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07:57 15 Oktober 2019
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    Michail Gorbatschow

    30 Jahre später: Wohin Gorbatschows Perestroika geführt hat

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    Heute vor 30 Jahren, am 11. März 1985, ist Michail Gorbatschow zum Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU gewählt worden, schreibt der Vorsitzende des russischen Rats für Außen- und Verteidigungspolitik, Fjodor Lukjanow, in der Mittwochausgabe der "Rossijskaja Gaseta".

    Damals konnte niemand ahnen, welch radikale Veränderungen dem Land in den kommenden Jahren bevorstanden. Aber die Beerdigung von gleich drei KPdSU-Generalsekretären in den frühen 1980er-Jahren (Leonid Breschnew 1982, Juri Andropow 1984 und Konstantin Tschernenko 1985) symbolisierte quasi den Verfall des sowjetischen Staatssystems. Und die Wahl des jungen (er war damals „nur“ 54 Jahre alt) und energischen Gorbatschow verleitete die Menschen zu Optimismus.

    Die von ihm ausgerufene „Perestroika“ (Umgestaltung) samt der „neuen politischen Denkweise“ waren ein einmaliges Phänomen. Es ist kaum sinnvoll, über ihre positiven oder negativen Folgen zu streiten, weil diese Folgen niemand hätte vorhersehen können. Jetzt wird im Kontext des Konflikts zwischen Russland und dem Westen wegen der Ukraine-Krise sogar die wichtigste Errungenschaft Gorbatschows, nämlich die Beendigung des Kalten Kriegs infrage gestellt. Jetzt glaubt man eher, der Kalte Krieg wäre nicht beendet, sondern nur unterbrochen worden, um gut 25 Jahre später wiederaufgenommen zu werden.

    Zum Erbe der „Perestroika“ gehört aber auch eine Evolution des Bewusstseins der sowjetischen bzw. russischen Menschen. 30 Jahre später befindet es sich in einer Phase, die mit der in den späten 1980er-Jahren durchaus vergleichbar ist.

    Die von Gorbatschow propagierte „neue Denkweise“ war dermaßen idealistisch, dass die meisten Experten sie lange nicht ernst nehmen konnten. Der Kreml glaubte damals aber tatsächlich daran, dass die Konfrontation (mit dem Westen) allein auf Basis der allgemein-menschlichen Werte und des guten Willens überwunden werden könnte, so dass sich die Seiten über den Aufbau einer anderen – gleichberechtigten und gerechten – Welt einigen könnten.

    Jetzt aber hat sich die Situation verändert: Die Atmosphäre im heutigen Russland ist ganz anders als in „Perestroika“-Zeiten. Der damalige Idealismus wurde von einem absoluten und oft übertriebenen Realismus abgelöst. Moskau glaubt jetzt nur an seine eigene Kraft. Es vertraut nicht mehr seinen westlichen Partnern und wirft ihnen Feindseligkeit und Hinterlist vor. Jegliche Ausführungen bezüglich gewisser Werte in den internationalen Beziehungen rufen bestenfalls Sarkasmus hervor.

    Über diese Reaktion der Russen sollte man sich nicht wundern: Die „Perestroika“ hat ganz andere Folgen gebracht als ihre Initiatoren erwartet hatten. Am Ende standen die Gegner der Sowjetunion als Sieger da. Es ist sinnlos, sich darüber zu empören, dass sie versuchten, den Zusammenbruch des sowjetischen Systems maximal auszunutzen. Denn falls die Sowjetunion den Kalten Krieg gewonnen hätte, dann würde sie sich genauso verhalten. Aber egal wie, man sollte nicht erwarten, dass die russischen Regierenden jegliche Illusionen haben würden bezüglich der Bereitschaft des starken und siegreichen Westens, sich selbst freiwillig einzuschränken. Der Kreml glaubt nicht mehr dem Gerede, dass es keine „Nullsummenspiele“ geben würde. Russland ist jetzt noch vorsichtiger als die Sowjetunion gegenüber dem Westen eingestellt.

    Der Verzicht auf die ideologische Deutung der Welt ist nachvollziehbar. Beunruhigend ist allerdings, dass die enttäuschten „Hyperrealisten“ die „Perestroika“ nicht mehr als eine Entwicklungsphase des Landes betrachten, sondern nahezu als eine Verschwörung der äußeren Feinde. Als wäre der Enthusiasmus ihrer Mitbürger in den späten 1980er-Jahren nicht eine natürliche Reaktion auf die offensichtliche Krise des sowjetischen Staatsmodells gewesen.

    Die „Perestroika“ endete sehr dramatisch. Aber dieses Drama sollte nicht nur im geopolitischen bzw. sozialwirtschaftlichen Aspekt bewertet werden. Das war ein sehr wichtiger Moment für das Land, in dem die Menschen gemeinsam nach einer inneren Erneuerung und Reinigung strebten. Egal welche Fehler dabei begangen wurden, die historische Rolle solcher Episoden ist immer sehr wichtig. Die „Perestroika“ hat gezeigt, wozu überflüssiger Idealismus und Glaube an das Beste führen kann. Jetzt aber müssen die Russen verstehen, dass auch Pragmatismus allein nicht genügt, um auf seiner Basis etwas Stabiles aufzubauen.

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    Leonid Breschnew, Juri Andropow, Konstantin Tschernenko, Fjodor Lukjanow, Michail Gorbatschow, Ukraine