22:01 30 September 2020
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    Bisher lautete die gängige Meinung, dass mit dem Coronavirus-infizierte Personen 48 Stunden vor Auftreten der ersten Symptome ansteckend seien. Doch laut einigen ETH-Forschern stellte sich heraus, dass Infizierte schon bis zu sechs Tage vorher andere mit dem Virus anstecken können. Dies hat eine grundlegende Bedeutung für das Contact-Tracing.

    Menschen, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, können schon vor jeglichen syptomatischen Anzeichen andere Leute anstecken. Dabei lag die bisherige Frist bei 48 Stunden vor den ersten Anzeichen von Symptomen. Diese Rückverfolgungsperiode wird jedoch gerade von einem Forschungsteam um Professor Sebastian Bonhoeffer kritisiert. Der Professor von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich hat mit einem Team die Zahlen nochmal nachgerechnet. Ihnen zufolge gibt es einen Rechenfehler in der Frist, die auf eine zentrale chinesische Studie zurückgeht.

    „Wenn man die Daten analysiert, sieht man, dass diese 48 Stunden auf einem Fehler basieren und dass man Kontakte weiter zurückverfolgen muss“, sagt Bonhoeffer zum „Schweizer Radio und Fernsehen“ (SRF). Würde man nach diesen 48-Stunden gehen, so liege die Zahl der nachverfolgten Infektionen lediglich bei 60 Prozent. Das Problem dabei sei vor allen Dingen, dass das Contact-Tracing auf Corona-Apps nur die letzten 48 Stunden berücksichtigt. Das heißt, dass viele Infektionen, die vor der 48-Stunden-Frist stattfinden, nicht nachverfolgt und gemeldet werden können.

    Bonhoeffer betont dabei die Wichtigkeit und Bedeutung eines solchen Fehlers: „Das war eine der ganz wichtigen Studien, die auch dazu geführt hat, dass das ECDC und die WHO 48 Stunden Rückverfolgungsperiode empfehlen. Wenn man die Daten analysiert, sieht man, dass diese 48 Stunden auf einem Fehler basieren und dass man Kontakte weiter zurückverfolgen muss.“

    Sache der Kantone

    Das Bundesamt für Gesundheit in der Schweiz habe bereits eine erneute Evaluierung der Studie angekündigt. Um jedoch konkrete Maßnahmen zu ergreifen, müsse jeder Kanton selber handeln. Das Contact-Tracing liege nämlich im Aufgabenbereich von den Kantonen – nicht vom Bund, so das SRF.

    Die Entscheidung werde dennoch nicht auf die leichte Schulter genommen. Viele Kantone warten nun auf einen nationalen Entscheid oder eine Empfehlung von der Seite des Bundes. Denn schließlich würde der Beschluss sich auf eine wichtige Frage auswirken: Wer muss in Quarantäne und erhält diese Person deswegen einen Erwerbsersatz?

    Bisher sehe sich kein Kanton voll ausgelastet in Bezug auf das Contact-Tracing, wie sich aus einer Umfrage ergab. Die Kapazität könne gegebenenfalls erhöht werden, falls der Bund Anpassungen vornehmen würde. Der Kanton Uri hat sogar auf die Veränderung der Studie reagiert. Der Kantonsarzt beschloss, dass alle Menschen, die innerhalb von 96 Stunden mit präsymptomalen Krankheitsträgern in Kontakt standen, freiwillig in Quarantäne gehen sollen.

    Praxis über Modell gestellt?

    Während die Autoren der ursprünglichen Studie aus Hongkong die Korrektur anerkannt haben, befasst sich nun auch das Robert-Koch-Institut (RKI) mit den Ergebnissen. In einem Artikel von „Fokus Online“ kann man lesen, dass auch das RKI sich auf die 48-Stunden-Regel zur Personenrückverfolgung verlassen hätte. Doch anhand von Beispielen aus der Praxis, wie dem Ausbruch beim Automobil-Zulieferer Webasto, habe man bisher gute Erfahrungen mit dieser Regel gemacht. Zudem würde auch das unbestimmte Definieren des Beginns der Symptome, ebenfalls Schwierigkeiten bereiten.

    Eine Sprecherin der RKI sagte zu „Focus Online“ dazu: „Aus dem Webasto-Cluster wissen wir, dass dieser [der Symptombeginn] sehr schleichend sein kann und ein oder mehrere Tage an leichter Symptomatik einer ‚typischeren‘ vorausgehen kann.“ So könnte der Symptombeginn öfter zu spät verortet werden und dadurch werde auch der „präsymptomatisch-infektiöse Anteil überschätzt“.

    lm/gs

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    Schweiz, Robert-Koch-Institut, Eidgenössisch-Technische Hochschule (ETH) Zürich, Corona-Warn-App, Coronavirus