16:25 28 November 2020
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    Ziegen warnen vor Erdbeben, Schwäne tragen viele Vogelgrippeviren in sich, die schnell mutieren und auf Nutzvögel übertragen werden können. Vom Klimawandel beeinflusst passen Wildvögel ihr Zugverhalten dem Klimawandel an. Deutsch-russische Forscher suchen nach neuen Erkenntnissen im Projekt „Icarus“, von der Internationalen Raumstation ISS aus.

    Das Interesse der Biologie erstreckt sich von den kleinsten Bausteinen des Lebens bis hin zu den größten Phänomenen, die das Leben hervorbringt. In der Corona-Pandemie hat sich der Blick für die kleinen Prozesse im Körper, für Viren und die Prozesse in lebenden Zellen geschärft. Doch nahezu unbemerkt haben deutsche und russische Forscher auch den Blick für die größten Lebensprozesse geweitet. Aus dem Weltall, von der Internationalen Raumstation (ISS) aus, richten die Forscher den Blick auf die Erde im Rahmen des „Icarus“-Projekts.

    „Icarus“ ist „ein ganz neuartig entwickeltes System, mit dem man aus dem Weltall mithilfe eines Satelliten im Weltraum Tiere auf der Erde beobachten, deren Zugverhalten erforschen kann. Man kann deren Bewegungsdaten, das Zusammenspiel mit anderen Tieren, quasi die Welt aus den Augen der Tiere sehen und daraus Wissen für uns Menschen sammeln“, erklärt die Projektkoordinatorin von deutscher Seite, Uschi Müller, vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie im Sputnik-Gespräch.

    Ab 2021 wird das Projekt international

    Bislang läuft das Projekt seit 18. September im Pilotbetrieb. Bereits wurden 1000 Vögel mit Minisensoren ausgestattet. Dazu sollen 5000 weitere Tierarten kommen und die Menge der Tiere immer weiter in internationaler Zusammenarbeit erhöht werden. Bis September 2021 sollen im Rahmen von „Icarus“ ausschließlich deutsche und russische Projekte durchgeführt werden. „Das liegt daran, dass die gesamte Finanzierung und Unterstützung auf deutschen und russischen Förderungen beruht“, erläutert Müller. „Ab Mitte September 2021 wird das System dann für die internationale Wissenschaft geöffnet.“ Die gegenwärtigen internationalen Kooperationen werden unter der Führung des Max-Planck-Instituts und des Instituts für Geographie durchgeführt.

    „Icarus“ hat viele Vorläufer. Besonders prominent ist etwa das „Argos“-Projekt. Die Präzision der „Icarus“-Technologie soll allerdings die Vorgänger übertreffen.

    Das Wissen, das die deutschen und russischen Forscher sammeln wollen, ist laut Müller vielfältig: Es reicht von der Beobachtung eines kompletten Tierlebens über die Ausbreitung von Krankheiten wie der Vogelgrippe und die Auswirkungen des Klimawandels bis zu Katastrophenvorhersagen.

    Mit Fiebermesser gegen die Vogelgrippe

    An der Ausbreitung von Krankheiten, auch unter sich klimatisch ändernden Bedingungen, haben beide Projektpartner Interesse. Kein Wunder, haben sich doch der deutsche Projektkoordinator Martin Wikelski und der russische Projektkoordinator Grigorij Tertitskij bereits im Jahr 2009 im Rahmen eines Projekt zur Möwen-Migration zusammengeforscht.

    „Im Geografischen Institut wollen wir Untersuchungen zur Rolle von Vögeln bei der Verbreitung von gefährlichen Krankheiten durchführen. Es ist bekannt, dass Vögel unter menschlichem Einfluss und klimatischen Veränderungen ihre Flugrouten, Aufenthaltsorte und Winterquartiere ändern können. Besonders flexibel sind hier Wassertiere, die zugleich auch die Hauptüberträger von Infektionen sind, da sie öfters Kontakt zum Menschen und domestizierten Tieren haben“, teilt Tertitskij, der am Moskauer Institut für Geografie (IG RAS) arbeitet, Sputnik gegenüber mit.

