15:29 19 September 2017
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    Flak-Systeme S-400 „Triumph“

    Russische S-400-Raketen – Türkei reiht sich in die Käuferschlange ein

    © Sputnik/ Grigoriy Sisoew
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    Nesawissimaja Gaseta
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    Die Verhandlungen mit der Türkei über die Lieferung der neuesten russischen Flak-Systeme S-400 „Triumph“ haben offenbar die Zielgerade erreicht, schreibt die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ am Montag.

    Das bestätigte der türkische Botschafter in Russland, Hüsayin Diriöz, indirekt Ende der vorigen Woche, als er sagte, die Nato-Mitgliedschaft seines Landes sei kein Hindernis für Ankaras differenzierte Außenpolitik, unter anderem im Kontext der S-400-Lieferungen.

    Dabei gab US-Verteidigungsminister James Mattis zu verstehen, dass Washington Ankara keine Steine in den Weg legen würde.

    Er warnte allerdings, dass die S-400-Komplexe nicht an die Militärtechnik der Nordatlantischen Allianz angepasst seien, deren Mitglied die Türkei ist. Die Nato- und die russischen Waffensysteme werden nach seinen Worten „nie kompatibel sein“.

    Die Skepsis des Pentagon-Chefs teilen auch einige russische Militärexperten. Der Leiter des Zentrums für strategische Konjunktur, Iwan Konowalow, zeigte sich überzeugt, dass es sich „vorerst um ein politisches Spiel handelt, aber man kann in der aktuellen Situation nichts ausschließen, wenn man die kaum vorhersagbare Politik des Präsidenten Erdogan bedenkt“.

    Militärexperte Alexander Perendschijew unterstrich seinerseits, dass der angekündigte potenzielle S-400-Deal „ein gemeinsamer Informationseinsatz Russlands und der Türkei“ sei, dessen Ziel es sei, die Reaktionen der Nachbarländer zu analysieren und Russlands Möglichkeiten zur militärtechnischen Kooperation mit den Nato-Ländern zu zeigen.

    Nicht zu übersehen ist jedoch, dass sowohl russische als auch türkische Beamte unterstreichen, dass ein solcher Deal durchaus möglich wäre. Ende Juni hatte beispielsweise der Assistent des russischen Präsidenten für militärtechnische Kooperation, Wladimir Koschin, offiziell erklärt, dass der S-400-Vertrag vereinbart worden sei. Ungeregelt bleibe allerdings „die Kreditfrage“, ergänzte er. Aber Russlands Industrie- und Handelsminister Denis Manturow sagte seinerseits: „Vorerst geht es nicht um einen Kredit. Sie (die Türken) haben eigene Finanzmittel.“

    Der türkische Verteidigungsminister Fikri Isik erklärte am 4. Juli direkt, dass sein Land zuverlässige Luftabwehrsysteme brauche: „Wir könnten unseren unmittelbaren Bedarf in diesem Bereich durch den Kauf von S-400-Systemen in Russland decken. Außerdem planen wir die Entwicklung eigener Luftabwehrsysteme. Zu diesem Zweck ist eine Kooperation mit Frankreich und Italien geplant.“

    In der vorigen Woche hatte die türkische Zeitung „Hürriyet“ unter Berufung auf Isik berichtet, dass Ankara ein Abkommen zur Entwicklung eigener Luftabwehrwaffen mit dem französisch-italienischen Konzern Eurosam unterzeichnet hätte. Dabei schrieb die Zeitung nichts über die russischen S-400-Raketen.

    Es ist vorerst unklar, aus welchen Ressourcen Ankara diesen Deal finanzieren würde, falls er zustande kommt. Einige Medien berichteten unlängst, die Türkei würde S-400-Komplexe für 2,5 Milliarden Dollar kaufen. Dabei ging es um die Lieferung von zwei S-400-Divisionen aus Russland und den Bau von zwei weiteren Divisionen unmittelbar in der Türkei. Danach gab es keine offiziellen Dementis, was jedoch ziemlich typisch für die internationale militärtechnische Kooperation ist.

    Der russische Militärexperte Juri Netkatschew meint, dass die Wahrscheinlichkeit eines russisch-türkischen S-400-Deals „äußerst groß“ sei. „Erstens bemüht sich die Türkei schon seit langem um die Vervollkommnung seiner Raketenabwehr. Sie wollte sogar vor etwa zehn Jahren Flak-Raketen mittlerer Reichweite kaufen, löste aber später diesen Vertrag wegen der Mängel dieser Raketen auf. Die russischen S-400-Komplexe gehören aktuell zu den besten weltweit und können ballistische Ziele abschießen.“

    Zweitens verwies Netkatschew darauf, dass „weder die USA noch die anderen Nato-Länder der Türkei moderne Luftabwehranlagen verkaufen werden, weil Ankara Probleme mit Zypern hat, und im Süden des Landes gibt es den Konflikt mit den Kurden. Wenn irgendwelche europäischen Firmen der Türkei bei der Entwicklung ihrer eigenen Luft- und Weltraumverteidigungssysteme helfen, wäre das ein sehr langer und kostspieliger Weg. Und falls Moskau und Ankara ihre Partnerbeziehungen fortsetzen, wäre Russland ein guter Helfer dabei.“

    Und drittens hält der Experte James Mattis´ Argument von der ausbleibenden Kompatibilität der russischen Raketenkomplexe mit den Nato-Waffensystemen für aus den Fingern gesogen. „Denn Griechenland als Nato-Mitglied verfügt über russische S-300-Systeme, und sie passen durchaus in seine Verteidigung“, so Netkatschew.

    Das korrespondierende Mitglied der Russischen Akademie der Militärwissenschaften, Eduard Rodjukow, warnte allerdings, dass es für den S-400-Deal zwischen Moskau und Ankara weitere Hindernisse geben könnte. Vor allem müsse Russland zunächst seine eigenen Truppen umrüsten, und die Ressourcen seiner Rüstungsbetriebe seien immerhin nicht grenzenlos. „Bis 2020 sollen laut dem staatlichen Rüstungsprogramm nahezu 20 S-400-Divisionen gekauft werden. (…) Außerdem müssen die Vertragsverpflichtungen zur Lieferung dieser Systeme nach China bis 2020 erfüllt werden. Und es zeichnet sich zudem ein ähnlicher Vertrag mit Indien ab“, ergänzte der Experte.

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    Tags:
    Lieferung, Abkommen, S-400, NATO, Denis Manturow, Hüseyin Diriöz, James Mattis, USA, Russland, Türkei
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