10:50 28 Juni 2017
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    Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Wie Enthüllungstheorien entlarvt werden

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    Es gibt Ideen, Theorien oder Behauptungen, die den Menschen die Augen auf bereits bekannte Ideen oder Theorien öffnen, die lange Zeit als Wahrheit galten, schreibt die Online-Zeitung „Slon.ru“ am Mittwoch.

    Es ist sehr interessant zu beobachten, wie Ideen entstehen, die allgemein herrschende Vorstellungen von diesen oder jenen Dingen widerlegen. Aber manchmal müssen auch Mythen-Aufklärer selbst enthüllt werden. Die Geschichte kennt immerhin viele Beispiele dafür, dass die neue „Wahrheit“ nichts als ein attraktives Ammenmärchen ist. Der Journalist Daniel Engber hat auf der Website „Five Thirty Eight“ mehrere solche Beispiele angeführt.

    Das Entlarven von Enthüllern kann die Sache eines ganzen Lebens werden, wie für Kriminologie-Professor Mike Sutton von der Trent University zu Nottingham, der als erster den Mythos vom Seemann Popeye enthüllte.

    Die Comics-Figur Popeye liebte angeblich Spinat und war deswegen enorm stark, und zwar weil Spinat angeblich eine große Menge Eisen enthält. Wie aber der Mathematiker Samuel Arbesman in seinem Buch „The Half-Life of Facts“ schrieb, war die These von Popeyes Superkraft nichts als eine Erfindung: 1937 stellte sich heraus, dass die früheren Einschätzungen des Eisengehalts im Spinat (35 Milligramm pro 100 Gramm) um das Zehnfache überhöht waren, weil der deutsche Chemiker Erik von Wolff in einem Werk aus dem Jahr 1870 ein Komma falsch gestellt hatte. Aber der Mythos vom hohen Eisengehalt in diesem Gemüse verankerte sich in den Köpfen der Menschen.

    Sutton hat den Entlarver Arbesman entlarvt. Der britische Skeptiker stellte fest, dass Popeye in einer 1932 erschienenen Folge des Zeichentrickfilms seine Kraft nicht auf den Eisengehalt, sondern auf den Gehalt von Vitamin A im Spinat zurückgeführt hatte. Zudem hatte der Spinatboom in den USA noch vor 1931 begonnen, als die erste Popeye-Folge erschien.

    Aber das genügte Sutton nicht, fuhr Engber fort. Der britische Professor entlarvte auch Charles Darwin, der als Gründer der Evolutionstheorie bekannt ist. In seinem Buch „Nullius in Verba: Darwin’s Greatest Secret“ behauptete Sutton, dass Darwin, egal ob absichtlich oder zufällig, diese Theorie dem Schotten Patrick Matthew entwendet hätte. Dieser soll diese Thesen bereits Anfang der 1830er Jahre zum Ausdruck gebracht haben, während Darwin seine Theorie erst 1859 veröffentlichte. Als Matthew ihm Plagiat vorwarf, behauptete Darwin, von dessen Werk nichts gewusst zu haben.

    Doch Sutton zufolge blieb Matthews Idee gar nicht im Schatten. Im Gegenteil: Sutton stellte fest, dass er Mitte des 19. Jahrhunderts von mindestens sieben Wissenschaftlern in ihren Werken zitiert worden sei, von denen drei enge Kontakte mit Darwin gehabt haben sollen.

    Dennoch will die wissenschaftliche Gemeinschaft trotz aller Bemühungen Suttons nicht daran glauben, dass der große Darwin seine Evolutionstheorie von jemand anders abgeguckt hatte.

    Wenn das Entlarven von Mythen ein solch großes Thema wie die Evolutionstheorie betreffe, werde das ganz anders als beispielsweise neue Fakten über die Zeichentrickfilmfigur Popeye wahrgenommen, bedauert Sutton. In solchen Fällen klingen die Enthüllungen dermaßen absurd, dass die Menschen nicht daran glauben wollen. Noch mehr als das: Ein Experte, der solche Enthüllungen veröffentliche, riskiere sein eigenes Image, so der Brite Sutton.

    Engber vergleicht ihn mit dem ungarischen Arzt Ignaz Semmelweis, dem Mitbegründer der Asepsistheorie. Dieser soll eine enorm hohe Frauensterblichkeit bei Geburten in Krankenhäusern im Vergleich zu Geburten zu Hause bemerkt und seine Kollegen aufgefordert haben, ihre Hände nach der Arbeit mit Leichen zu sterilisieren, bevor sie sich mit lebenden Patienten beschäftigen. Semmelweiß soll für diese Theorie ausgelacht und entlassen worden sein, weshalb er angeblich verrückt wurde und Selbstmord beging.

    Aber auch die Semmelweiß-Legende sei nichts als ein Märchen, so Sutton weiter. Ihm und mehreren anderen Forschern zufolge wurde der ungarische Mediziner nicht wegen dieses Zwischenfalls verrückt und hat keinen Selbstmord begangen. Mehr als dies: Seine Idee zur Sterilisierung der Hände wurde keineswegs ausgelacht, sondern in vielen wissenschaftlichen Werken der damaligen Zeit zitiert. Die Legende vom missverstandenen Gelehrten wurde erst viel später erfunden und etablierte sich – genauso wie die Spinat-Legende – erst nach zahlreichen Wiederholungen als Theorie.

    Tags:
    Spinat, Daniel Engber, Popeye
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