00:16 18 November 2019
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    Ein Gastanker im niederländischen Hafen Rotterdam (Archivbild)

    Europa fürchtet Fehlentscheidung

    © AFP 2019 / ANP/ Lex Van Lieshout
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    Die neuen US-Sanktionen gegen russische Energieprojekte haben die internationale Energie-Gemeinschaft gespalten, schreibt die Zeitung "Moskowski Komsomolez" am Mittwoch.

    Die Amerikaner verbieten es, in Projekte in der Öl- und Gasbranche unter russischer Beteiligung mehr als fünf Millionen Dollar pro Jahr zu investieren. Noch behauptet man in Washington, die Pipeline Nord Stream 2, die bis 2019 gebaut werden sollte, würde der Energiebalance der Alten Welt schaden, so dass die Europäer endgültig abhängig von den russischen Energieträgern werden könnten.

    Die Europäer glauben an solche Gefahren nur ungern, und zwar aus überzeugenden Gründen: Vor allem weil Russland seine Pipelines nach Europa immer stabil und rechtzeitig baute, während die Umsetzung von Konkurrenz-Projekten aus dem Nahen Osten und Mittelasien mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden war bzw. ist.

    Noch mehr als das: Die internationale Ratingagentur Standard & Poors glaubt, dass die europäischen Verbraucher wegen der Probleme um den Bau von neuen Gaspipelines aus Russland mit einem Anstieg der Gaspreise oder sogar mit Unterbrechungen der Gaslieferungen konfrontiert werden könnten. „Die neuen Sanktionen der USA gegen Russland könnten die Unbestimmtheit auf dem europäischen Gasmarkt fördern“, geht aus dem entsprechenden S&P-Bericht hervor.

    Der Chefanalyst der Anlagenverwaltungsgesellschaft „BK-Sbereschenija“, Sergej Suwerow, stellte fest, dass Brüssel „zwischen zwei Flammen geraten“ sei.

    „Die europäischen Länder sind am russischen Brennstoff sehr interessiert. In Deutschland wurde ein Plan zum Ausbau seines Pipelinesystems gebilligt, welches mit dem Gas aus der Leitung Nord Stream 2 gefüllt werden sollte. Allerdings ist Europas Handelsumsatz mit den USA um ein Zigfaches größer als der mit Russland. Deshalb muss sich Brüssel um einen Kompromiss bemühen, um die Beziehungen zu beiden Seiten aufrechtzuerhalten und zu festigen“, so der Branchenkenner.

    Produktion einer Gasturbine bei der Siemens-Fabrik in Berlin (Archivbild)
    © AFP 2019 / Johannes Eisele
    Angesichts dessen treffen die Europäer tagtäglich immer neue Entscheidungen, die manchmal kontrovers sind, sich aber als Annäherungsschritte sowohl mit Moskau als auch mit Washington einschätzen lassen. Einerseits wurde dem russischen Energiekonzern Gazprom der Zugang zur Pipeline Opal genehmigt, die an den Nord Stream angeschlossen ist, so dass Russland sofort seine Gaslieferungen durch die Ostsee ausbauen und die durch die Ukraine gleichzeitig reduzieren konnte.

    Andererseits verschob die EU-Kommission die ursprünglich für August geplanten Beratungen über die mögliche Verlängerung des Gastransits durch die Ukraine auf Oktober.

    Timur Nigmatullin (Otkritie Broker) vermutete, dass die Europäer in dieser schwierigen Situation eine wesentliche Verringerung ihres Gasimports aus Russland nicht akzeptieren würden. „Für den Ausbau der Flüssiggaslieferungen aus den USA wären beträchtliche Investitionen nötig, die größer als die in den Bau der russischen Pipelines wären. Es ist ja unklar, wer in den Bau von LPG-Depots investieren wird, während Russlands Gasinfrastruktur entweder schon gebaut ist oder entsprechende Projekt- und Finanzdokumente hat“, so der Analyst.

    Angesichts dessen vermuten Experten, dass Brüssel demnächst ein großes diplomatisches Spiel beginnen und sowohl bei den Amerikanern als auch bei den Russen gewisse Präferenzen aushandeln könnte. Von Washington könnte es beispielsweise eine Senkung oder Abschaffung von Importzöllen verlangen, so dass europäische Unternehmen viel Geld sparen könnten. Noch könnten die Europäer darauf bestehen, dass die USA den Bau von LPG-Depots in der Alten Welt mitfinanzieren.

    Im Dialog mit Moskau könnte es vor allem um eine Senkung der Gaspreise gehen, und da dürfte Brüssel mit wesentlichen Rabatten rechnen. „Die Preisgestaltung für das russische Gas in Europa ist viel transparenter und stabiler als die Festlegung der Preise für das aus den USA zu liefernde Flüssiggas“, so der Experte Nigmatullin weiter. „Deshalb hat Russland wichtige Vorteile mindestens in den kommenden fünf Jahren.“

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    Tags:
    Handelskrieg, Nord Stream 2, EU, Gazprom, USA, Russland, Ukraine