14:34 25 April 2018
SNA Radio
    Elendsviertel in Dharavi, Indien

    Super-Ballungsräume: ein Szenario für die Zukunft?

    © AFP 2018 / Punit Paranjpe
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Nowyje Iswestija
    2034

    Einige Experten vermuten, dass sich die Weltbevölkerung in mehreren extrem großen Ballungsräumen konzentrieren könnte, was gleichzeitig den Verfall von nationalen Staaten und Nationen bedeuten würde, schreibt die Zeitung „Nowyje Iswestija“ am Dienstag.

    Schon jetzt gibt es in China ein Ballungsgebiet mit einer Bevölkerung von mehr als 100 Millionen Einwohnern. Und auf London entfallen mehr als 30 Prozent des britischen Wirtschaftswachstums.

    Auch der Moskauer Oberbürgermeister Sergej Sobjanin äußerte im vergangenen Jahr die Idee, dass sich die Bevölkerung Russlands in mehreren großen Ballungsräumen konzentrieren könnte.

    Wie die Folgen eines solchen Szenarios aussehen könnten, wissen die Experten nicht. Professor Kjell Nordström von der Stockholm School of Economics zeigte sich unlängst überzeugt, dass nationale Staaten als Struktur allmählich ableben. Nach seiner Auffassung wird es in 50 Jahren statt der 219 Länder etwa 600 „Superstädte“ geben. Als Beispiel führte er das Londoner Ballungsgebiet an, wo etwa 20 Millionen Menschen bzw. ein Drittel der gesamten britischen Bevölkerung leben. Und auf Seoul entfällt mit 25 bis 27 Millionen Einwohnern die Hälfte der Gesamtbevölkerung Südkoreas.

    Doch das sind „Lappalien“ im Vergleich zu dem chinesischen Ballungsraum, wo insgesamt 100 Millionen Menschen leben. Auf ein Territorium von 300 mal 200 Kilometern, wo Shanghai (24 Millionen Einwohner), Nanking und Hangzhou (je acht Millionen Einwohner) und ein paar Dutzend etwas kleinere Städte liegen, entfallen ungefähr zehn Prozent des gesamten chinesischen Bruttoinlandsprodukts (eine Billion Dollar).

    Die „restlichen“ Territorien werden nach Auffassung Nordströms mit der Zeit verfallen.

    „Das lässt sich bereits in Russland, Australien, den USA und sogar in China beobachten“, so der Experte. „Wir sehen gerade die Entstehung von ‚Korporationen‘ aus vielen Städten – statt aus vielen Ländern. Wir sehen, dass sich einzelne Städte unabhängig von den jeweiligen Ländern positionieren und mehr Freiheit verlangen. So erklärte London nach dem ‚Brexit‘, es würde gerne in der EU bleiben. Dabei entfällt auf London ein Drittel der britischen Wirtschaft. Und dieses Drittel bringt seine eigenen Ansichten zu diesen oder jenen Themen zum Ausdruck.“

    Die wirtschaftlichen Vorteile der Super-Ballungsräume sind offensichtlich: Vor allem logistische Fragen lassen sich viel schneller regeln, wobei die Schnelligkeit ein äußerst wichtiger Faktor für die Entwicklung des „Superkapitalismus“ sei, stellte der US-amerikanische Politologe und Ökonom Edward Luttwak fest. Es sei viel günstiger, logistische Fragen innerhalb einer Riesenstadt als in zehn kleineren Städten zu regeln, die weit voneinander entfernt liegen.

    In solchen Riesenstädten werden die sozialen Verbindungen viel enger. Das sei ein allgemein anerkannter Faktor, der die wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische Entwicklung fördere. In solchen Riesenstädten entstehen Arbeitsplätze, dort wird das BIP der jeweiligen Länder generiert, und die Einwohner dieser Länder ziehen gerade dorthin. Solche Finanz- und Industriestädte werden den nationalen Regierungen künftig ihre Bedingungen diktieren, vermutet Nordström. Und das würde künftig den Tod nationaler Staaten bedeuten. 

    Der Exekutivdirektor der Weltbank, Moises Naim, meint seinerseits, dass in der modernen Welt ein Prozess zu sehen sei, den er als „Ende der Macht“ bezeichnete. Das sei vor allem mit der Urbanisierung, nämlich der Anhäufung von vielen Menschen in Riesenstädten, verbunden.

    Die Gesellschaft kenne sich in Politik heutzutage besser als früher aus, und die sozialen Verbindungen in Großstäten würden immer enger. Dadurch entstünden immer neue „Mikromacht“-Zentren, die die traditionellen Machtinstitutionen herausfordern. Dabei gehe es um diverse soziale Bewegungen, religiöse Gemeinschaften, populäre Blogger usw.

    Dieser Prozess sei auch in Russland zu beobachten. So seien Proteststimmungen in Moskau und St. Petersburg mehr als in anderen Regionen des Landes verbreitet. Und wenn in Moskau die Hälfte der russischen Bevölkerung leben würde, wäre Russland aus politischer Sicht ein völlig anderes Land. Ein krasses Beispiel dafür sei Südkorea, in dessen Hauptstadt Seoul fast 50 Prozent der gesamten Bevölkerung leben und wo die Einwohner die Handlungen der Behörden sehr streng kontrollieren.

    Aber die Krise der Nationen drückt sich nicht nur darin aus. Ballungsgebiete sind kosmopolitisch: Dort gibt es Dutzende, sogar Hunderte ethnische, konfessionelle und kulturelle Gemeinden. In London leben immerhin nicht nur Briten, sondern auch Chinesen und Koreaner, Inder und Iren, Deutsche und Rumänen u. a. – und die Kinder dieser Einwanderer lesen Bücher über Harry Potter, besuchen dieselben Klubs und sprechen dieselbe Sprache. Sie sind inzwischen keine Briten, Koreaner oder Inder mehr, sondern Londoner.

    Allerdings entstehen in Großstädten auch ethnische „Ghettos“, und es lassen sich oft Spannungen zwischen Vertretern verschiedener Völkerschaften spüren. Das führt unter anderem zum Aufschwung von nationalistischen Stimmungen, unter anderem in den USA, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern.

    Kjell Nordström prognostiziert angesichts dessen die Entstehung von Herden der Massenarmut und des sozialen Klassenkampfes in Großstäten. Das lässt sich nach seinen Worten schon jetzt in Athen sehen, wo sechs der insgesamt zwölf Millionen Einwohner Griechenlands leben, insbesondere Hunderttausende illegale Einwanderer. Und in China sei dieser Prozess mit zahlreichen Massenstreiks verbunden.

    Tags:
    Ghetto, multikulturelle Gesellschaft, Zukunft, Prognose, Bevölkerung, Weltbank, EU, Sergej Sobjanin, Australien, London, USA, Moskau, Russland, China
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren