06:17 21 September 2020
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    Forscher haben herausgefunden, dass die Zeit im höheren Alter tatsächlich schneller vergeht. Bei gleich mehreren Experimenten konnten bejahrte Freiwillige die Dauer eines Intervalls zwischen zwei Signalen nicht genau bestimmen. Sie dachten nämlich, es wäre länger gewesen als in Wirklichkeit.

    Manche Forscher führen das auf eine langsamere Arbeit des Gehirns zurück, andere auf frühere Erfahrungen der Menschen, die ihre Wahrnehmung verändert haben könnten.

    Jede Sekunde zählt

    Der US-amerikanische Biomediziner Robert Sothern maß sich 35 Jahre lang jeden Morgen die Temperatur, den Blutdruck und den Puls und bewertete dabei, wie lange für ihn eine Minute dauerte. Alle Ergebnisse schrieb er sorgfältig auf. Jahre später bildeten sie die Basis für eine Studie, die zeigte, dass im höheren Alter die Zeit schneller läuft – genauer gesagt die Wahrnehmung der Zeit.Am Anfang seines Experiments konnte Sothern die Dauer einer Minute noch richtig einschätzen, aber als er etwa 60 Jahre alt war, dauerte sie für ihn einige Sekunden länger. Ähnlich sahen die Ergebnisse solcher Experimente mit 60- bis 80-jährigen Freiwilligen aus, die die Dauer von drei Minuten einschätzen sollten – und dabei manchmal um 40 Sekunden daneben lagen. Junge Menschen (im Alter von 19 bis 24 Jahren) hatten diese Probleme nicht.

    Das Gehirn funktioniert langsamer, die Zeit läuft schneller

    Nach Einschätzung eines Forscherteams von der Duke University (USA) lässt sich das auf die Schnelligkeit der Hirnfunktionen zurückführen. Je älter man wird, desto langsamer kann sein Gehirn äußere Gestalten verarbeiten und hinkt deshalb der wirklichen Zeit immer mehr hinterher. Es entsteht der Eindruck, dass die Zeit schneller läuft.

    Darüber hinaus ist die Wahrnehmung der Zeit mit Sakkaden – schnellen abgestimmten Augenbewegungen in ein und dieselbe Richtung – verbunden. Sakkaden sind nur bei Primaten entwickelt und spielen eine wichtige Rolle bei ihrer Wahrnehmung der Umgebung. Zwischen den Sakkaden verarbeitet das Gehirn visuelle Informationen. Und bei Kindern passiert das schneller, und deshalb läuft die Zeit für sie quasi schneller.

    Aber auch Erwachsene können die Zeit etwas „bremsen“. Zu diesem Zweck müssen sie sich gut ausschlafen und erholen, denn die Geschwindigkeit der Prozesse im Gehirn wird nicht nur vom Alter, sondern auch von chronischer Müdigkeit beeinflusst, behaupten die Forscher.

    Schwierigkeiten der Wahrnehmung

    Nach Einschätzung deutscher Wissenschaftler hängt die Zeitwahrnehmung größtenteils von visuellen Informationen ab, genauer gesagt vom Schwierigkeitsgrad dieser Informationen. Im Rahmen eines Experiments wurden Freiwilligen mal einfache Bilder, mal asymmetrische Bilder mit etlichen kleineren Details gezeigt. Und die Versuchspersonen behaupteten am Ende, sie hätten schwierige Bilder kürzer betrachtet als einfachere. Das war allerdings nicht so.

    Britischen Neurophysiologen zufolge spielt der Gehörsinn jedoch die wichtigste Rolle. Sie zeigten, dass man bei einer Beschädigung von Hirnbereichen, die für den Gehörsinn zuständig sind, weder die Länge eines Tons noch die Dauer der Betrachtung eines Bildes richtig einschätzen kann. Und bei Störungen von Hirnbereichen, die das Sehvermögen bedingen, kamen Fehler nur bei Versuchen vor, die Dauer des visuellen Impulses zu bestimmen. Angesichts dessen schlussfolgerten die Forscher, dass die Zeit in den Abschnitten der Hirnrinde gemessen wird, die für den Gehörsinn zuständig sind, während visuelle Signale automatisch mit Tonsignalen verglichen werden.

