20:39 20 Februar 2018
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    Metallwerk in der ukrainischen Stadt Mariupol (Archivbild)

    Geschäfte mit ungeliebtem Nachbarn: Ukraine reaktiviert Handel mit Russland

    © AFP 2018/ Alexander Khudoteply
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    Vier Jahre brauchte man in Kiew, um zu begreifen, dass es sich nicht unbedingt lohnt, sich Europa wirtschaftlich anzunähern, schreibt die Online-Zeitung Vz.ru am Freitag.

    Der Handelsumsatz zwischen Russland und der Ukraine ist im vergangenen Jahr um 25,6 Prozent im Vergleich zu 2016 gewachsen und belief sich auf 12,855 Milliarden US-Dollar. Der ukrainische Import aus Russland ist dabei um fast ein Viertel auf acht Milliarden Dollar gestiegen. Der ukrainische Export nach Russland vergrößerte sich um mehr als 26 Prozent auf fast fünf Milliarden Dollar.

    Einerseits behauptet man in Kiew, Russland wäre ein „Okkupant“ und „Aggressor“, andererseits aber baut man die Wirtschaftsbeziehungen zum Nachbarn aus. 

    „Reintegration in eurasischen Wirtschaftsraum“

    „Der bereits 2012 abgesteckte Kurs (der Ukraine) auf die EU-Integration und gegen die eurasische Wirtschaftsintegration wurde letztendlich korrigiert“, sagte der Ökonom der gesellschaftlichen Bewegung „Ukrainische Wahl“, Alexander Koltunowitsch. „Letztendlich hat die Vernunft die Oberhand gewonnen, und die Ukraine beginnt de facto ihre Reintegration in den eurasischen Wirtschaftsraum, ohne ihre Verpflichtung zur Erfüllung des politischen Teils des EU-Assoziierungsabkommens aufzugeben.“

    Für Russland ist die Intensivierung des Handels mit der Ukraine nicht so wichtig, denn der Anteil der Ukraine an seinem Außenhandel beläuft sich auf nur 2,2 Prozent. Aber für Kiew ist der Handel mit dem großen Nachbarland im Osten enorm wichtig, besonders nachdem man eingesehen hat, dass die ukrainischen Produkte auf dem EU-Markt nicht unbedingt willkommen sind, besonders wenn es nicht um Lebensmittel, sondern um Produkte mit einem großen Mehrwert (beispielsweise Maschinen) geht.

    „Die Ukrainer werden bald verstehen, dass die Wiederherstellung der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland nützlich wäre“, so der Experte Koltunowitsch. Er zeigte sich überzeugt, dass der Pragmatismus in den Wirtschaftsbeziehungen die Oberhand gewinnen wird, und verwies auf das Beispiel Georgiens, das sich jetzt ebenfalls um die Rückkehr auf den russischen Absatzmarkt bemüht.

    Was verkauft die Ukraine dem „Aggressor“?

    Aber was verkauft die Ukraine dem „Aggressor“? Und was kauft sie selbst bei ihm?

    „Als die soziale Spannung um die russisch-ukrainischen Beziehungen zurückging, waren ausgerechnet ukrainische mittelständische Unternehmen, die Schuhe, Kinderkleidung usw. herstellen, diejenigen, die nach Partnern in Russland suchten“, sagte Sergej Swenigorodski von der Verwaltungsgesellschaft Solid Management. „Auf dem europäischen Markt ist die Konkurrenz zu groß für sie – dort gibt es viele eigene Hersteller, die von der EU mit hohen Importzöllen beschützt werden.“

    Darüber hinaus ständen ukrainische Chemiewerke still, und Kiew müsse Produkte der Chemieindustrie in Russland kaufen, so der Experte weiter. Drittens brauche die ukrainische Landwirtschaft Brennstoff und Düngemittel, die in Russland billiger als in Europa seien. Und schließlich verkaufen die Ukrainer nach wie vor Produkte ihrer Hüttenindustrie und ihres Maschinenbaus an Russland: Rohre, Kessel, Armierungsstahl sowie Motoren, Maschinen usw. „Die Ukraine möchte natürlich diese Produkte in die EU exportieren, aber die dortigen hohen Importzölle nehmen ihr diese Möglichkeit. De facto bietet der Verkauf von Maschinen an Russland die Überlebensmöglichkeit für diese Branche in der Ukraine“, stellte Swenigorodski fest.

    Und was kauft die Ukraine ein?

    Besonders interessant ist jedoch, was die Ukrainer in Russland kaufen, dass ihr Import aus dem „Aggressorland“ so gewachsen ist. Eigentlich sind es vor allem die Energieressourcen, auch wenn Kiew ständig von seiner „energiewirtschaftlichen Unabhängigkeit von Russland“ spricht. Es konnte einfach nicht auf das russische Öl und vor allem nicht auf die russische Kohle verzichten: 2016 hatte die Ukraine in Russland Kohle für 635 Millionen Dollar und Ölprodukte für 501 Millionen Dollar gekauft. „Und allein zwischen Januar und November 2017 kaufte sie Kohle für 800 Millionen Dollar und Ölprodukte um 100 Millionen Dollar mehr. Dabei ist der Umfang der Ölprodukte ungefähr derselbe geblieben – nur der Preis ist gestiegen“, sagte dazu Kyrill Jakowenko (Alor Broker).

    Paradoxerweise wurde ausgerechnet der geopolitische Konflikt zwischen Moskau und Kiew zum Schlüsselfaktor für das Handelswachstum. Denn vor dem Konflikt hatte die Ukraine Kohle selbst gefördert, aber nach der faktischen Abspaltung der selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk muss sie Anthrazitkohle in den USA und Afrika und Steinkohle in Russland kaufen.

    Es wird erwartet, dass der russisch-ukrainische Handelsumsatz in diesem Jahr noch weiter wachsen wird.

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    Tags:
    Wirtschaft, Doppelstandards, Energiebereich, Kohl, Ölexport, Maschinenbau, Steigerung, Warenumsatz, Waren, Kleidung, Chemie, Scheitern, Integration, Krise, Aufstockung, Handel, Markt, EU, USA, Russland, Ukraine
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