SNA Radio
    Holocaust-Mahnmal in Berlin

    Antisemitismus verzieht sich ins Internet – Studie

    © AFP 2019 / John Macdougall
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Iswestija
    178

    Im vergangenen Jahr sind antisemitische Stimmungen weltweit zurückgegangen, schreibt die russische Zeitung „Iswestija" am Montag unter Berufung auf einen Bericht des israelischen Kantor-Zentrums an der Universität Tel Aviv.

    Demnach sind Gewalttaten mit antisemitischem Hintergrund – Brandanschläge, Überfälle mit oder ohne Waffen, Vandalismus – 2016 um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Insgesamt wurden 361 Zwischenfälle dieser Art registriert. Gleichzeitig aber ist die Zahl verbaler Angriffen massiv gestiegen, vor allem im Internet.

    „In den letzten Jahren beobachten wir einen Anstieg von Fällen, bei denen der Hass im Internet provoziert wird“, so der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, Wjatscheslaw Mosche Kantor, gegenüber „Iswestija". „Viele Täter, die Anschläge auf den Straßen Europas verübten, wurden mit diesen Ideen ausgerechnet über Internet-Technologien ‚angesteckt‘. Regierungen, Ordnungskräfte und IT-Unternehmen sollten nun darin zusammenarbeiten, das Internet zu einen sichereren Kommunikationsraum zu machen.“

    Zum Spitzenreiter bei der Hassbekämpfung im Cyberraum könnte Deutschland werden, wo der Bundestag demnächst einen Gesetzentwurf behandeln wird, dem zufolge soziale Netzwerke mit Strafen von bis zu 50 Millionen Euro geahndet werden könnten, falls sie Beiträge mit kriminellen Inhalten nicht löschten.

    Besondere Fortschritte bei der Bekämpfung von antisemitischen Ausschreitungen weist Frankreich vor, wo die europaweit größte jüdische Diaspora lebt. Laut dem Innenministerium sind derartige Straftaten im vorigen Jahr um 61 Prozent zurückgegangen. Das ist aber kein Wunder, wenn man bedenkt, dass alle jüdischen Zentren und Synagogen – in Frankreich etwa 800 – rund um die Uhr von Polizei und Sicherheitskräften bewacht werden.

    Erwähnenswert sind auch Expertenschätzungen, dass aus Frankreich in den vergangenen 15 Jahren etwa 40.000 Juden ausgewandert sind – vor allem aus Angst vor Marine Le Pens „Front National“.

    Aber: Wegen des beispiellosen Flüchtlingsansturms aus dem Nahen Osten sind die Juden quasi aus dem Fokus der ultrarechten Gruppierungen gerückt. Laut einer Studie des Forschungszentrums Pew Research hatten 2016 noch etwa 16 Prozent der Einwohner von zehn EU-Ländern antisemitische Stimmungen geteilt – besonders in Ungarn, Polen und Griechenland. Gleichzeitig machten 50 Prozent der Befragten keinen Hehl aus ihrer negativen Einstellung gegenüber Muslimen und Roma.

    Was Russland angeht, so bleibe dort das Verbreitungsniveau des Antisemitismus im Allgemeinen konstant, stellte die für den postsowjetischen Raum zuständige Berichterstatterin des Kantor-Zentrums, Irena Kantorowitsch, fest. Russland kämpft bekanntlich gegen sämtliche Formen des Fremdenhasses und der Intoleranz: Als Mitverfasser einer Resolution der UN-Vollversammlung im Jahr 2005, der zufolge der 27. Januar zum Internationalen Tag des Andenkens an Holocaust-Opfer gilt, bringt Moskau jedes Jahr eine Sonderresolution zur Bekämpfung der Heroisierung des Nazismus bzw. Neonazismus und anderer Erscheinungen von Fremdenhass voran.

    Antisemitische Stimmungen wurden laut dem Bericht auch in Lateinamerika registriert. Vor allem verbale Angriffe gegen Juden gab es in Brasilien, Argentinien, Venezuela und Mexiko.

    Im arabischen Osten ist der Antisemitismus aus verständlichen Gründen ziemlich verbreitet. Auffallend waren im vorigen Jahr die Behauptungen iranischer und saudi-arabischer Medien, der IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi wäre in Wahrheit ein Agent der israelischen Geheimdienste namens Schimon Elliot. Und ein palästinensischer Reporter warf amerikanischen Juden vor, von der früheren US-Administration Barack Obamas Bestechungsgelder in Höhe von 30 Milliarden Dollar erhalten, dann aber doch die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton verraten und für Donald Trump gestimmt zu haben.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Amerikas Antisemitismus: Jüngstes Opfer ist über 100 Jahre alter Jüdischer Friedhof
    „Miete einen Juden“: Provokatives Projekt gegen Antisemitismus in Deutschland
    Antisemitismus-Skandal: CNN muss sich entschuldigen
    „Antisemit wird Trumps Chefberater“ - Experte: Proteste in USA nehmen weiter zu
    Tags:
    Steigerung, Internet, Antisemitismus, Kantor-Zentrum, Tel-Aviv, Israel