    Die deutsche Seite interessiert sich ebenfalls für die Übertragung von Krankheiten und knüpft hier an frühere Forschungen an, konkret an eine Studie Martin Wikelskis vom chinesischen Poyang-See. „Dieses Gebiet nennt man auch „The perfect soup“. Das heißt nichts anderes, als dass da die unterschiedliche Tiere mit den Menschen sehr eng zusammenleben, interagieren und sich auf diese Art und Weise Krankheiten entwickeln“, erzählt Müller. „Diese Krankheiten werden über die großen Tiermärkte in China weitergegeben an die Menschen, an weitere Tiere und so verbreitet sich das einmal über ganz Asien und am Beispiel Vogelgrippe auch bis nach Europa und Afrika.“

    Von Interesse ist laut Müller auch die Übertragung auf weite Distanz, die aus dem Weltall leicht verfolgt werden kann, etwa anhand von Enten, die tausende Kilometer zurücklegen können und so auch die Vogelgrippe nach Europa gebracht haben sollen. Möglich macht das ein Temperaturmesser, der in den Sensoren integriert ist, sodass die Erkrankung nicht nur rasch festgestellt, sondern auch Warnungen herausgegeben werden können, „wenn

    kranke Tiere sich in Richtung Europa oder Afrika oder sonst wohin begeben“.

    Ziegen als Erdbeben-Frühwarnsystem

    Ein anderer Schwerpunkt ist die Erforschung von Tierreaktionen auf Naturkatastrophen. „Wir haben in der Richtung 2012-2014 eine Vorstudie an Ziegen am Vulkan Ätna auf Sizilien gemacht. Wir haben dort damals Ziegen besendert, die sich frei am Ätna bewegen über die gesamte warme Saison und konnten an drei großen Vulkanausbrüchen des Ätna in dieser Zeitspanne feststellen, dass die Ziegen ihr Verhalten und ihren Aufenthalt signifikant und schnell verändert haben, sich circa vier bis fünf Stunden vorher in Sicherheit gebracht haben“, erklärt Müller den Hintergrund.

    In einer anderen Studie hatten die Forscher in den südostitalienisches Abruzzen Tiere auf einem italienischen Bauernhof mit Sendern ausgestattet. So konnten sie beobachten, dass die Tiere ihr Verhalten bereits zehn bis zwölf Stunden vor dem eigentlichen Erdbeben nach dessen Epizentrum „signifikant“ ausrichteten. „Das könnte in Zukunft den Menschen rechtzeitige Hinweise geben, dass ein Vulkanausbruch oder ein Erdbeben ansteht und könnte helfen, Leben zu retten“, ist sich Müller sicher.

    Bislang sei allerdings die Tiersensibilität nicht mit seimographischen Methoden verglichen worden. Das soll in Kürze in Zusammenarbeit mit einem Institut für Geoforschung erfolgen.

    Vögel geben Auskunft über Klima

    Da sich das Zugverhalten am klimatischen Geschehen orientiert, kann auch das Wechselspiel zwischen Tieren und Klimawandel untersucht werden. „Vögel die in die Arktis ziehen, können uns sehr gut über Schneebedeckung Auskunft geben“, erklärt Müller. „Manche Arten verändern ihre Zugmuster je nach Schneebedeckung. Wir haben hier sehr gute biologische Sensoren auf kleinstem Maßstab, die uns aber über die gesamte Arktis Auskunft geben können.“

    Bereits im März war die benötigte Technik an der ISS installiert worden. Bis zu ihrer Verwendung dauerte es allerdings einige Monate, doch in der Zwischenzeit wurden die ersten 1000 Amseln in Deutschland, anderen europäischen Ländern, Russland, China und Nordamerika mit Sendern versehen, die Daten an die ISS senden. Die Sender sind in etwa so groß wie eine Ein-Cent-Münze und wurden wie auch die entsprechende Technik an Bord der ISS nach Vorgaben des Max-Planck-Instituts von diversen Firmen entwickelt.

    Das Interview mit Uschi Müller zum Nachhören:

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    Tags:
    Sender, Weltall, ISS, Arktis, Klimawandel, Ziegen, Erdbeben, Naturkatastrophen, Pandemie, Epidemie, Vogelgrippe, Vögel, Biologie, Tierverhalten, Tiere