17:44 18 Dezember 2017
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    Mitglied der selbsternannten Libyschen Nationalen Armee

    Libyen: Haftars ehemalige Mitstreiter richten Waffen gegen ihn

    © AFP 2017/ Abdullah Doma
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    Nesawissimaja Gaseta
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    Die Erfolge des Befehlshabers der Libyschen Nationalen Befreiungsarmee, Chalifa Haftar, dessen Kräfte im frühen Sommer die Koalition der islamistischen Gruppierungen zerschlagen und ein großes Gebiet südlich von Sirte unter ihre Kontrolle genommen hatten, sind vorbei.

    Inzwischen wird der Feldmarschall von seinen inneren Opponenten und auch von mehreren ausländischen Staaten unter politischen Druck gesetzt, schreibt die Zeitung "Nesawissimaja Gaseta" am Mittwoch.

    Während der UN-Beauftragte für Libyen, Ghassan Salamé, sich um die Förderung des politischen Prozesses bemüht, versuchen viele Akteure, ihre Ziele mit Gewalt zu erreichen.

    Das vorerst letzte Beispiel dafür ist ein Einsatz des Befehlshabers des Militärbezirks West, Osama al-Dschuweil, der vom Präsidentenrat Fayiz as-Sarradsch auf diesen Posten berufen worden war. Das offiziell verkündete Ziel der am 1. November gestarteten Operation ist die Beruhigung der Situation bei Vershifana, das südwestlich von Tripolis liegt und als Stützpunkt terroristischer Kräfte gilt. An diesem Einsatz nahmen die der Regierung der nationalen Einheit von Sarradsch treuen Kräfte teil, die auch von der Revolutionsbrigade von Tripolis, der Volksmiliz aus Tarhun und mehreren kleineren militärpolitischen Gruppierungen unterstützt wurden.

    An der Operation beteiligten sich auch die Kräfte des Militärrats von as-Sintan. Da diese Gruppierung in Tripolitanien als eine der wenigen bekannt war, die sich zu Haftar loyal verhielt, dachten viele zunächst, die Initiative zu diesem Einsatz würde von ihm ausgehen. Als aber die Kämpfer aus as-Sintan die Stellungen der 4. Brigade der Libyschen Nationalen Armee angriffen, wurde klar, dass Haftars frühere Verbündete die Waffen gegen ihn gerichtet haben, wobei der Kampf gegen die Kriminalität nichts als ein Anlass für Kriegshandlungen gegen eigene politische Gegner war.

    Nach der Zerschlagung der 4. Brigade der Libyschen Nationalen Befreiungsarmee westlich bzw. südwestlich von Tripolis und nach dem Verrat der Kämpfer aus as-Sintan haben sich die politischen Kräfteverhältnisse verändert, und es ist eine neue militärpolitische Konstellation entstanden. Es entsteht gerade eine neue Allianz, an der sich neben den erwähnten Kräften auch Milizen aus Jansura und Zaviya beteiligen könnten – also die Kräfte, die früher verschiedenen konkurrierenden Gruppierungen angehörten.

    Angesichts dessen stellen sich gleich mehrere Fragen: Erstens ist unklar, wie stabil eine solche Allianz sein könnte. Der Übergang des Militärrats von as-Sintan auf die Seite der früheren Feinde gibt darauf eine durchaus klare Antwort, zumal in Libyen so etwas keine Seltenheit ist. Und zweitens besteht das Risiko, dass al-Dschuweil mit solchen Kräften auf seiner Seite sein eigenes Spiel beginnen könnte.

    Haftars Niederlage im Westen Tripolitaniens ereignete sich vor dem Hintergrund der Intensivierung dschihadistischer Aktivitäten bei Bengasi. Eine ziemlich wichtige Rolle spielt dabei offenbar auch die Heimkehr vieler IS-Kämpfer, die bis zuletzt an Gefechten in Syrien und im Irak teilgenommen hatten. Für Haftar ist das besonders schmerzhaft, denn er hatte erst vor kurzem erklärt, die Dschihadisten wären in Bengasi ein für allemal vernichtet worden. Jetzt muss er sich wieder mit ihnen auseinandersetzen.

    Darüber hinaus muss sich Haftar inzwischen rechtfertigen, weil er und seine Kräfte vor kurzem beschuldigt wurden, Kriegsverbrechen begangen zu haben. Erst vor kurzem wurde etwa 50 Kilometer vor Bengasi ein Massengrab mit 37 Leichnamen mit Folterspuren entdeckt. Und in der Islamisten-Hochburg Dern, die schon seit vielen Monaten von der Libyschen Befreiungsarmee de facto belagert wird, wurden unlängst bei einem Luftangriff der Haftar-Kräfte gegen die Terroristen unter anderem Frauen und Kinder getötet.

    So etwas hatte es auch früher gegeben, aber gerade jetzt werden solche Beschuldigungen gegen Haftar besonders oft geäußert. Zwar gibt es für die Schuld seiner Kräfte keine unmittelbaren Beweise, dennoch verlangen viele, gerade ihn zur Verantwortung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit heranzuziehen.

    Es ist vorerst schwer zu sagen, wer diese Verbrechen wirklich begangen hat, denn unter den Fahnen der Libyschen Befreiungsarmee kämpfen sehr verschiedene Kräfte, die unter Umständen auch gegeneinander agieren können. Jedenfalls ist Haftar in eine äußerst prekäre Situation geraten, denn zuvor hatte er behauptet, seine Truppen würden fast das ganze Territorium Libyens kontrollieren. Jetzt muss er entweder zugeben, dass dies gar nicht stimmt, oder zugeben, dass seine Mitstreiter tatsächlich für Kriegsverbrechen verantwortlich sind.

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    Tags:
    Terrormiliz Daesh, Chalifa Haftar, Libyen
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