14:46 19 Februar 2018
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    Aufruf an die Türken: Errichtet ein heidnisches Reich!

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    Das höchste Berufungsgericht der Türkei hat Anfang dieses Jahres eine Liste neuer politischer Parteien veröffentlicht, die 2017 registriert worden waren. Eine von ihnen ist die Union Ötüken, die erste Partei im Land, die unverhohlen eine rassistische und antiislamische Ideologie propagiert.

    Der Vorsitzende der neuen Partei, Mehmet Hakan Semerci, hatte früher an der Spitze einer Abteilung der „Partei für Recht und Gleichheit“ gestanden, die 2008 registriert worden war und die Ideen des türkischen Nationalismus vorantrieb.

    Ötüken geht aber noch weiter, indem sie erklärt, die Turkvölker wären die höchste Rasse, die in der ganzen Welt dominieren sollte, und gerade die Rasse sollte die Nationalität bestimmen. Dabei beschränken sich die Ambitionen der Partei nicht nur auf die Türkei: Sie zeigt sich nämlich entschlossen, „leidende“ Turkvölker auch im Ausland zu verteidigen, und zwar vom Nahen Osten und Turkestan bis zum Balkan, Kaukasus und der Krim. Dabei steht Ötüken auf antiklerikalen Positionen: Laut ihrem Programm sollte die Rasse (natürlich die turkische) – und nicht die Religion – die Basis der türkischen Nation bilden.

    Mit dieser These stimmt die Initiative zur Schließung von religiösen Imam-Chatib-Schulen überein, deren Zahl in der Türkei in den letzten Jahren wesentlich gestiegen ist. Diese Schulen seien eröffnet worden, „um Intellektuelle zu erziehen, um den Bedarf an Imamen zu decken; dort werden Beamte ausgebildet, die ihr ‚Bestes‘ tun, um die säkulare demokratische Republik zu vernichten“, heißt im Programm der Partei.

    Allerdings will Ötüken trotz ihrer erklärten Säkularität auf die religiöse Motivation nicht ganz verzichten. Selbst der Name der Partei wurde der alten turkischen Mythologie und dem Heidentum entlehnt, wobei er ursprünglich gleich mehrere Bedeutungen hatte: Ötüken war eine legendäre Hauptstadt aus der turkischen Mythologie, die übersetzt so viel bedeutete wie „im Tatarenland, unweit vom Uigurenland liegend“. Das soll ein „heiliges Land“ gewesen sein, das sich vom Changai-Gebirge in der Mongolei bis zum Sajangebirge in Tuwa erstreckte. Und schließlich hieß der altturkische Gott der Erde und Fruchtbarkeit Ötüken. Selbst das Parteiprogramm wird mit dem Aufruf „Tanri turku korusun“ („Möge Gott Euch beschützen, Turken!“) eröffnet.

    Damit hat der Panturkismus die Aufgabe, eine außen- und innenpolitische Ideologie zu entwickeln, die eine Alternative zur aktuellen islamistischen Tagesordnung wäre. Kann man aber ernsthaft davon reden, dass sie damit wirklich konkurrieren könnte? Der Politologe Stanislaw Tarassow zeigt sich überzeugt, dass es in der Türkei tatsächlich Menschen gibt, die bereit wären, diese Ideologie zu übernehmen. Die Zuspitzung des turkischen Nationalismus führt er auf den Ausbruch des regionalen Nationalismus im Allgemeinen zurück, vor allem des kurdischen, arabischen und persischen.

    Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan
    © AP Photo/ Presidential Press Service
     Die „kemalistische“ Nische sei in der Türkei frei, und die Entstehung von turkischen nationalistischen Parteien sei durchaus zu erwarten: „Die Reformen, die Recep Tayyip Erdogan unter Druck der EU vorantrieb, haben dazu geführt, dass die Absage an den Kemalismus offensichtlich machte, dass die Türkei ein multinationaler und multikonfessioneller Staat ist. Früher wurden alle als Türken bezeichnet, und jetzt stellte sich heraus, dass es Aisoren, Kurden, Kryptoarmenier, Alewiten, Griechen usw. gibt“, so der Experte.

