22:56 26 Juni 2017
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    Tschechen lassen sich Zeit beim Übergang zum Euro

    © AFP 2017/ Michal Cizek
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    Rossijskaja Gaseta
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    Die tschechische Regierung hat den Empfehlungen des Finanzministeriums und der Nationalbank zugestimmt, die Einführung des Euro nicht als Hauptaufgabe für die kommenden Jahre anzusehen, schreibt die „Rossijskaja Gaseta“ am Dienstag.

    Tschechiens Beitritt zur Eurozone muss offenbar noch warten. Bei dem Beschluss hat die Regierung natürlich die Ergebnisse der Meinungsforschung berücksichtigt. Eine Umfrage vor einem Jahr hatte gezeigt, dass nur 17 Prozent der Tschechen für die Einführung des Euro stimmten, 78 Prozent waren dagegen, der Rest gab keine Antwort.

    Bei den Argumenten gegen die europäische Einheitswährung zeigte sich, dass die Tschechen vor allem Angst vor der Erhöhung der Preise für Bedarfsgüter, dem Verlust der finanziellen Souveränität und dem Anstieg der Abhängigkeit von Wirtschaften anderer Länder haben.

    Nur 32 Prozent der Tschechen für EU-Mitgliedschaft – Umfrage

    Zombie in Essen
    © AP Photo/ Martin Meissner
    Auffallend ist, dass die Tschechen unter den Gründen auch „das abscheuliche Design des Euro“ nannten. Die eigene Krone gefällt ihnen viel mehr. Das Thema Euro ist sogar in politischen Spekulationen immer seltener zu hören – so unpopulär ist es unter der Bevölkerung.

    Vor zehn Jahren sah die Situation noch ganz anders aus. Die Regierung beschloss konkrete Schritte für den Übergang zum Euro und die Medien begannen damit, der Bevölkerung die kommenden Präferenzen zu erklären. Am stärksten freuten sich Großunternehmer und Exporteure, deren Risiken wegen der Konvertierung und Änderung des Währungskurses sinken sollten, auf den Euro. Der Bevölkerung wurde ebenfalls weisgemacht, dass der Übergang zum Euro eine unvermeidliche Voraussetzung für die Existenz in der EU sei. Die einheitliche Währung hätte das Wirtschaftswachstum beschleunigen und die Mitglieder der Gemeinschaft annähern sollen.

    Doch die globale Krise 2009 zeigte, dass andere Probleme dringender gelöst werden müssen. Dann kam es zu Finanzerschütterungen in Griechenland und dem Brexit in Großbritannien, wonach selbst die treuesten EU-Anhänger die politische und wirtschaftliche Instabilität der „Euro-Familie“ anerkennen mussten.

    Heute gibt es den Euro in 19 von 29 EU-Ländern. Dabei hat jedes Land seinen eigenen Haushalt, sein Wachstumstempo und Unterschiede beim Lebensniveau und bei der Kaufkraft. Viele angesehene Wirtschaftsexperten halten einen einheitlichen Haushalt für einen kaum umsetzbaren Traum in der nächsten Zukunft.

    Dabei erscheint das Thema Euro immer seltener in politischen Debatten. Allerdings forderte die Chefin der Front National, Marine Le Pen, zur Rückkehr zur Nationalwährung auf und bezeichnete den Euro als „Leiche, die sich bewegt“.

    Der tschechische Präsident Milos Zeman äußerte sich vorsichtiger, er ist im Prinzip nicht gegen den Übergang zur einheitlichen Währung, allerdings nur dann, wenn die Tschechen bei einem Referendum dafür stimmen sollten. Doch die Umfrageergebnisse zeigen, dass der Ausgang eines Volksentscheids voraussagbar ist – die Tschechen bevorzugen die Krone.

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    Tags:
    Eurozone, EU, Milos Zeman, Tschechien