03:20 16 Juli 2018
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    Zivilisten während der Schlacht um Stalingrad (Archivbild)

    Stalingrad: Wie ein zehnjähriges Mädchen den Bombenhagel überlebte

    © Sputnik / Jakow Ryumkin
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    Am 2. Februar wird in Russland der 75. Jahrestag des Sieges der Roten Armee in der Schlacht von Stalingrad begangen. Ein Korrespondent der Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ sprach mit einer Einwohnerin von Wolgograd, die im Alter von zehn Jahren den schrecklichen Bombenhagel der Wehrmacht in Stalingrad überlebte.

    „Wir gingen mit der Nachbarin Raja ins Haus der Lagerarbeiter, um Brot gegen Brotkarten zu bekommen. In der Tasche hatte ich einen schweren Brotlaib“, erzählt Tamara. „Oben flog die ‘Rama‘ vorbei. Sie war seit Juli über der Stadt zu sehen. (Als Rama bezeichnete man das Aufklärungsflugzeug Focke-Wulf FW189 der deutschen Luftwaffe.- Anm. d. Red.)“. Es war der Vorbote einer Gefahr. Alle wussten, dass nach dem Rama-Flug die Junkers-Flugzeuge mit Bomben an Bord erscheinen oder der Artilleriebeschuss beginnt.

    Doch diesmal fielen von oben Flugblätter. Man durfte sie nicht nehmen – spezielle Menschen in Bandagen sammelten sie ein. Doch ich nahm eins. Dort stand, dass man keinen Widerstand gegen deutsche Truppen leisten solle und man dafür belohnt werden würde. Da schlug Raja vor, um die Wette nach Hause zu laufen. Als Tamara in die Barrikadnaja-Straße lief, vernahm sie zunehmendes Getöse. Bald tauchten niedrig fliegende Flugzeuge auf. Auf ihren Flügeln waren sogar Kreuze zu sehen. Da rief jemand: „Hinlegen!“. Es donnerte – ein Bombenangriff begann. Der erste in Stalingrad – und der schrecklichste. An diesem Tag kamen 40.000 Menschen ums Leben

    „Jemand hob mich hoch. ‘Sie ist am Leben!‘, rief ein Soldat mit einem verbundenen Kopf. Er holte mich in einen Laufgraben. Dort verlor ich das Bewusstsein. Ich erwachte, als mir eine Frau auf die Backen klopfte“, erzählt Tamara.

    Die Bombenangriffe dauerten an. Das Mädchen kam erst nach zwei Tage nach Hause, als es bereits für tot gehalten wurde. Der 25. August wurde noch lange als sein zweiter Geburtstag gefeiert.

    Das Familienoberhaupt wurde eingezogen, die Angehörigen würden ihn nie mehr wieder sehen. Die Mutter von vier Kindern, Anna, hatte nun allein für alles Sorge zu tragen. Sie alle versteckten sich in einem Bunker in der Erde.

    „Nach einiger Zeit hat Bruder Wassja gelernt, dem Lärm nach zu erkennen, wohin das Geschoss fallen wird – weit weg oder in die Nähe des Bunkers. Manchmal warfen die Deutschen einfach durchbohrte Fässer ab. Die Fässer heulten laut in der Luft und erschreckten uns sehr. Ich versteckte mich bei der Mutter unter ihrem Mantel. Wenn man getötet wird – dann lieber zusammen. Ein Mal explodierte eine Bombe ganz nahe unserer Erdhütte, später kam ein weiterer Trichter neben uns hinzu. Als es etwas stiller wurde, kam Raja zu uns und fragte, ob wir am Leben seien. Da flogen wieder Flugzeuge heran. Die Mutter sagte ihr, sie solle zu uns in den Bunker springen, doch sie ging zu ihrer Familie zurück. Sie kamen bei einem Volltreffer ums Leben“, erinnert sich Tamara.

    Sie schweigt dann. Man kann diese Bilder nicht vergessen und die Erinnerung an die Ereignisse ist sehr bedrückend.

    „Komm! Weg!“, riefen die Deutschen vor dem Eingang des Bunkers. Sie suchten nach versteckten Soldaten.

    Die sowjetischen Behörden evakuierten Stalingrad nicht. Doch die Deutschen versuchten dies, vielleicht um Diversionen zu verhindern.

    „Die Deutschen nahmen Mädchen und junge Frauen mit. Meine Schwester Sina war hübsch. Wir bedeckten sie mit Lappen, als Faschisten uns aus dem Bunker vertrieben. Meine Mutter war 37 Jahre alt, sie schmierte sich Schmutz ins Gesicht“, erzählt Tamara.

    So lungerten sie den ganzen Herbst und Winter in verschiedenen Erdbunkern herum.

    Alle wissen über die Leiden der Bevölkerung bei der Blockade Leningrads. Doch in Stalingrad war die Situation noch schlimmer – dort gab es überhaupt keine Versorgung. Zunächst wurden eigene Lebensmittelvorräte aufgegessen. Danach ging man zu Eicheln und Kürbis-Innereien über. Nach der Bombardierung einer Konservenfabrik waren auf den Ruinen viele Konserven mit Fisch und Fleischbrühe zu finden. Das Wasser wurde aus der Wolga geholt. Einst wurde am Ufer ein verbrannter Lastkahn mit Roggen entdeckt. Das Getreide war natürlich abgebrannt, doch hatte man keine andere Wahl.

    Ende Januar wurde an den Erdbunker geklopft. „Wir gehören zu euch! Öffnen sie die Tür!“. Man hatte Angst. Es gab Gerüchte, dass alle, die unter den Deutschen in der Stadt waren, erschossen werden. Es kamen sowjetische Soldaten. Sie holten aus ihren Taschen alles, was sie mit hatten und verteilten das unter Kindern. Tamara bekam ein Stück Zucker. Das war das süßeste Stück Zucker in ihrem ganzen Leben.

    Bis zum Sieg in der Schlacht von Stalingrad blieben wenige Tage.

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    Interview, Erinnerungen, Überleben, Der Zweite Weltkrieg, Rote Armee, Wehrmacht, Drittes Reich, Stalingrad, Sowjetunion, UdSSR, Russland, Deutschland
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