könnten die USA und Russland bei der Herstellung des Präparats gegen COVID-19 eine Zusammenarbeit eingehen und vor diesem Hintergrund sogar ihre Beziehungen verbessern.

    Muraschko verwies darauf, dass seine ausländischen Amtskollegen, offenbar weil sie gewisse Wettbewerbsvorteile des russischen Impfstoffs wahrgenommen hätten, Zweifel geäußert hätten, „die aus unserer Sicht total haltlos sind. Viele Länder haben tatsächlich auf die eine oder andere Art ihre Studien beschleunigt. Bei der russischen Impfung geht es aber um eine Lösung, die bereits auf umfassendem klinischem Wissen bzw. Daten fußt. Bei den im Ausland hergestellten RNA-Impfstoffen hat es Presseberichte gegeben, wonach einige dieser Substanzen ohne präklinische Studien zugelassen und sofort unmittelbar an Menschen eingesetzt worden sein sollen, was bei uns definitiv nicht der Fall ist.“

    Ihm zufolge verfügt Russland über ausreichend Informationen zum Coronaviurs, um den Impfstoff zu implementieren. Denn die Methode, auf der die Impfung aufbaut, sei ziemlich gut bekannt und erforscht: Sowohl klinische als auch präklinische Studien habe sie durchlaufen und bereits Zulassungen erhalten. Dies sei faktisch der sicherste Weg, so der Minister. Ferner verriet er, dass die ersten paar Dosen des Impfstoffs in den ersten zwei Augustwochen produziert worden seien. Zunächst sollen Ärzte das Präparat verabreicht bekommen. Binnen einem Jahr beabsichtigt man, Russland vollständig mit der Impfung zu versorgen. Rund fünf Millionen Dosen sollen monatlich hergestellt werden.

    In Russland wolle man im Dezember oder Januar mit Massenimpfungen beginnen, so Ginzburg. Derweil hätten bereits nach den Angaben von Dmitriev gut 20 Länder die Lieferung des Corona-Impfstoffs bei Russland beantragt. Laut ihm laufen Verhandlungen für die Märkte Lateinamerikas, des Nahen Ostens und Asiens. Und obwohl die Weltgesundheitsorganisation vorläufig von dem weltweiten Einsatz des russischen Impfstoffs abrät, weil er nur die ersten zwei Prüfphasen absolviert hat, zweifelt die WHO nicht an Russlands Vermögen, ein qualitativ hochwertiges Vakzin zu erzeugen. Auch die Leistungen generell auf diesem Gebiet begrüßt die Organisation.

    Dass der Impfstoff in nur zwei Monate entwickelt worden ist, erklärt Alexander Ginzburg damit, dass er auf einem anderen, gegen das MERS-CoV gerichteten, also auf einer bereits existierenden Methode aufbaut. Das Gesundheitsministerium hat „Sputnik V“ mit der Bedingung freigegeben, dass parallel zum Beginn der Immunisierung die letzte Testphase durchgeführt wird. Die Patienten sollen zweimal geimpft werden, um eine Dauerimmunität von bis zu zwei Jahren zu erzeugen.

    Sind Befürchtungen im Zusammenhang mit russischem Impfstoff, er sei nicht sicher, gerechtfertigt?

    Die Direktorin des Instituts für Gesundheitswirtschaft an der Moskauer Higher School of Economics, Larissa Popowitsch, schätzt die Risiken als minimal ein. Sie betont, dass es ja vorläufig nicht um eine Massenimpfung geht: „Das Testen des Präparats wurde keineswegs eingestellt, es ist nur registriert worden. Das nationale russische Recht erlaubt eine frühzeitige Registrierung. Die Auswahl aller weiteren Testpersonen, das sind ein paartausend, wird ebenfalls nach diesem Recht erfolgen. Jedem Geimpften stehen Entschädigungszahlungen zu, falls etwas passiert. Die klinische Prüfung wird im August, den ganzen Herbst andauern und Anfang Winter voll abgeschlossen werden. Registriert wurde der Impfstoff im Hinblick auf das gute Ergebnis beim Einsatz dieser bereits bekannten Methode. Keinesfalls wird beabsichtigt, ein ungeprüftes Vakzin für den Massenvertrieb freizugeben.“

    „Sputnik V“ alias Gam-COVID-Vac ist ein Vektor-Impfstoff auf der Grundlage des menschlichen Adenovirus. 

    Er wurde bereits an Nagetieren, Primaten und zwei Freiwilligengruppen mit je 38 Personen geprüft. Der Impfstoff enthält keine Abschnitte des COVID-19, versicherte das Gesundheitsministerium. Zuvor hatte der Vizedirektor des Gamaleja-Instituts für Forschungsarbeit, Denis Logunow, mitgeteilt, dass bei vektorbasierten Impfstoffen aus dem Adenovirus die Gene entfernt würden, die für die Vermehrung zuständig seien, sodass es den Menschen nicht anstecken, wohl aber den Zellen die erforderliche „Fracht“ „zustellen“ könne. Die Entwicklung des Impfstoffs sei im Februar 2020 auf der Basis ähnlicher Studien über das MERS-Coronavirus gestartet worden, die in seinem Zentrum seit drei Jahren liefen.

    Der Chefarzt des Gesundheitszentrums „Leader-Medizin“ und Infektiologe Jewgeni Timakow ist der Meinung, dass unter Bedingungen einer Epidemie eine beschleunigte Registrierung von Arzneimitteln notwendig sei. „Sie vereinfacht den Übergang zur industriellen Fertigung. Vollzieht man ihn ohne vorhergehende Registrierung, verschlingt der Papierkram nach dem Abschluss der Prüfungen noch viel Zeit.“ Experten schließen nicht aus, dass eine Massenimmunisierung ganz entfallen wird, weil inzwischen ein Viertel der Bevölkerung Russlands Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt hat.

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    Tags:
    Impfstoff, Coronavirus, Russland