21:50 23 September 2017
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    Russland: Immer mehr Rentner auf Minijobs angewiesen

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    In Russland wollen oder müssen immer mehr Rentner bis ins hohe Alter arbeiten gehen, schreibt die Zeitung „Wedomosti“ am Mittwoch.

    In Russland wollen oder müssen immer mehr Rentner bis ins hohe Alter arbeiten gehen, schreibt die Zeitung „Wedomosti“ am Mittwoch.

    Nach Angaben des russischen Rentenfonds vom 1. Oktober haben 37,4 Prozent der russischen Rentner einen Job. Am 1. Januar hatte sich diese Zahl auf 36,4 Prozent belaufen. Das ist deutlich mehr als eine Studie der Statistikbehörde Rosstat vor einem Jahr ergeben hatte: 23 Prozent der Russen müssen durchschnittlich noch sechs Jahre lang arbeiten, nachdem sie in den Ruhestand getreten sind.

    Der Trend lasse sich einerseits auf eine bessere Gesundheit (laut dem Arbeits- und Sozialministerium ist die Lebenserwartung in Russland von 67 auf 70,3 Jahre gestiegen) zurückführen, sagte Igor Poljakow vom Zentrum für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognostizierung. Andererseits aber sei offenbar auch um Geldmangel im Spiel. Rosstat zufolge lag die Durchschnittsrente im Oktober bei 9176 Rubel (umgerechnet 230 Euro), was 34,9 Prozent vom landesweiten Durchschnittslohn ausmacht. Laut Rentenfonds lag die Durchschnittsrente im April allerdings bei 9817 Rubel (etwa 245 Euro).

    Viele Rentner arbeiten in schlechtbezahlten Jobs wie Nachtwächter oder Hoffeger, fuhr Poljakow fort. Jewssej Gurwitsch, Chef der Wirtschaftsexpertengruppe EEG, führte an, dass bis zu 77 Prozent der Lehrer und Ärzte und etwa 63 Prozent der Militärs im Ruhestand arbeiten.

    Die Zahl der arbeitenden Rentner werde weiterhin steigen, prognostizierte der Generaldirektor des Allrussischen soziologischen Forschungszentrums „Öffentliche Meinung“, Valeri Fjodorow. 2010 hatten ihm zufolge 56 Prozent der Menschen im Ruhestand gearbeitet. Dieser Trend halte seit den frühen 1990er-Jahren an, betonte er. Die Gründe für die Weiterbeschäftigung bis ins hohe Alter haben sich in den vergangenen 20 Jahren jedoch geändert. Von 49 auf 81 Prozent sei die Zahl der Rentner gestiegen, die sich über Geldmangel beklagen. 24 Prozent haben sich an die tägliche Arbeit gewöhnt. 21 Prozent wollen gerne weiter arbeiten. 36 Prozent der befragten Rentner gaben an, ihre Kinder finanziell unterstützen zu wollen.

    In den 1990er-Jahren hatten Rentner noch an die staatliche Unterstützung geglaubt, so Fjodorow. Mittlerweile verlassen sich die Russen lieber auf sich selbst. Verunsicherung entstehe auch durch Gerüchte über eine neue Rentenreform. „Niemand versteht, mit welchen Geldern künftige Rentner rechnen dürfen“, so der Experte.

    Laut der Reform müssen die Russen mindestens 35 Jahre gearbeitet haben, damit die Rente bei 40 Prozent des Durchschnittslohns liegt, teilte die stellvertretende Ministerpräsidentin Olga Golodez unlängst mit. Wenn diese Richtlinie bereits jetzt gelten sollte, dann dürften 52,7 Prozent der Rentner mit einer vollwertigen Rente rechnen. Die Zahl der Menschen mit langer Arbeitszeit werde jedoch sinken, vermutete Experte Poljakow. Die Situation hänge von der Fähigkeit der Behörden ab, die Flucht der Werktätigen in die Schwarzarbeit (diese Zahl liegt derzeit bei 30 Prozent) zu stoppen, sagte Wladimir Gimpelson von der Wirtschaftshochschule in Moskau.

    Laut dem Wirtschaftsministerium werden die Renten bis 2020 auf 30 Prozent des Durchschnittslohns sinken. Das vom Arbeitsministerium bestimmte Ziel, die Renten auf 40 Prozent des Lohnniveaus bei gleichzeitiger Verlängerung der erforderlichen Arbeitszeit anzuheben, bedeute faktisch Rentenkürzungen, sagt Andrej Tschernjawski von der Wirtschaftshochschule. Die von beiden Behörden angeführten Zahlen widersprechen einander nicht, ergänzte er.

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