14:10 10 Dezember 2019
SNA Radio
    Charlie Hebdo

    Westliche Pressefreiheit bedeutet Verantwortung

    © East News / AP Photo/Lionel Cironneau
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Von
    Anschlag auf Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris (34)
    1339
    Abonnieren

    Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen in Paris haben abermals bewiesen, dass die Kluft zwischen der westlichen und der islamischen Zivilisation immer tiefer wird, schreibt die "Nesawissimaja Gaseta" am Freitag.

    Der Terrorismus, der inzwischen allgegenwärtig geworden ist und im Grunde zum Alltag gehört, ist ein schreckliches Übel, das durch nichts gerechtfertigt werden kann. Eine effektive Bekämpfung dieses Übels ist aber nur dann möglich, wenn alle Kräfte gebündelt werden.

    Es ist sinnlos, Terroranschläge nur zu bedauern, der Opfer zu gedenken und von der Notwendigkeit der Auslöschung des Terrorismus zu sprechen. Um neue Bluttaten zu verhindern, ist eine umfassende Analyse aller Komponenten der entstandenen Situation erforderlich.

    Auffallend ist in diesem Zusammenhang ein im "Wall Street Journal" am 8. Januar veröffentlichter Artikel, in dem darauf verwiesen wird, dass die Gräueltaten der Islamisten keine Reaktion auf die erbärmlichen Lebensbedingungen der asiatischen Zuwanderer im Westen sowie auf die Nahost-Politik des Westens, sondern in erster Linie eine ideologische Herausforderung an die westliche Zivilisation und ihre Werte sind. 

    Der Zeitung zufolge sollten westliche Politiker mehr Entschlossenheit bei der Verteidigung liberaler Werte zeigen, anstatt ständig neue Zugeständnisse an Muslime zu machen. So kritisierte der Autor den früheren französischen Präsidenten Jacques Chirac, der einst gegen den Nachdruck der zuvor in einer dänischen Zeitung erschienenen Mohammed-Karikaturen in der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ gewesen war. Auch dem US-Präsidenten Barack Obama wird dessen Kritik an einem aus seiner Sicht für Muslime beleidigenden Videofilm im September 2012 vorgeworfen.

    Manche amerikanische Politologen sind überzeugt, dass der Westen eine offensivere Position zur Verteidigung der Pressefreiheit einnehmen sollte. Brendan O’Neill, Redakteur einer US-amerikanischen Online-Zeitung, hält es für die Pflicht des Westens, „das Recht auf freies Provozieren, auf Verhöhnung von Göttern, Propheten und orthodoxen Religionen“ zu schützen. „Die Freiheit zur Verspottung und Blasphemie sollte die Sensibilität der Minderheiten überwiegen“, so O’Neill. 

    Dabei ist er kein Einzelgänger. Ähnliche Ansichten haben viele westeuropäische Politiker. Damit setzen sie im Grunde die Pressefreiheit mit dem Recht gleich, jede andere Kultur zu beleidigen. In diesem Zusammenhang muss man der britischen "Financial Times" zustimmen, die am 8. Januar geschrieben hat, dass „Charlie Hebdo“ „kaum zu den überzeugendsten Verteidigern der Pressefreiheit gezählt werden kann“.

    Pressefreiheit bedeutet auch Verantwortung dafür, welche Auswirkungen das gedruckte Wort hat. Das Wort kann eine starke Waffe sein. Die Weltgeschichte kennt viele Beispiele dafür, dass unbedachte Worte Duelle oder sogar Kriege auslösten.

    Besonders aufmerksam sollte man mit heiklen Themen wie Religion und nationale Gefühle umgehen. Im Westen glauben viele Menschen immer noch an ihre Überlegenheit gegenüber anderen Völkern und deren Kulturen, weshalb die „Anderen“ die westlichen Werte respektieren oder sogar übernehmen müssten.

    Nicht zu übersehen ist allerdings, dass die Werte vieler Zivilisationen sich zunehmend von dem unterscheiden, was Washington und Brüssel propagieren. Es ist ja unvorstellbar, dass beispielsweise in russischen oder chinesischen Medien Karikaturen von Jesus Christus oder von Mohammed veröffentlicht würden – egal ob wegen der dortigen Gesetze oder wegen der ethischen Regeln und Traditionen.

    Die tragischen Ereignisse in Paris sind ein Beweis für die tiefe Krise der westeuropäischen Gesellschaft. Europäische Politiker haben bereits vor Jahren das Scheitern des Multikulti-Konzeptes einräumen müssen und damit ihre eigene Unfähigkeit, die 30 Millionen in Europa lebenden Muslime in die europäische Gesellschaft zu integrieren, auf die sie aber inzwischen angewiesen sind.

    Die Situation ist umso schlimmer, weil sich der Westen zu sehr auf die Idee versteifte, die Ukraine von Russland zu trennen, und gleichzeitig die Gefahr des islamischen Radikalismus unterschätzt hat. Wenn man bedenkt, dass nach dem jüngsten Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt in Paris viele französische Juden nach Israel ausgewandert sind, muss man feststellen, dass die Nahost- Politik der Europäer in eine Sackgasse geraten ist. Wegen ihres kurzsichtigen politischen Kurses müssen die Europäer jetzt mit Anschlägen und neuen Konflikten auf ihrem Territorium rechnen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Anschlag auf Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris (34)

    Zum Thema:

    IAPA-Bericht: US-Regierung beschränkt Pressefreiheit
    Moskau solidarisch mit OSZE bei Schutz der Pressefreiheit in der Ukraine
    „Lügenpresse“: Unwort des Jahres gekürt
    Blutroter Himmel für Nato-Weihnachten 2019 – Lauter die Panzermotoren nicht dröhnen
    Tags:
    Charlie Hebdo, Jacques Chirac, Brendan O’Neill, Barack Obama, Frankreich, Russland, Ukraine