10:50 28 Juni 2017
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    Ärzte ohne Grenzen protestieren gegen Bombenangriff auf Krankenhaus in Afghanistan

    Klinik-Beschuss in Kundus: Ärzte ohne Grenzen glaubt Pentagon-Bericht nicht

    © REUTERS/ Denis Balibouse
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    Rossijskaja Gaseta
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    Das Pentagon hat die für den Luftangriff auf ein Krankenhaus im afghanischen Kundus verantwortlichen Militärs aus dem Dienst entlassen, schreibt die „Rossijskaja Gaseta“ am Donnerstag. Bei dem Angriff hatte es 30 Tote gegeben.

    Der US-Befehlshaber in Afghanistan, General John Campbell, sagte unter Berufung auf einen entsprechenden Untersuchungsbericht, dass der tragische Zwischenfall auf den „menschlichen Faktor“ zurückführen sei. Gegen die Verdächtigen sei ein Strafverfahren eingeleitet worden. Ihm zufolge hätte der tragische Zwischenfall vermieden werden können. Dem US-General zufolge sind die afghanischen Regierungstruppen und die amerikanischen Einheiten nach fünf Tage währenden Kämpfen gegen die Terrormiliz Taliban müde gewesen. Die amerikanischen Soldaten hätten das Krankenhaus mit einem Objekt der Terroristen verwechselt. Dem Pentagon-Untersuchungsbericht zufolge sind die Angriffsziele vor der Bombardierung nicht geprüft worden.

    Eine Verkettung von Fehlern habe zu diesem Zwischenfall geführt. Die Besatzung des Kampfflugzeugs vom Typ AC-130 habe den Angriff auf das Ziel ohne vorheriges Briefing geflogen. An Bord sei die Technik ausgefallen, mit deren Hilfe die US-Armee das von den Afghanen angegebene Gebäude hätte genauer identifizieren können. Weil die Besatzung geglaubt habe, von den Taliban beschossen zu werden, sei das Flugzeug von seinem eigentlichen Kurs in ein anderes Gebiet  abgewichen. Dies habe die Zielgenauigkeit einiger Bordinstrumente beeinträchtigt.

    Dem Piloten seien die korrekten Koordinaten des Ziels durchgegeben wurden. Auf den Bordcomputern des Flugzeugs hätten diese aufgrund der leichten Kursveränderung allerdings auf ein offenes Feld geführt, etwa 300 Meter vom angenommen Taliban-Unterschlupf entfernt. Die Besatzung habe danach mithilfe einer Kamera als Ziel das am nächsten gelegene große Gebäude zu finden versucht. Die Angaben der Afghanen habe „ungefähr mit dem Krankenhaus übereingestimmt“, so Campbell. Da es dunkel gewesen sei, hätten die Piloten bei dem Gebäude keine Anzeichen für ein geschütztes Ziel finden können.

    Campbell zufolge schickte die Besatzung eine Nachricht an das Einsatzkommando über den bevorstehenden Luftangriff mitsamt den Koordinaten, die jetzt auf das Krankenhaus zeigten. Obwohl das Krankenhaus auf einer US-Liste geschützter Objekte stehe, habe man am Boden das falsche Ziel nicht erkannt.

    Die Bombardierung erfolgte um 02.08 Uhr in der Nacht. Um 02.20 Uhr informierten Vertreter der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ das US-Kommando in Afghanistan über den Angriff auf das Krankenhaus. Als die Bombardierung um 02.37 Uhr beendet wurde, bemerkte das US-Kommando den fatalen Fehler.

    Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ kritisierte den Untersuchungsbericht des US-Verteidigungsministeriums. Laut Christopher Stokes, Geschäftsführer von „Ärzte ohne Grenzen“, bleiben viele Fragen offen. Er forderte eine unabhängige Untersuchung, die “sich nicht nur auf die unmittelbar Beteiligten des Luftangriffs in Afghanistan beschränkt”.

    Neben den 30 Toten sei Tausenden Menschen die Möglichkeit genommen worden, medizinische Hilfe in Kundus zu erhalten, so Stokes.  „Ärzte ohne Grenzen“ habe den Konfliktparteien die geographischen Koordinaten des Krankenhauses übergeben. Es handle sich um eine Verletzung des humanitären Völkerrechts, so Stokes.

    Das Krankenhaus war am 3. Oktober im Kampf gegen die Taliban bombardiert worden. Dabei waren 30 Menschen ums Leben gekommen, darunter Krankenschwestern, Ärzte und Kinder.

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    Tags:
    AC-130, Ärzte ohne Grenzen, Pentagon, John Campbell, USA
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