01:20 16 Juli 2018
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    Mitarbeiter des US-Konsulats in St. Petersburg entfernen die Nationalflagge

    Krise von heute und Kalter Krieg von damals: Alles wie gehabt?

    © REUTERS / Anton Vaganov
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    Der Konflikt zwischen dem Westen und Russland ist beispiellos, hört man immer wieder. Doch bei all der Aufregung und Konfrontation: Ist es nicht etwas überspannt, die heutige Situation mit den Beinahe-Katastrophen des Kalten Krieges zu vergleichen? Etliche Beispiele zeigen, dass Washington und Moskau schon einmal vor tieferen Abgründen standen.

    Wie im Westen so in Russland haben die gegenseitigen Ausweisungen von Diplomaten wegen des (von London inszenierten?) Falles Skripal ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit nicht verfehlt. Selbst alte Hasen der Diplomatie staunen:

    „An einen solchen Absturz der russisch-amerikanischen Beziehungen kann ich mich in der Geschichte nicht erinnern“, erklärte kürzlich der russische Botschafter in Washington, Anatoli Antonow.

    Aber Kalter Krieg? Den Vergleich der heutigen Krise mit dem damaligen Konflikt hat der Westen einst eingeworfen: Wer Propaganda treiben will, braucht halt starke Bilder. Doch es gibt eine Realität auch jenseits rhetorischer Volten. Und die ist so, dass man die heutigen Beziehungen zwischen dem Westen und Russland nur mit stärkstem Willen und größter Mühe für schlimmer halten kann als vor 50 Jahren.

    Erinnern wir uns einmal an damals: Waren die Beziehungen zwischen USA und UdSSR wirklich ein ständiger Balanceakt am Rande eines Krieges? Dieses Verhältnis war doch ein Krieg. Kein ständiger zwar, aber es war einer – geführt über Stellvertreter. Von 1946 an entstanden immer mehr Reibungs- und Konfliktpunkte zwischen den USA und der Sowjetunion. Anfangs mitten in Europa, dann in Fernost, wenig später in Afrika und Südamerika.

    Den US-Truppen standen in solchen Fällen sowjetische Berater, Kampfpiloten und Flugabwehr-Spezialisten gegenüber. Aber Amerikaner töteten Russen und Russen töteten Amerikaner. Derartiges ließe sich heute nicht mal über Syrien sagen.

    Und dann waren damals die Momente, an denen die Welt in Angst vor einem nuklearen Krieg den Atem anhielt. 1961 standen sich amerikanische und sowjetische Panzer Geschütz gegen Geschütz im geteilten Berlin gegenüber. In der Kuba-Krise 1962 hielten die Staatschefs den Finger schon am roten Knopf…

    Maria Sacharowa
    © Sputnik / Ekaterina Chesnokowa

    Das gefährlichste war damals das erste Nachkriegsjahrzehnt bis 1955, als in Genf das erste westlich-sowjetische Spitzentreffen stattfand. Bis dahin gab es nicht einmal einen Dialog zwischen West und Ost, nicht einmal ein Gespräch, geschweige denn ein gemeinsam vereinbartes Verfahren zur Konfliktregulierung. Auch Botschafter wurden ausgewiesen, wie 1952 aus den USA.

    Dass persönliche Kontakte zwischen westlichen und sowjetischen Politikern hergestellt wurden, galt als ein enormer Durchbruch. Bis zum nächsten Treffen der Führungsspitzen vergingen allerdings vier Jahre. Und nach der ersten Reise des sowjetischen Staatschefs in die USA kam der Absturz: Die brandgefährlichen 1960er Jahre mit der Kuba-Krise, dem Vietnam-Krieg und den gegenseitigen Vorwürfen des Weltmachtstrebens. Keine Verhandlungen bis 1967.

    Das war dann doch etwas anderes als heute. Es wurde nicht mal telefonisch verhandelt. Und die Außenminister der beiden Supermächte trafen sich höchstens einmal im Jahr. Man beachte außerdem, dass die beiden Blöcke keine angemessenen Vorstellungen voneinander hatten, wobei die US-Führung die Interessen des Kremls noch irrtümlicher einschätzte als Moskau die Motive des Weißen Hauses.

    Eine Art von Dialog wurde erst in den 1970er Jahren wiederaufgenommen, in der Zeit der Entspannungspolitik. Das kurzzeitige Wiederausbrechen des Kalten Krieges Anfang der 1980er Jahren war dann keine so große Gefahr mehr für die Welt. Hätte Gorbatschow die Reform der Sowjetunion weniger unbegabt vorangetrieben, wäre auch im Verhältnis der beiden Supermächte eine dauerhafte, robuste Entspannung erzielt worden. Aber das wäre eine ganz andere Geschichte.

    Als der russische US-Botschafter Antonow sagte, er könne sich an einen solchen Absturz der russisch-amerikanischen Beziehungen nicht erinnern, meinte er wohl die Geschichte jenes Russlands, das nach 1991 entstanden ist. Ein Blick über diese Zeitmarke hinaus zeigt größere Stürze und Schwierigkeiten.

    Deshalb werden die russisch-amerikanischen Beziehungen auch die heutige, die Skripal-Krise sicherlich nicht mit den größten Verlusten überstehen. Schließlich hat man sich in den vier zurückliegenden Krisenjahren an so manches angepasst. Auch an einen Donald Trump, der mit dem russischen Präsidenten die Details ihres künftigen Arbeitstreffens bespricht und die Generalstabchefs seines Landes nicht daran hindert, mit deren russischen Kollegen wegen Syrien ständig im Kontakt zu bleiben. So etwas gab es in den Jahren des damaligen, echten Kalten Krieges nun wirklich nicht.

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    Tags:
    Ausweisung, Diplomaten, Krise, Internationale Beziehungen, Botschafter, Kalter Krieg, Weißes Haus, Anatoli Antonow, Sergej Skripal, Nahost, Syrien, Sowjetunion, Großbritannien, Europa, UdSSR, Russland, USA
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