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05:01 19 September 2019
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    Lage in Ankara nach dem gescheiterten Militärputsch

    Neubestimmung außenpolitischer Prioritäten – Türkei zieht Russland den USA vor

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    Die jüngsten Schritte der türkischen Führung könnten von Ankaras Absicht zu einer Neuausrichtung seiner außenpolitischen Prioritäten zeugen, schreibt die Zeitung „Iswestija“ am Mittwoch.

    Das lassen unter anderem die Beantragung der Auslieferung des türkischen Oppositionellen Fethullah Gülen aus den USA und die Festnahme der zwei Piloten vermuten, die im November 2015 einen russischen Bomber Su-24 über Syrien abgeschossen hatten. Nach Einschätzung des Direktors des russischen Informations- und Analysenzentrums „Nahost-Kaukasus“, Stanislaw Tarassow, sind das Beweise dafür, dass die türkische Führung zu den USA auf Distanz geht und sich um eine Annäherung mit Russland bemüht.

    „Recep Tayyip Erdogan nutzt Gülen für eine taktische Abkühlung der Beziehungen mit den USA aus. Dadurch bemüht er sich um eine Festigung der Beziehungen mit Russland, dem Iran, Aserbaidschan und Kasachstan und erpresst offensichtlich den Westen“, vermutet Tarassow. „Das Problem ist aber, dass es der Türkei sehr schwer fallen würde, sich von den USA, der EU und der Nato zu trennen, denn die gegenseitigen Kontakte sind ziemlich eng. Darüber hinaus könnte der Westen angesichts der Selbstständigkeitsansprüche des türkischen Anführers Sanktionen verhängen und eine Anspannung der Wirtschaftslage in der Türkei auslösen oder auch auf die ‚kurdische Karte‘ setzen“, so der Experte. „Es könnte also zu einem großen geopolitischen Kampf kommen.“

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    Eine der wichtigsten Fragen sei derzeit, wie sich Russland verhalten werde, sagte Tarassow weiter. Eine wichtige Rolle spiele das für Anfang August geplante Treffen der Präsidenten Putin und Erdogan. Und natürlich hänge vieles von der künftigen Politik Ankaras ab. Wenn die Türkei tatsächlich auf Distanz zum Westen gehe, dann dürfe sie mit Moskaus Unterstützung rechnen. Falls es sich dabei aber nur um taktische Manöver handele, werde der Kreml darauf entsprechend reagieren.

    Erdogan hatte in seinem jüngsten Interview für den US-Sender CNN die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass die Amerikaner ihre Verpflichtungen im Sinne der Vereinbarung über die Auslieferung von Verbrechern erfüllen und Gülen in die Türkei ausliefern würden.

    Der türkische Premier Binali Yildirim warnte seinerseits, dass Ankara im Falle einer negativen Antwort Washingtons seine Beziehungen mit den USA anders entwickeln könnte.

    „Ich sage der US-Führung: Hier gibt es eine globale Gefahr. Das war ein Versuch zum Sturz der legitimen Staatsführung. Da ging es um keine Religion und keine religiösen Werte. Welche Beweise sind denn noch nötig? Falls unsere Freunde trotz all dem noch weitere Beweise verlangen werden, dann (…) werden wir sehr traurig sein und müssen möglicherweise unsere Freundschaft anders betrachten“, so Yildirim.

    Die Amerikaner haben sich ihrerseits bereit gezeigt, den Antrag zur Auslieferung Gülens zu behandeln, gaben jedoch gleich zu verstehen, dass dies kaum möglich ist.

    Der Politologe Sergej Filatow schloss allerdings nicht aus, dass Gülen am Ende tatsächlich den türkischen Behörden übergeben wird. „Die USA haben bereits Muammar al-Ghaddafi, Saddam Hussein und Husni Mubarak aufgegeben. Da sie daran interessiert sind, dass in der Türkei das Chaos ausbricht, werden sie alles tun, um ihre Ziele zu erreichen. Gülen genießt die Unterstützung von sehr vielen Menschen. Falls sie ihn der Türkei überlassen, werden diese Menschen auf die Straße gehen und ihren Anführer verteidigen. Egal wie, aber die Amerikaner werden die Situation destabilisieren“, so der Experte.

    Erdogan hat inzwischen seinen iranischen Amtskollegen Hassan Rohani angerufen und sich bereit erklärt, mit Teheran und Moskau zusammenzuwirken.

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    „Wir sind heute mehr als je zuvor entschlossen, mit dem Iran und Russland Hand in Hand zu gehen und gemeinsam regionale Probleme zu lösen“, wird der türkische Staatschef von der iranischen Nachrichtenagentur IRNA zitiert. „Wir wollen unsere Bemühungen um die Wiederherstellung des Friedens und der Stabilität in der Region intensivieren.“

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    Su-24, Su-24-Abschuss, Sadam Hussein, Muammar al-Gaddafi, Binali Yildirim, Stanislaw Tarassow, Fethullah Gülen, USA, Russland, Türkei