Widgets Magazine
22:18 19 Oktober 2019
SNA Radio
    Türkische Soldaten liegen auf der Bosporus-Brücke in Istanbul nach dem gescheiterten Militärputsch

    Das überhastete Regiment: Warum der Militärputsch in der Türkei gescheitert ist

    © REUTERS / Stringer
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Von
    Putschversuch in der Türkei (231)
    1345
    Abonnieren

    Die Fehler der Putschisten in der Türkei können damit zusammenhängen, dass die Rebellion fünf Stunden früher als geplant gestartet wurde. Nach dem gescheiterten Putschversuch erwartet die Türkei einen Wechsel an der Spitze der Militärelite und eine mögliche Verschlechterung der Beziehungen zu den USA, schreibt die Zeitung „RBC“ am Dienstag.

    Drei Tage nach dem Putschversuch sind Details über die mögliche Zusammensetzung und den Plan der Putschisten bekannt geworden. Darüber berichten Quellen in der Regierung.

    Bislang gibt es unterschiedliche Informationen über die Drahtzieher des Putsches. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf Militärquellen berichtete, ist der mutmaßliche Anführer der Putschisten Oberst Muharrem Köse. Bis März war er Rechtsberater des türkischen Generalstabschefs und wurde wegen Amtsmissbrauch entlassen, so Reuters.

    Laut anderen Angaben ist das Mitglied des türkischen Obersten Militärrats, General Akin Öztürk, der mutmaßliche Organisator des Putsches. Öztürk war bis August 2015 Kommandeur der Luftstreitkräfte und sollte im August 2016 zurücktreten. Nach Angaben von HaberTurk berichtete eine Gruppe von Offizieren bereits im vergangenen Jahr dem Generalstab, dass Öztürk mit Anhängern des in den USA lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen in Verbindung stehe sowie über das Potential verfüge, einen Militärputsch durchzusetzen.

    Als Schattenanführer des Putsches wird von türkischen Behörden Gülen angesehen  – der Anführer der Hizmet-Bewegung, die von Erdogan als Terrororganisation eingestuft wird. Gülen wies seine Beteiligung an dem Sturzversuch zurück und betonte, dass er die türkischen Staatsbürger niemals zum Machtwechsel auf militärische Weise aufgerufen hätte, weil damit die Errichtung eines demokratischen Regimes unmöglich wäre.

    Einige Details der Pläne der Rebellen wurden aus ihrer Korrespondenz bekannt, die dem TV-Sender Al Jazeera zur Verfügung steht. Der Putsch sollte um 03.00 Uhr Ortszeit beginnen, allerdings wurde er wegen außerordentlicher Umstände um 21.30 begonnen. Laut dem ehemaligen türkischen Außenminister und Experten des internationalen Diskussionsklubs Waldai, Yasar Yakis, wussten wohl die türkischen Sicherheitsdienste über die Vorbereitung des Putsches im Voraus und unternahmen Maßnahmen zur Festnahme der Anführer und Organisatoren. Die frei gebliebenen Putschisten mussten die Rebellion dann früher beginnen.

    Die Fehler der Rebellen können vielleicht mit der Eile erklärt werden – sie unternahmen keine Schritte, die gewöhnlich bei Militärputschen unternommen werden. Wie „The Guardian“ berichtete, wurde zwar der staatliche TV-Sender TRT unter Kontrolle gebracht, allerdings sendeten die privaten Sender weiter. Die Militärs versuchten sie zu ergreifen, es war allerdings zu spät (bereits nach Erdogans Botschaft an das Volk). Zudem schafften die Putschisten es nicht, Präsident Recep Tayyip Erdogan und Premier Binali Yildirim schnell festzunehmen, was die Niederlage in vielerlei Hinsicht vorausbestimmte.

    Wie aus der Korrespondenz verlautet, starteten am Freitagabend drei Hubschrauber mit 40 Soldaten an Bord nach Marmaris, wo sich Erdogan befand: Deren Aufgabe war die Festnahme und Ermordung des türkischen Anführers. Allerdings verließ Erdogan das Hotel eine halbe Stunde vor der Ankunft der Putschisten.

    Bislang ist nicht bekannt, warum der Putsch gerade jetzt organisiert wurde. Laut türkischen Medien ist ein möglicher Grund die kommende Sitzung des Obersten Militärrats der Türkei, die im Juli stattfinden sollte und bei der über Rücktritte und Ernennungen entschieden werden sollte. Die Zeitung „Hurriyet“ berichtete, dass die Anhänger Gülens begriffen, dass eine Säuberung der Kommando-Zusammensetzung der türkischen Armee zu erwarten ist, weshalb sie die „letzte Chance“ nutzen wollten, um den Staatsapparat unter Kontrolle zu bekommen.

    Der gescheiterte Putschversuch wird in der Türkei unverzüglich zum Wechsel der Armeekommandeure und der Erneuerung des Beamtenapparates führen. Laut dem türkischen Innenministerium werden nach dem Putschversuch 8700 Menschen, darunter 30 Gouverneure, entlassen.

    Wie die Zeitung „Politico“ schreibt, kann die Entlassung von Hunderten Richtern die Verhandlungen zwischen der Türkei und der EU über die Abschaffung der Visapflicht beeinflussen. Zu den Bedingungen seitens der EU gehört die Garantie eines unabhängigen Justizsystems. Zudem werde die Türkei kaum auf die Abschwächung der Terrorgesetze eingehen, was ebenfalls zu den Bedingungen der EU gehört. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagte hinsichtlich der Äußerung Erdogans über die mögliche Einführung der Todesstrafe für die Putschisten, dass kein Staat, der die Todesstrafe einführt, EU-Mitglied sein könne.

    Eine weitere mögliche Folge des Putsches kann die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Ankara und Washington sein. Die Türkei fordert die Auslieferung Gülens. Premier Yildirim sagte am Montag, dass die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Türkei und den USA infrage gestellt werden könnten. Jedes Land, das Gülen unterstütze, ziehe in einen „Krieg gegen die Türkei“. Die USA beeilen sich ihrerseits nicht mit der Erfüllung der Forderungen der türkischen Seite. US-Außenminister John Kerry sagte, dass die Türkei zuallererst Beweise für die Beteiligung Gülens an dem Putsch vorlegen muss.

    Laut dem Sicherheitsexperten Hasan Selim Özertem kann eine schnelle Verschlechterung der Beziehungen zu den USA potentiell zum Verlust der Nato-Mitgliedschaft der Türkei führen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Putschversuch in der Türkei (231)

    Zum Thema:

    Initiative gegen die Todesstrafe e.V.: Das Thema wird in der Türkei hochgekocht
    Türkische Putschisten zielten auch auf Russland
    Erdogan weint bei Trauerfeier um getöteten Freund - VIDEO
    Türkischer Ex-Luftwaffenchef Öztürk bekennt sich für Putsch-Organisation schuldig
    Tags:
    Putschversuch, Binali Yildirim, Recep Tayyip Erdogan, Yasar Yakis, Fethullah Gülen, Akin Öztürk, Muharrem Köse, Marmaris, USA, Türkei