    Zu den Perspektiven der neuen Partei sagte er, dass Ötüken vor der Präsidentschafts- und Parlamentswahl 2019 zwar noch kein großes Gewicht gewinnen werde, aber ihre Entstehung sei ein Beweis dafür, dass die politische „Landschaft“ in der Türkei „sich fragmentieren“ könnte – und potenziell sogar das Territorium des Landes.

    Die Türkei-Kennerin Natalja Ultschenko vom Institut für Orientalistik meint, dass die islamische politische Linie im türkischen Staat die Aufgabe habe, die Kontroversen des Nationalismus, auf den er sich stütze, zu regeln: „Von der Stärkung des islamischen Vektors wird tatsächlich viel gesprochen, und ausgerechnet im Kontext der Revision der wichtigsten Werte der Republik und des republikanischen Nationalismus. Letzterer wird in erster Linie mit der säkularen Republik Türkei assoziiert, was aber nicht der Wiederbelebung des Islams gleichzusetzen ist.“

    In der Außenpolitik sei zurzeit vor allem die Idee der Entwicklung in die eurasische Richtung populär. Und der Panturkismus im Ötüken-Format beschränkt sie wesentlich. Dabei machen für diesen Aspekt der Außenpolitik Ankaras die Beziehungen mit Russland den wichtigsten Kontext aus. „Diese Ideologie ist vor allem in der Türkei und nicht außerhalb des Landes nachgefragt“, so Ultschenko.

    „Ihre frühe Entwicklungsphase – bald nach dem Zerfall der Sowjetunion – richtete sich besonders auf Zentralasien. Aber dann stellte sich heraus, dass diese Richtung aus Sicht der optimalen Balance in den Beziehungen mit Russland – und vor allem aus Sicht der zentralasiatischen Völker selbst – nicht gerade aussichtsreich war bzw. ist.“

    Die mit dem „Arabischen Frühling“ verbundene türkische Expansion ließ von der Wiederbelebung des Neoosmanismus sprechen, fuhr die Expertin fort. Aber die Ansprüche der Türkei selbst haben die Realität übertroffen: Ihre arabischen Nachbarn wollten bzw. wollen der Türkei nicht die Führungsrolle überlassen. Deshalb halte man in Ankara die eurasische Richtung in der Außenpolitik für die aussichtsreichste, so Ultschenko.

    Merkmale für die neoosmanistische Politik von Präsident Erdogan sind auch in seinem Zusammenwirken mit den Partnern auf dem Balkan zu sehen, der historisch mit dem Osmanischen Reich verbunden war. So eröffnete Erdogan am 7. Januar gemeinsam mit dem bulgarischen Ministerpräsidenten Boiko Borissow die rekonstruierte St. Stefans-Kirche in Istanbul. Im bulgarischen Plovdiv soll im Gegenzug eine Moschee umgebaut werden.

    Und während des jüngsten Türkei-Besuchs der kroatischen Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović sanden unter anderem die Wahlrechte der Kroaten in Bosnien-Herzegowina auf der Tagesordnung, was aber von der Führung der bosnischen Parteien heftig kritisiert wurde. Damit zeichnet sich in der Türkei ein Konflikt zwischen verschiedenen Vorstellungen von der politischen Zukunft des Landes ab, deren Konkurrenz im Vorfeld der für 2019 geplanten Wahlen offenbar nur wachsen wird.

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    Tags:
    Registrierung, Parteien, Einfluss, Nationalismus, Schutz, Expansion, Rassismus, Arabischer Frühling, Boiko Borissow, Kolinda Grabar-Kitarović, Recep Tayyip Erdogan, Mittelasien, Sowjetunion, Osmanisches Reich, Nahost, Balkan, Kaukasus, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Türkei, Krim, Bulgarien, Russland
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