14:12 20 November 2018
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    US-Vize Mike Pence in Jerusalem

    Nahost-Reise von US-Vize Pence: Weltfremd, aber erfolgreich

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    Donald Trump hat in der islamischen Welt vor eineinhalb Monaten ein wahres Erdbeben ausgelöst, als er erklärte, die Botschaft der Vereinigten Staaten nach Jerusalem zu verlegen. Trumps Stellvertreter hat auf seiner Reise durch Nahost nun den „Anbruch einer neuen Ära“ verkündet. Die Zeitung „Kommersant“ kommentiert.

    Die Vereinigten Staaten haben ihre Führungsposition im Nahen Osten keineswegs verloren, vielmehr erstarkt sie geradezu – so lautete die Botschaft von US-Vizepräsident Mike Pence bei seiner Reise durch die Region, so die Zeitung.

    Um Pence diese Mission zu erleichtern, sei auch seine Reiseroute entsprechend ausgesucht worden: Außer über Israel führte der Weg des US-Vize auch nach Ägypten und Jordanien – Amerikas größte Verbündete im Nahen Osten. In Palästina habe man den hohen Besuch aus den USA indes nicht empfangen wollen, schreibt „Kommersant“.

    Und der König Jordaniens, Abdullah II., habe erneut zu verstehen gegeben, die Weitsicht des Trumpschen Jerusalem-Beschlusses bleibe ihm immer noch verschlossen: Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, könne nicht „Teil einer umfassenden Regulierung in der Region“ sein, sagte der Monarch laut dem Blatt.

    Ein kleiner Affront erwartete Pence auch in Ägypten. Dort lehnten Vertreter christlicher und muslimischer Gemeinden eine Begegnung mit dem US-Vizepräsidenten ab. Nach dem Treffen mit dem ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi erklärte Pence laut dem Blatt überraschend: „Ich denke, er war von meiner Erklärung begeistert.“

    Ja, war er das wirklich? Was sollte den ägyptischen Staatschef denn begeistert haben, fragt „Kommersant“, „wenn er doch – wie der jordanische Monarch auch – sich weiterhin gegen den Jerusalem-Beschluss des US-Präsidenten ausspricht?“

    Zum Abschluss der Tour reiste Pence nach Israel, wo er die sakral anmutenden Worte vom „Anbruch einer neuen Ära“ in der Region sprach.

    Der israelische Premier Benjamin Netanjahu richtete sogleich den strengen Appell an den Palästinenserführer Mahmud Abbas, er solle es sich mit den USA nicht verscherzen: Es gebe keinen Ersatz für die US-Führerschaft im diplomatischen Prozess. Wer mit den Amerikanern nicht verhandeln wolle, der wolle überhaupt keinen Frieden, so der israelische Regierungschef laut der Zeitung.

    „Dass die USA bis zuletzt überhaupt keine Führungsmacht, sondern gemeinsam mit Russland, der EU und der Uno nur Mitglied im Nahost-Quartett waren, hat Netanjahu verschwiegen“, schreibt das Blatt.

    Die Bilanz: „Es fällt einem kaum ein anderer Besuch aus dem Weißen Haus ein, der der Wirklichkeit im Nahen Osten derart fremd gewesen wäre. Zur Regulierung des israelisch-palästinensischen Konflikts hatte diese Reise jedenfalls nur ganz mittelbaren Bezug“, so „Kommersant“.

    Doch es wäre auch voreilig, die Mission von Pence als gescheitert zu werten, mahnt die Zeitung. Denn auch wenn die Vereinigten Staaten die Führungsposition im Nahostprozess freiwillig abgegeben haben, verloren haben sie trotzdem nichts, so das Blatt: „Wie kann man auch in einer Sache führen, die längst nicht mehr oder nur auf dem Papier existiert?“

    Um es in der Sprache der Geschäftswelt zu sagen: „Donald Trump hat schlicht und einfach einen problematischen Aktivposten – den israelisch-palästinensischen Prozess – in einen anderen umgemünzt: in die Unterstützung der einflussreichen jüdischen Lobby, die für ihn lebenswichtig ist. Sie wird Trump bei den nächsten Wahlen nicht wenige Stimmen und Spenden bringen“, schreibt die Zeitung.

    Benjamin Netanjahus Worte über die Führerschaft der USA werde diese Lobby ganz bestimmt erhören. „Und das war eben das Wichtigste, wofür Pence in den Nahen Osten geschickt wurde“, resümiert das Blatt.

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    Reise, Anerkennung, Hauptstadt, UN, EU, Weißes Haus, Abdel Fattah al-Sisi, Mike Pence, Donald Trump, Jordanien, Saudi-Arabien, Israel, Ägypten, Jerusalem, Palästina, Nahost, USA