04:16 29 Oktober 2020
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    Eines der verbreitetsten Analgetika – Paracetamol – lindert nicht nur Kopfschmerzen und Fieber, sondern wirkt sich auch auf das Gehirn aus, indem aggressives Verhalten und Abschwächung der kognitiven Funktionen gefördert werden.

    Ein ähnlicher Effekt ist bei Statinen zu erkennen. Allerdings ist der Mechanismus bei diesen Wirkstoffen unklar und die Ergebnisse sind widersprüchlich.

    Riskante Pille

    Wissenschaftler der Ohio University führten ein Experiment mit 500 Freiwilligen durch. Einer Gruppe wurde Acetaminophen (US-Bezeichnung für Paracetamol) und einer anderen Gruppe ein Placebo verabreicht. Beide Gruppen wurden gebeten, Luftballons aufzublasen –  gegen Entgelt. Die Höhe der Bezahlung hing von der Größe des Luftballons ab, doch wenn der Luftballon platzte, gingen die Probanden leer aus. Im Ergebnis stellte sich heraus, dass es deutlich mehr risikobereite Menschen, die den Luftballon möglichst groß aufblasen wollten, unter jenen gab, denen Paracetamol verabreicht worden war. Jene, die ein Placebo bekommen hatten, hörten rechtzeitig mit dem Aufblasen auf. In dieser Gruppe gab es fast keine geplatzten Luftballons. Danach bewerteten die Freiwilligen das Risikoniveau einiger hypothetischer Ereignisse – z.B. Bungeejumping bzw. Autofahren ohne Sicherheitsgurt. Auch hier dämpfte Acetaminophen das Gefühl für Gefahren. Jene, die dieses Medikament einnahmen, zeigten sich häufiger bereit, ein Risiko einzugehen und mit hoher Geschwindigkeit nicht angeschnallt zu fahren.

    Offenbar dämpfe dieser Wirkstoff negative Emotionen und verringere Angstzustände, wenn der Mensch zu Risiken bereit sei, so die Verfasser der Studie. Warum dies geschieht, ist bislang unklar. Da Paracetamol in den meisten Ländern nicht rezeptpflichtig sei, und in einigen Regionen 25 Prozent der Menschen mindestens einmal pro Woche Paracetamol einnähmen, könne das unangenehme Folgen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen, so die Wissenschaftler.

    Zwei Gefühle – ein Medikament

    Laut der Studie der kanadischen Wissenschaftler kann Paracetamol auch die kognitiven Funktionen negativ beeinflussen. Freiwillige, denen Paracetamol gegeben wurde, antworteten langsamer auf Fragen und machten öfter Fehler als jene, die ein Placebo bekamen. Allerdings dauerte dieser Effekt nicht lange – bereits nach einigen Stunden war die Geschwindigkeit der Reaktion wie zuvor.

    Wie US-Forscher nachgewiesen haben, dämpft Acetaminophen ebenfalls die Empathie. Gleich bei zwei Experimenten konnten Freiwillige nach der Einnahme dieses Medikaments schlechter die Emotionen der Gesprächspartner ablesen sowie ihre eigenen und fremde Schmerzen  schlechter einschätzen – z.B. bei einer tiefen Schnittwunde.

    Laut den Autoren der Studie ist dieses merkwürdige Ergebnis auf die Besonderheiten des menschlichen Gehirns zurückzuführen. Bei der Wahrnehmung des Schmerzes – egal von wem – aktivieren sich dieselben Abschnitte wie bei sogenannter positiver Empathie  - Freude für andere Menschen. Gerade deswegen beeinflusst die Dämpfung der Schmerzgefühle das Mitgefühl für andere Menschen.

    Der neurologisch-biochemische Wirkungsmechanismus von Acetaminophen ist bislang unklar. Es wurde nur festgestellt, dass er nicht den Austausch des wichtigsten für die Empathie zuständigen Neurotransmitters - Oxytocin – beeinflusst. Wahrscheinlich steht dieses Medikament irgendwie in Verbindung mit dem Cannabinoiden-System, das die Kommunikation zwischen den Zellen des Nervensystems gewährleistet. Doch das konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

    Aggressivität in Pillen

    Weitaus verständlicher ist der Zusammenhang zwischen Aggressivität und Statinen – das sind Medikamente, die den Cholesterinspiegel und damit auch das Infarkt- und Hirnschlag-Risiko senken.

    Forscher zeigten vor einigen Jahren, dass Affen, die einer Diät mit einem niedrigen Cholesterinspiegel unterzogen werden, sich viel feindseliger zueinander verhielten. Derselbe Effekt war auch bei Nilbuntbarschen, die einige Tage lang mit Statinen gefüttert worden waren, zu erkennen. In ihrem Blut gingen Cholesterin und Serotonin zurück, die Aggressivität hingegen nahm zu.

    Der Zusammenhang zwischen Cholesterin und Serotonin –  einem Neurotransmitter, der an der Verhaltensregulierung teilnimmt, erklärt auch die menschlichen Merkwürdigkeiten. Nach Angaben von Forschern der University of California in San Diego sorgten Statine für den Anstieg der Aggressivität unter Frauen mittleren Alters.

    Fast 1000 Freiwillige verschiedenen Alters nahmen jeden Tag innerhalb von sechs Monaten entweder Statine oder Placebo ein. Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmerinnen älter als 45 Jahre, die das Medikament bekamen, nicht ruhiger, sondern aggressiver wurden. Auf die Männer wirkten die Statine umgekehrt – sie wurden ruhiger.

    Allerdings sind sich die kanadischen Forscher sicher, dass der Einfluss der Statine auf das Verhalten der Patienten stark übertrieben ist. Es gibt nicht ausreichend Nachweise dafür, dass diese Medikamente für Gedächtnisverlust, Schlafstörungen und Aggression sorgen. Dafür gibt es deutlich mehr Menschen, die dank dieses Medikaments einen Infarkt bzw. Hirnschlag vermieden haben, als jene, die auf Nebenwirkungen stießen.

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    Tags:
    Schmerzmittel, Medikamente, Nebenwirkung