16:28 06 Dezember 2019
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    „Spiegel“ warnt vor Konsequenzen deutscher Atombombe

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    „Der Spiegel“ positioniert sich seit seiner Gründung vor 70 Jahren durch Rudolf Augstein gegen Atomwaffen. Das Thema wurde erst jüngst von Jakob Augstein, Rudolfs Stiefsohn, wieder aufgegriffen. Dieser warnte in einem „Spiegel“-Artikel davor, dass Deutschland eine Atommacht werden könnte, schreibt die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ am Dienstag.

    Im Zuge der Berichterstattung über heiße Themen wie die kommende Bundestagswahl, den Brexit oder die Beziehungen zur neuen US-Administration unter Donald Trump feiert „Der Spiegel“ seinen 70. Jahrestag. Im Januar hatte in Berlin eine große Feier unter Teilnahme der Bundeskanzlerin Angela Merkel stattgefunden. Am Dienstag lädt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer anlässlich des Jubiläums zum Empfang in Moskau. Zugleich wird der neue Leiter des Moskauer Büros, Christian Esch, und die neue Spiegel-Online-Korrespondentin Christina Hebel vorgestellt.

    In Deutschland ist „Der Spiegel“ nicht nur ein Begriff, sondern mit einer Auflage von rund 850.000 Exemplaren im gewissen Sinne sogar ein Staat im Staat. Informationen und Beurteilungen werden in der Regel von anderen Medien übernommen. Auch der Einfluss auf die gesellschaftliche Meinung ist unbestritten. Allerdings wäre es naiv zu behaupten, dass „Der Spiegel“ keine verzerrten Bilder darstelle – zum Beispiel, aber nicht ausschließlich, in Bezug auf Russland. Manchmal waren sogar Bundeskanzler empört über Veröffentlichungen des in Hamburg ansässigen Nachrichtenmagazins. Willy Brandt sprach von einem „Scheißblatt“. Helmut Kohl verweigerte jegliche Kontakte mit der Redaktion. Angela Merkel mahnte zur Vorsicht, dass niemand beim Blättern in einer Ausgabe eindeutig wissen könne, was einen erwartet.

    Im Laufe von 70 Jahren wurde über Russland viel geschrieben. Auch heute gibt es weiterhin großes Interesse an Themen wie die Beziehungen zwischen Moskau und Berlin, die Kreml-Politik oder Präsident Wladimir Putin.

    „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein war ein Intellektueller, Politiker, Publizist, ein angesehener Journalist. Er wusste, was Krieg bedeutet. „Der Spiegel“ positionierte sich gegen das Wettrüsten und die Pläne der Bundeswehr, sich mit Atomwaffen zu rüsten.

    Nach der Wiedervereinigung und dem feierlichen Verzicht des neuen Deutschlands auf die Produktion einer Atombombe wurde dieses Thema ad acta gelegt. Doch es stellte sich heraus, dass dieses Thema, das nach der Entstehung der Bundeswehr in den 1950-60er Jahren aufgegriffen wurde, immer noch im Hintergrund des deutschen Nato-Fundamentalismus steckt. Nicht zufällig schlägt jetzt Jakob Augstein, Rudolfs Stiefsohn, in einem vor wenigen Tagen erschienenen „Spiegel“-Artikel Alarm über die „deutsche Bombe“. Ihm zufolge können der Ausbau der Rüstungsausgaben, die Verlegung von Truppen an die russischen Grenzen, die propagandistische Besorgnis über den Verlust der Sicherheit durch das US-Atompotential dazu führen, dass „Deutschland am Ende gar zur Atommacht wird, wenn es so weitergeht“.

    Berlin ist bereit, den Militäretat von 39 auf 65 Milliarden US-Dollar zu erhöhen. „Der Irrsinn ist ganz unsererseits. Es war die Bundeskanzlerin persönlich, die den Amerikanern versprochen hat, die deutschen Verteidigungsausgaben derart drastisch zu erhöhen“. so Augstein. „Wofür das ganze Geld? Zum Beispiel für Atombomben.“ Er verwies darauf, dass „Polens oberster Strippenzieher“ – Jaroslaw Kaczynski, Chef der Regierungspartei PiS – schon mal die europäische Bombe gefordert habe: „Eine eigene Atommacht müsste mit Russland mithalten können“, wird er zitiert.

    Die „Bild“-Zeitung sei einen Schritt weiter, so Augstein. „Bekommt Deutschland eigene Atomwaffen?“, fragte das Blatt. Die Logik dahinter: „Wie hilflos Europa zum Beispiel ohne den Schutz der USA dastehen würde, zeigt ein Vergleich: Europa allein verfügt nur über 512 Atomsprengköpfe. Russland hat dagegen über 7000!“.

    Bislang galt, dass die Heimat des Holocaust die Finger vom atomaren Feuer lässt, so Augstein. Und künftig? Die „Zeit“ zitiert schon mal die Klage eines „Nuklearexperten“ über die Schwäche der Deutschen: Sie hätten das Denken in nuklearen Kategorien verlernt.

    Im Artikel wird vor der Rückkehr der Paranoia des Kalten Kriegs gewarnt. Einst befasste sich der Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß mit der Durchsetzung der Pläne zur Atomaufrüstung der Bundeswehr. „Der Spiegel“ kämpfte gegen ihn. Im Bundestag gab es heftige Debatten. Der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt hielt eine Rede zu diesem Thema. Er wandte sich an die Befürworter der Atomwaffen und warnte, sie würden auf Trümmern sitzen und jammern, dass sie dies nicht gewollt hatten. Klingt wohl sehr zeitgemäß. Wie auch der Artikel über die „deutsche Bombe“.

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    Der Spiegel, Rudolf Augstein, Klaus Brinkbäumer, Angela Merkel, Christian Esch, Deutschland