    Eben um diesen Vorgang geht es, der einem älteren Gehirn schwerer gelingt, finden kanadische Experten. Bejahrte Menschen können mitten in einem Gespräch plötzlich vergessen, worum es eigentlich geht, und haben Schwierigkeiten am Lenkrad. Und die Zeit läuft für sie schneller als in jungen Jahren.

    Zu solchen Schlüssen sind die Forscher gekommen, indem sie die Reaktionen der Freiwilligen auf zwei Reiztypen beobachteten: auf weiße Kreise auf dem Computerbildschirm und auf Töne. Diese Signale wurden mal gleichzeitig, mal nacheinander gesendet, und die Probanden hatten innerhalb von drei Sekunden zu entscheiden, ob das gleichzeitig oder nicht geschah – und auf den entsprechenden Knopf zu drücken.

    Dabei stellte sich heraus, dass die Fehlerzahl vom Alter abhängt. Es sieht danach aus, dass das Gehirn einer 50- bzw. 60-jährigen Person Informationen schlechter verarbeitet. Das erklärt auch, warum die Zeit für ältere Menschen schneller läuft.

    Zudem zeugen jüngste Erkenntnisse, dass sich mit der Zeit die Aktivität des Hippocampus verändert, so dass man nicht mehr in der Lage ist, verschiedene Ereignisse voneinander abzugrenzen. Also wenn ältere Menschen es mit einer lückenlosen Informationsmenge zu tun haben, fällt es ihnen schwer, diese Informationen in einzelne Teile aufzuschlüsseln und „unnötige“ Fragmente auszusondern. Darunter leidet übrigens auch die Erinnerungsfähigkeit: Um konkrete Ereignisse nicht zu vergessen, muss man sie voneinander genau trennen können.

    Erfahrungen sind entscheidend

    Nach Einschätzung britischer Forscher sollte man auch die Lebenserfahrungen der jeweiligen Person berücksichtigen. Wenn ein und dasselbe Signal mehrmals wiederholt wird, denkt man, dass die Zeit, die es dauerte, kürzer wird, obwohl das nicht wahr ist. Da die meisten Menschen jeden Tag dieselben Ereignisse erleben, ist es kein Wunder, dass die Zeit für sie im höheren Alter schneller läuft.

    Zu ähnlichen Ergebnissen sind auch die Neurophysiologen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) gekommen. Allerdings testeten sie keine Menschen, sondern Labormäuse. Diese konnten am Ende das Intervall zwischen zwei Lichtblitzen erkennen und dann dieselbe Zeit lang ein Kommando erfüllen.

    Als sich die Nagetiere an ein kurzes Intervall (zwischen 400 und 700 Millisekunden) gewöhnten (in Wirklichkeit betrug die Pause zwischen den Signalen 800 Millisekunden), erfüllten sie die Kommandos früher. Und als sich die Mäuse einem Intervall von 900 bis 1200 Millisekunden anpassten, reagierten sie etwas später.

    Also wurden ihre Entscheidungen und ihre zeitliche Wahrnehmung von ihren vorherigen Erfahrungen beeinflusst. Mehr noch: Die Analyse von 1440 Neuronen im Frontalhirn der Mäuse (und es gilt, dass gerade dieses Fragment für das Zeitgefühl zuständig ist) ergab, dass die Aktivitäten der Nervenzellen bei verschiedenen Tieren unterschiedlich waren. Das lässt annehmen, dass das Gehirn imstande ist, vorherige Erfahrungen in die Struktur der synaptischen Verbindungen einzubauen. Später wurde das auch bei Versuchen an einem Computermodell bestätigt.

    Aber das Gehirn ist kein Computermodell, und es ist praktisch unmöglich, Lebenserfahrungen „auszuradieren“. Aber wenn man immer nach neuen Erfahrungen strebt und versucht, sein Leben möglichst vielfältig zu gestalten, kann man den Zeitverlauf verlangsamen, finden die Forscher vom Dartmouth College (USA). Bei ihren Experimenten zeigten sie den Versuchspersonen ihnen gut bekannte Bilder und Bilder, die sie nie zuvor gesehen hatten. Die meisten Probanden glaubten, dass ihnen die nicht bekannten Bilder länger gezeigt wurden als alle anderen.

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    Tags:
    Gehirn, Forschung, Alter, Studie