21:34 22 November 2017
SNA Radio
    Kurdische Volksmiliz nahe Afrin, Syrien (Archivbild)

    Erdogan spielt auf Gewaltlösung in Syrien an

    © AFP 2017/ George Ourfalian
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Nesawissimaja Gaseta
    124531422

    Eines der wichtigsten Themen der Verhandlungen der Präsidenten Russlands und der Türkei, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan, in Sotschi war die Situation in Syrien, wo Ankara offenbar die kurdischen Kräfte in der Enklave Afrin noch mehr unterdrücken will, schreibt die Zeitung "Nesawissimaja Gaseta" am Dienstag.

    Vor seinem Abflug nach Sotschi hatte Erdogan gesagt: „Wir können die von Afrin ausgehenden Gefahren unmöglich ignorieren und wollen auch weiterhin die nötigen Schritte unternehmen. Wir haben mit Russland über ein gemeinsames Vorgehen verhandelt, und seine positive Einstellung gestattet es, unseren Plan in verschiedenen Formaten umzusetzen.“

    Der türkische Staatschef erläuterte allerdings nicht, was für einen Plan er meinte. Möglicherweise geht es um einen Militäreinsatz in den an Afrin angrenzenden Gebieten, wovon türkische Medien öfter schrieben. Am 2. November hatte Erdogan erklärt, Ankara verlasse sich auf Moskau bei der Lösung von Problemen nicht nur in Idlib, wo die al-Nusra-Front immer noch ziemlich stark ist, sondern auch in Afrin.

    Vor seinem Treffen mit Putin äußerte sich Erdogan zur gemeinsamen Erklärung seiner Amtskollegen aus Russland und den USA, die sie nach ihren kurzen Treffen beim jüngsten APEC-Gipfel in Vietnam abgegeben hatten. „Die Präsidenten stimmten zu, dass der Konflikt in Syrien keine militärische Lösung hat, und bestätigten, dass die endgültige politische Lösung im Rahmen des Genfer Prozesses und im Sinne der Resolution 2254 des UN-Sicherheitsrates gefunden werden sollte. (…) Aber wenn die militärische Lösung kein Ausweg aus dieser Situation ist, dann sollten diejenigen, die davon sprechen, ihre Truppen aus Syrien abziehen.“ Es ist allerdings nicht ganz klar, ob Erdogan damit meinte, dass sich sein Land auf ein „militärisches Szenario“ verlässt, wenn man bedenkt, dass sich türkische Truppen auf dem syrischen Territorium aufhalten und offenbar nicht die Absicht haben, es zu verlassen.

    Türkische Experten verweisen darauf, dass die künftige politische Ordnung in Syrien und die Handlungen einiger kurdischer bewaffneter Formationen die Hauptgründe für die Besorgnis Ankaras seien.

    „Für die Türkei ist es wichtig, einen Ausweg aus der in Syrien entstandenen Situation zu finden“, sagte der Politologe Togrul Ismail gegenüber der "Nesawissimaja Gaseta". „Aber besonders wichtig ist, dass die Türkei Syrien künftig ohne Baschar al-Assad sieht, während Russland geteilter Meinung ist. Was die kurdischen Gruppierungen angeht, so will Russland um sich alle kurdischen Elemente vereinigen, und die Türkei tritt gegen diese Gruppierungen auf, die sie als Terroristen betrachtet.“

    Russische Experten finden, dass die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara im Grunde durch die aktuellen Ereignisse in Idlib und Afrin bestimmt werden. „Ich würde nicht sagen, die Seiten hätten die Linie überschritten, die gestatten würde, an den Wiederaufbau Syriens nach dem Krieg zu denken“, sagte der Nahost-Kenner Anton Mardassow vom Institut für innovative Entwicklung. „Wir beobachten Russlands Versuche, die Kurden zum Dialog auf irgendeiner internationalen Plattform einzuladen. Die Türkei glaubt jedoch, das würde eine Legitimierung der so genannten ‚Demokratischen Union‘ bedeuten. (…) Bei den Gesprächen in Astana sagte einer der russischen Unterhändler: ‚Wir hoffen, dass es der Türkei gelingen wird, etwas zu tun. Damit setzt man vor allem darauf, dass die Türkei etwas unternehmen wird.“

    „Die Kurden versuchen, mit Russlands Hilfe den aktuellen Status quo aufrechtzuerhalten“, vermutete der Experte. „Die Türkei versucht, durch diverse Verhandlungen zum Syrien-Dossier und auch zu anderen Themen Russland zu gewissen Zugeständnissen zu zwingen, um die Kurden in Afrin einzudämmen.“

    Dabei vermutete Mardassow, dass es nicht um die vollständige Eroberung der Enklave gehe, denn dort seien etwa 10 000 kurdische Kämpfer sowie Soldaten der Freien Syrischen Armee (FSA) stationiert.

    Das Idlib- und Afrin-Problem lasse sich im Rahmen des „Astanaer Prozesses“ nur schwer regeln, so der Experte weiter, denn weder in Idlib noch in Afrin wären iranische Beobachter willkommen. (Der Iran ist neben Russland und der Türkei an den syrisch-syrischen Gesprächen in der kasachischen Hauptstadt als Garant beteiligt.)

    Die regionale Politik Teherans nannte Mardassow übrigens ein Problem, das in Syrien aktuell in den Vordergrund trete. „Alle regionalen Trends zeugen davon, dass der ‚iranische Faktor‘ die Hauptrolle spielt und dass diverse proiranische Kräfte im Interesse der Deeskalation der Situation abgezogen werden sollten, und zwar möglichst schnell, denn sonst könnte eine neue Krise entstehen.“ Ob man das aber in Moskau verstehe, sei fraglich, fügte der Analyst hinzu.

    Zum Thema:

    Syrien fordert Abzug türkischer Truppen aus Idlib
    Türkei setzt zur Besetzung von syrischem Teilgebiet an
    Warum viele in Syrien der Türkei nicht trauen – Sputnik EXKLUSIV
    Syrien-Konflikt: Türkei will sich Idlib schnappen
    Tags:
    Zusammenarbeit, Einsatz, Kurden, UN, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Afrin, USA, Russland, Türkei, Syrien
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren