10:31 24 November 2017
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    Irakische Soldaten entfernen kurdische Flaggen in Kirkuk

    Irak vertreibt kurdische Unabhängigkeit aus Kirkuk

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    Im Irak, wo der Kampf gegen den IS weitergeht, ist eine neue Front eröffnet worden, schreibt die Zeitung „Kommersant“ am Dienstag.

    Die irakischen Regierungstruppen haben eine Offensive gegen die kurdischen Kräfte in Kirkuk begonnen. Dabei leisteten letztere kaum Widerstand und zogen sich zurück.

    Die Beziehungen zwischen den Behörden in Bagdad und der Führung des Irakischen Kurdistans sind in den letzten Wochen zunehmend angespannt geworden. Der Höhepunkt wurde das Unabhängigkeitsreferendum im Irakischen Kurdistan am 25. September. Allerdings vermieden die Seiten bis zuletzt Schritte, die zu blutigen Auseinandersetzungen führen und einen neuen regionalen Konflikt provozieren könnten.

    Noch Ende der vorigen Woche hatte der irakische Premier Haider al-Abadi der Regierungsarmee befohlen, die Sicherheit in der Provinz Kirkuk wiederherzustellen, die zwar formell nicht zu Kurdistan gehört, de facto aber bis zuletzt vom kurdischen Volksheer kontrolliert wurde. Der Regierungschef erläuterte, dass die Kontrolle über das umstrittene Gebiet „die föderalen und regionalen Kräfte gemeinsam, aber unter Führung der zentralen Behörden übernehmen sollten“.

    „Wir wollen keine Auseinandersetzungen, aber die föderale Macht sollte die entscheidende Stimme haben, und niemand darf ihre Vollmachten anzweifeln“, warnte al-Abadi.

    Die Kurden, die die Ölfelder sowie andere strategische Objekte in Kirkuk seit 2014 kontrollieren, verlegten ihrerseits zusätzlich etwa 6000 Kämpfer in die Provinz. Sie vermieden jedoch Auseinandersetzungen mit der irakischen Armee.

    Den Status quo verletzte al-Abadi in der Nacht zum Montag, als er den Befehl zum Beginn der Offensive abgab. Als offizielles Ziel galt dabei die Förderung der Sicherheit in Kirkuk. Zuvor hatte sich die Führung Kurdistans geweigert, die Ergebnisse des Volksentscheids vom 25. September, bei dem mehr als 90 Prozent der Einwohner für die Abspaltung vom Irak gestimmt hatten, außer Kraft zu setzen.

    Der Sprecher des kurdischen Kommandos, Brigadegeneral Bakhzad Ahmed, teilte mit, dass die irakischen Truppen mehrere Betriebe der North Oil Company, ein Kraftwerk und mehrere andere Industrieobjekte südlich Kirkuks erobert hätten, wobei sie „Häuser verbrannten und Menschen töteten“.

    Der Regionale Sicherheitsrat Kurdistans verbreitete seinerseits eine Erklärung, in der er mitteilte, die Kurden hätten bei der Abwehr der Angriffe mindestens fünf amerikanische Geländefahrzeuge Humvee verbrannt, über die die irakische Armee verfüge.

    Der Beauftragte des UN-Menschenrechtskommissars im Irak, Ali al-Bayati, teilte später mit, dass bei den Gefechten zwei Zivilisten getötet und weitere vier verletzt worden seien.

    Der Fernsehsender Sky News Arabia berichtete allerdings, dass die meisten Militärobjekte und Ölfelder in Kirkuk dennoch weiterhin unter kurdischer Kontrolle bleiben würden.

    Angesichts der jüngsten Ereignisse tauchen gleich mehrere wichtige Fragen auf. Erstens ist nicht ganz klar, was das endgültige Ziel al-Abadis sei: Ob er die ganze Provinz Kirkuk wieder unter seine Kontrolle nehmen will, wobei er riskieren würde, auf einen wirklich verbissenen Widerstand zu stoßen, oder ob er Erbil „nur“ zu Verhandlungen zwingen.

    Unklar ist auch, warum das kurdische Heer, das laut vielen Militärexperten nicht schwächer als die irakischen Regierungstruppen ist, sich in dieser Situation für den Rückzug entschieden hat. Laut einer Version ist das passiert, weil die Kräfte der Patriotischen Union Kurdistans, die sich auf Teheran orientieren und die Gegner der in Erbil regierenden Demokratischen Partei Kurdistans sind, ihre Stellungen verlassen haben.

    Am Vortag der Offensive der irakischen Armee hatte einer der Kommandeure der Islamischen Revolutionsgarde des Irans, Hassem Suleimani, das Irakische Kurdistan besucht. Experten glauben, dass die weitere Entwicklung der Situation aus den dabei getroffenen heimlichen Vereinbarungen resultieren könnte.

    Auffallend ist, dass hinter den auf Bagdads Seite kämpfenden „Kräften der Volksmobilisierung“ der Iran steht, während die Kurden eine wichtige Rolle in der von den USA angeführten internationalen Anti-Terror-Koalition im Irak spielen.

    Angesichts dessen schließen viele Experten nicht aus, dass hinter der Eskalation zwischen Bagdad und Kirkuk äußere Akteure stehen könnten, die im Irak unterschiedliche Ziele verfolgen. Das bedeutet, dass ein richtiger Konflikt zwischen den Seiten nicht nur den Irak spalten und einen neuen Konfliktherd im Nahen Osten entstehen lassen könnte, sondern auch die Interessen der USA, Russlands und der führenden regionalen Staaten betreffen könnte.

    Übrigens wäre es für den IS nützlich, wenn Bagdad für eine Weile durch die Auseinandersetzungen mit den Kurden abgelenkt ist, weil er dadurch eine Pause bekommt und seine Kräfte regenerieren kann.

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    Tags:
    Kontrolle, Ölfelder, Kampf, Unabhängigkeit, Kurden, Regierungsarmee, Offensive, USA, Kirkuk, Kurdistan, Irak
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