06:51 24 Januar 2018
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    Sowjets Generalsekretär Michail Gorbatschow (L) und US-Präsident Ronald Reagan (Archiv)

    30 Jahre ohne „Pershing“ und „Pioner“

    © Sputnik/ Juri Abramottschkin
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    Nesawissimaja Gaseta
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    Am 8. Dezember 1987 hatten Michail Gorbatschow und Ronald Reagan einen fristlosen Vertrag unterzeichnet, demzufolge Moskau und Washington sich verpflichteten, alle Mittel- und Kurzstreckenraketen zu vernichten. Inzwischen sind 30 Jahre vergangen. Das Abkommen scheint total veraltet zu sein, schreibt die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ am Freitag.

    Der Gegenstand des INF-Vertrags waren bodengestützte Raketen der mittleren (1000 bis 5500 Kilometer) und kurzen (500 bis 1000 Kilometer) Reichweite. Die USA mussten damit auf ihre ballistischen Raketen MGM-31C Pershing II, MGM-31A Pershing IA und Marschflugkörper Tomahawk verzichten. Die Sowjetunion vernichtete im Gegenzug viele Mittelstreckenraketen R-10 „Pioner“, R-12 und R-14 sowie Marschflugkörper S-10 „Granat“ und operativ-taktische Raketen OTR-22 „Temp-S“ und OTR-23 „Oka“.

    Der INF-Vertrag trat am 1. Juni 1988 in Kraft. Bis zu ihrem Zerfall Ende 1991 vernichtete die UdSSR insgesamt 1846 und Washington 846 Raketenkomplexe. Eine Dysbalance war dabei offensichtlich. Viele westliche Experten verwiesen schon damals darauf, dass die Amerikaner die sowjetische Führung gnadenlos ausgetrickst hatten.

    Jetzt, 30 Jahre später, betrachten beide Seiten den INF-Vertrag als eine Art „Überbleibsel“ aus den Jahren des Kalten Kriegs. Im US-Kongress spricht man immer öfter vom Ausstieg aus dem Abkommen. Den ersten Schritt in diese Richtung hatten die Amerikaner noch 2002 gemacht, als sie aus dem ABM-Vertrag von 1972 austraten. Und im Mai 2016 wurde in Rumänien der erste Raketenabwehrkomplex Aegis Ashore aufgestellt. Vorgesehen ist auch ein ähnlicher Komplex in Polen, dessen Inbetriebnahme für das kommende Jahr geplant ist.

    Diese Komplexe sind mit universalen Raketenstartanlagen Mk 41 ausgerüstet, die auch auf Schiffen montiert werden und für Tomahawk-Raketen geeignet sind. Anti-Raketen-Raketen SM-3 lassen sich relativ leicht durch Marschflugkörper ersetzen. An diesem Beispiel ist deutlich zu sehen, dass die Amerikaner im Falle des Austritts aus dem INF-Vertrag ihr Arsenal an bodengestützten Marschflugkörpern so gut wie mühelos wiederherstellen könnten. 

    Auch in Moskau plädiert man mit wachsendem Nachdruck für die Auflösung des INF-Vertrags. Denn Mittelstreckenraketen haben inzwischen nicht nur Russland und die USA, sondern auch Länder wie Indien, Pakistan, Südkorea, China, Israel und der Iran, die alle gar nicht weit entfernt von Russland liegen. Auch für Russland wäre es kein Problem, die Zahl seiner Mittelstreckenraketen wieder aufzustocken.

    Das bestätigte auch Präsident Wladimir Putin auf dem jüngsten Forum des Internationalen Diskussionsklubs „Waldai“: „Sollten unsere amerikanischen Partner aus dem Vertrag austreten, wäre unsere Antwort blitzschnell – getreu dem ‚Spiegelprinzip‘“, warnte der Kreml-Chef. Als Beispiel erwähnte er die russischen see- und luftgestützten Marschflugkörper „Kalibr“ und Ch-101.

    Darüber hinaus verfügen die russischen Bodentruppen über ballistische Boden-Boden-Raketen „Iskander“, deren Reichweite zwar unter 500 Kilometern liegt, die aber anscheinend relativ schnell modernisiert werden könnten.

    Angesichts dessen wird offensichtlich, dass der INF-Vertrag im Grunde kaum etwas wirklich einschränkt. Genauer gesagt konnten die beiden Länder seine Bestimmungen schon längst umgehen.

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    Tags:
    Zerfall, Wettrüsten, Abkommen, INF-Vertrag, Kalter Krieg, Michail Gorbatschow, Ronald Reagan, USA, UdSSR, Russland
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