02:07 03 Juni 2020
SNA Radio
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Von
    Was wird mit dem Brexit? (340)
    2309
    Abonnieren

    Nach dem Volksentscheid über den EU-Austritt Großbritanniens wird die Situation sowohl in Europa als auch unmittelbar auf der Insel zunehmend konfuser. Unter diesen Umständen können mit dem so genannten Brexit alle möglichen Überraschungen begründet werden, schreibt die Zeitschrift „Kommersant-Dengi“ („Kommersant-Geld“) in ihrer jüngsten Ausgabe.

    Die Verfügungen und Empfehlungen aus Brüssel haben die EU-Skeptiker, darunter auf der Insel, schon seit langem genervt. Vor allem galt das der überflüssigen Marktregelung. Brüssel bestimmte, wie groß und wie krumm Gurken oder Bananen sein dürfen, wie Teepackungen aussehen sollen usw. Eine dieser Normen war die Direktive 2008/120/EC, die der „Wohlfahrt der Schweine“ („Pigswelfare“) gewidmet war bzw. ist. Unter anderem wurden Viehzüchter verpflichtet, ihre Schweine mit speziellem Futter zu füttern, der ihre „kognitiven Aktivitäten“ fördern würde. Nach dem Brexit können die britischen Schweine auch anders gefüttert werden. Ob das die Fleischqualität positiv oder negativ beeinflussen wird, ist vorerst unklar. Dennoch kann das später auf den EU-Ausstieg des Vereinigten Königreichs zurückgeführt werden.

    Jede Menge negative Reaktionen riefen auf der Insel auch die Umweltschutz-Initiativen der Union hervor, darunter die Ecodesign Directive 2009/125, der zufolge 2014 der Verkauf von mehr als 1600 Watt starken Staubsaugern verboten wurde. Brüssel wollte auch andere Elektrohaushaltsgeräte wie Haartrockner, Toaster oder Wasserkocher untersagen, deren Stärke 900 Watt übersteigen. Für die Briten, die bekanntlich ohne ihren Five-o’clock-Tea nicht leben können, war das eine Beleidigung. Jetzt müssen sie aber nicht mehr allzu lange warten, bis ihr Tee fertig ist, und können sich aus dieser Sicht wohl über ihren EU-Austritt freuen.

    Mit dem Brexit ist auch die Frage verbunden, ob Englisch weiterhin die offizielle Sprache der Europäischen Union bleibt. Denn nur in zwei EU-Ländern, nämlich in Irland und Malta, ist es die Staatssprache. Aber beide Länder haben gleich zwei Staatssprachen – neben der Englischen jeweils Irisch und Maltesisch. Deshalb wird Englisch im kontinentalen Europa nach dem Brexit keine formellen Rechte mehr haben. Das wäre aber wohl ein Anlass für Fremdsprachenlehrer, ihre Preise für den Unterricht anderer Sprachen wie Französisch, Deutsch, Spanisch oder Italienisch anzuheben.

    Nach dem Brexit ist die Wahrscheinlichkeit des Austritts Schottlands aus dem Vereinigten Königreich wesentlich größer geworden (mehr als 60 Prozent der Schotten haben sich am 23. Juni bekanntlich gegen den Brexit ausgesprochen). Allerdings ist Schottland die Region mit dem größten Haushaltsdefizit, der höchsten Arbeitslosenquote, den größten Sozialausgaben und der geringsten Arbeitsleistung. Zudem stimmen die Schotten überwiegend für linke Kräfte. Sollte sich Schottland von England und Wales trennen, würde die Labour Party höchst unwahrscheinlich die Nationalwahlen gewinnen. Und Schottland selbst würde wegen der Sozialisten noch tiefer in der Krise versinken. Am Ende könnte man das auch auf den Brexit zurückführen.

    Darüber hinaus wird nach dem Austritt der Briten aus der EU die Gefahr größer, dass die Union auseinanderfällt. Im Internet fantasiert man inzwischen, dass dem Brexit auch ein Nexit (Austritt der Niederlande), Dexit (Dänemarks), Czechout (Tschechiens), Departugal (Portugals), Italeave (Italiens), Byegium (Belgiens) oder Finish (Finnlands) folgen könnten. Denn das Beispiel der Insel hat die separatistischen Kräfte in vielen EU-Ländern stark inspiriert.

    Vom Brexit könnten überraschenderweise irische Immobilienhändler profitieren. Denn immer mehr britische EU-Optimisten, die das Referendum verloren haben, zeigen Interesse für die für sie zugänglichsten EU-Pässe, und zwar für die irischen. Angesichts dessen könnten die Immobilienpreise auf der „Grünen Insel“ deutlich steigen.

    Investoren, die ihr Geld in Gold angelegt haben, dürfen sich über den Brexit sicherlich freuen. Dieses Edelmetall gilt fast ewig als Schutzaktiv, und mit dem EU-Austritt Großbritanniens sind immerhin große Risiken verbunden. Experten der Liechtensteiner Increnmentum AG zufolge könnte der Goldpreis bis Juni 2018 auf 2.300 Dollar pro Unze steigen. Vor dem Brexit-Volksentscheid hatte er bei 1.260 Dollar gelegen, und danach hat er schon 1.315 Dollar erreicht.

    Verlustbringend könnte der Brexit für französische Weinbauer werden. Etwa 15 Prozent des EU-Haushalts bestehen derzeit aus britischem Geld. In absehbarer Zeit wird die Union diese Mittel also nicht mehr bekommen. Und beträchtliche Summen sind aus dem Haushalt für den Agrarsektor bestimmt. Andererseits ist Großbritannien einer der größten Verbraucher französischer Weine, und die Preise dafür in Pfund werden steigen (wegen des Verfalls des Pfund-Wechselkurses). Dafür aber bekämen hervorragende australische und neuseeländische Weine gute Wettbewerbschancen auf der Insel.

    Die wirtschaftlichen Turbulenzen in Europa und der Welt, die vom Brexit ausgelöst worden sind, können zu der von vielen Experten seit langem prognostizierten „Bruchlandung“ Chinas führen. Denn der Euro und das Pfund werden nicht nur gegenüber dem US-Dollar billiger, sondern auch gegenüber dem Yuan, was die Konkurrenzfähigkeit chinesischer Waren beeinträchtigt. Nach der „Bruchlandung“ würde die Immobilien-„Blase“ im Reich der Mitte platzen, was für viele chinesische Kreditnehmer die Insolvenz bedeuten würde.

    Und schließlich könnten die Europäer wegen des Brexits dümmer werden. Laut der griechischen Zeitung „Ekathimerini“ studieren derzeit etwa 60.000 Griechen auf der Insel, wobei sie als EU-Bürger wesentliche Vergünstigungen genießen. Nach dem Brexit wird es offenbar keine Vergünstigungen mehr geben, und zwar nicht nur für Griechen, sondern auch für Studenten aus anderen EU-Ländern. Den Verfall der Ausbildungsstandards könnte man irgendwann auch auf den Brexit schieben.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren
    Themen:
    Was wird mit dem Brexit? (340)

    Zum Thema:

    „Wahrscheinlich sind es die Russen“ – selbst Trump lacht über diese CNN-Meldung
    Ankara bestellt russische Militärtechnik für eine Milliarde USD – Weitere S-400 Lieferung in Sicht?
    Putin: Sukhoi-Erzeugnisse erregen „gewissen Schauder” bei Konkurrenten - Video
    US-Proteste, G7, Hackerangriff auf Bundestag: EU-Chefdiplomat nimmt Stellung 
    Tags:
    Brexit, EU, Großbritannien