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15:55 22 Oktober 2019
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    „Russischer Zug“ am Hauptbahnhof Belgrad

    „Russischer Zug“ kommt nicht bis Kosovo – Belgrad und Pristina streiten sich trotzdem

    © AFP 2019 / Oliver Bunic
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    Ein Zug hat die Spannungen zwischen Serbien und Kosovo massiv verschärft. Der Vorfall zeigt: Es fehlt nicht viel, um eine gewaltsame Eskalation zwischen den Konfliktseiten auszulösen, schreibt die Zeitung „Kommersant“ am Dienstag.

    Die Entsendung eines Zuges mit serbischen Nationalsymbolen und der Aufschrift „Kosovo ist Serbien“ in den Norden des ehemaligen Autonomiegebiets wurde von den kosovarischen Behörden gestoppt. Danach drohte der serbische Präsident Tomislav Nikolic mit der Truppenentsendung nach Kosovo zum Schutz der dortigen Serben. Der Vorfall ereignete sich vor dem Hintergrund der allgemeinen Verschärfung der Rhetorik seitens der serbischen Politiker, was Experten mit der baldigen Präsidentschaftswahl in Serbien erklären, die den außenpolitischen Kurs des Landes bestimmen sollen.

    Russlands Außenminister Sergej Lawrow
    © AFP 2019 / John Macdougall

    Der nur aus zwei Waggons bestehende Zug startete am Wochenende feierlich vom Hauptbahnhof Belgrad nach Kosovska Mitrovica. Die Fahrt des Zuges war ein politischer Symbolakt. Seit 1999 verkehrten keine Züge mehr auf dieser Strecke. Der nach Mitrovica gestartete Zug wurde in Russland hergestellt, weshalb er sofort als „russisch“ bezeichnet wurde. Doch am wichtigsten ist, dass der Innenraum der beiden Waggons mit Abbildungen von Fresken aus vier serbischen Klöstern im Kosovo dekoriert wurde und außen eine riesengroße serbische Flagge und die Aufschrift „Kosovo ist Serbien“ in zwei Dutzend Sprachen zu sehen waren.

    Nach dem Start des „russischen Zuges“ befahl der Präsident des Kosovo, Hashim Thaci, dem Innenministerium, den Zug wegen der nationalistischen Symbolik zu stoppen, und bezeichnete den Vorfall als Provokation. An der Bahnstation Raska an der Grenze zum Kosovo stand der Zug vier Stunden lang und fuhr anschließend zurück nach Belgrad. Der serbische Premier Alexander Vucic hatte nach eigenen Angaben beschlossen, den Zug aufzuhalten, um einen Konflikt zu verhindern. Ihm zufolge wollte die albanische Polizei die Passagiere und den Zugführer festnehmen. Einige wollten sogar die Gleise verminen.

    „Falls es notwendig wird, die kosovarischen Serben zu schützen, werde ich dorthin Truppen entsenden, und wir werden da alle hingehen, und ich in der ersten Reihe“, sagte Serbiens Präsident Tomislav Nikolic nach einer Sondersitzung des Sicherheitsrates.

    Ihm zufolge wurde der Vorfall durch hektische Versuche der scheidenden US-Administration verursacht, die Situation in der Region zuzuspitzen, und stellt die Fortsetzung des Dialogs Belgrads mit Pristina und der EU infrage. Premier Vucic enthielt sich der Androhung eines Krieges, kritisierte jedoch ebenfalls die von den kosovarischen Behörden geschaffenen Hindernisse bei der Fahrt des Zuges – Serbien habe schließlich einen Zug und keinen Panzer auf die Reise geschickt.

    Allerdings meinen viele auf dem Balkan, dass der Vorfall in vielerlei Hinsicht von Belgrad selbst provoziert wurde. „Ein Zug, der aus Belgrad mit der Aufschrift ‘Kosovo ist Serbien‘ in den Kosovo geschickt wird, hat genauso wenig etwas mit Frieden zu tun, wie eine Rakete mit der Aufschrift  ‚Für den Frieden!‘ oder eine Drohne mit dem Plakat ‚Großalbanien‘, die im vergangenen Jahr in ein Belgrader Stadion geflogen war“, sagte der Balkan-Politologe Andrej Nikolaidis. Ein Zug aus dem serbischen Kraljevo, der keine Aufschriften und Dekorationen trug, kam am selben Tag problemlos nach Kosovska Mitrovica.

    Die EU rief Belgrad und Pristina gleich nach dem Vorfall dazu auf, Ausdauer und Vernunft zu zeigen und zum Dialog zurückzukehren. Doch mit jedem ähnlichen Zwischenfall wird immer klarer, dass die vor drei Jahren begonnene Normalisierung der Beziehungen zwischen Serbien und dem Kosovo eingestellt wurde. Der Vorfall mit dem Zug ereignete sich nach harten gegenseitigen Vorwürfen Belgrads und Pristinas wegen der Festnahme des ehemaligen Feldkommandeurs der Befreiungsarmee des Kosovo und ehemaligen Premiers, Ramush Haradinaj, in Frankreich. „Nach einer langen Pause steht das Thema Kosovo erneut im Mittelpunkt der serbischen Diplomatie und der Außenpolitik, und das ist schlecht“, sagte der Belgrader Analytiker Bosko Jaksic.

    Das Thema Kosovo wird in der letzten Zeit tatsächlich oft von vielen serbischen Politikern aufgegriffen. Präsident Tomislav Nikolic distanzierte sich nicht vom Chef der Republika Srbska, Milorad Dodik, der von der notwendigen Vereinigung der bosnischen Serben mit Serbien, dem Norden des Kosovo und Montenegro sprach. Der serbische Außenminister Ivica Dacic, der an die Anerkennung Kosovos durch Montenegro und Mazedonien erinnerte, drohte ihnen mit Gegenmaßnahmen. Er sprach ebenfalls von einer Bedrohung für Serben in Montenegro und ließ hypothetisch eine mögliche Schaffung eines serbischen Staates in dieser Republik zu. Der Anführer der Serbischen Volkspartei, Nenad Popovic, verglich Montenegro sogar mit dem faschistischen Unabhängigen Staat Kroatien (NDH): „Das, was im NDH einst das Regime von Ante Pavelic mit den Serben gemacht hatte, macht jetzt das Regime von Milo Dukanovic in Montenegro.“

    Die drei Politiker gelten als prorussisch und sagen dies häufig offen, weshalb ihre Neigung zum Nationalismus auf dem Balkan sofort mit der Position Moskaus verbunden wird. Darüber hinaus kandidieren die drei Politiker voraussichtlich bei den kommenden Präsidentschaftswahlen im Frühjahr in Serbien, bei denen der künftige außenpolitische Kurs Belgrads bestimmt wird. Angesichts der Stimmungen eines großen Teils der serbischen Wähler könnten nationalistische und prorussische Positionen bei dieser Wahl sehr gefragt sein.

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    Tags:
    Russischer Zug, EU, Aleksandar Vučić, Tomislav Nikolić, Serbien, Russland, Kosovo