05:43 26 April 2018
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    Plakat, mit dem die US-Regierung in Europa für den Marshallplan warb

    Der Marshallplan: Ein edles Schmiergeld, um Europa gefügig zu machen

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    In einer unfassbar großzügigen Geste stellte die US-Regierung vor genau 70 Jahren ein Milliardenpaket bereit, um dem kriegszerstörten Westeuropa wieder auf die Beine zu helfen. Dies war zumindest das offiziell erklärte Ziel des Marshallplans.

    Winston Churchill verlor im Juli 1945 die Wahlen. Zu sehr hatte der konservative Premier im Wahlkampf auf die Kriegserfolge seines Landes gesetzt. Der Labour-Kandidat Clement Attlee machte das Rennen mit einem zukunftsweisenden Programm. Großbritannien sollte – von sozialdemokratischen Grundsätzen geleitet – ein Land allgemeinen Wohlstands werden.

    Die Labour Party stand dafür, die starke Rolle des Staates in der Wirtschaft zu stützen. Wichtige Wirtschaftsbereiche sollten verstaatlicht werden: Das Versorgungs- und Verkehrswesen zum Beispiel und Teile des Finanzsektors. Auch das gehörte zum Programm der britischen Sozialdemokraten: Die Beziehung zur Sowjetunion sollte gestärkt werden.

    In der britischen Bevölkerung war dieser Vorschlag mehrheitsfähig. Die Labours erhielten die Mehrheit der Sitze im House of Commons, dem Unterhaus des britischen Parlaments. Sie stellten die Regierung und setzten ihr Programm – entgegen dem Widerstand des House of Lords – zumindest in Teilen um: Bis 1947 wurden der Bahnverkehr, die Stromversorgung und der Bergbau verstaatlicht.

    Bei Englands Nachbar, im Frankreich der Nachkriegszeit, waren die Kommunisten stark. Sie hatten in der Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Truppen eine wichtige Rolle gespielt und den Pariser Aufstand von 1944 maßgeblich unterstützt. Viele Promis traten nach dem Krieg der kommunistischen Partei bei, Pablo Picasso zum Beispiel. Über eine halbe Million Mitglieder zählte die Partei 1945.

    Bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Oktober 1945 wurden die französischen Kommunisten die stärkste Fraktion, gefolgt von den Sozialdemokraten. Die Kommunisten gingen in die Regierung Charles de Gaulles‘ ein.

    Ein ähnliches Bild auch in Italien: Während des Krieges hatten die Kommunisten aktiven Widerstand gegen die Faschisten geleistet, in den Jahren 1944-1945 wurden sie mit über zwei Millionen Mitgliedern zur größten Partei des Landes. Sie gingen in die Nachkriegsregierung ein und erhielten bei den Wahlen von 1948 über ein Drittel der Wählerstimmen.

    Es wurde also deutlich: Die in der Jalta-Konferenz als westlich bestimmte Einflusssphäre entglitt von selbst der westlichen Kontrolle. So groß war das Ansehen der UdSSR, die die größte Kriegslast geschultert und Europa vom Faschismus befreit hatte. Winston Churchill sprach denn auch in seiner berühmten Fulton-Rede unumwunden von einer ernsthaften Gefahr für Europa. Der Marshallplan war der erste Schritt, um dieser angeblichen Gefahr vorzubeugen.

    Wie die EU entstand

    Auf den ersten Blick bot der Marshallplan den Westeuropäern die dringend notwendige Finanzhilfe und berücksichtigte dabei berechtigterweise die Interessen der USA. Ein wirtschaftlicher Pakt zu gegenseitigem Vorteil – genauso wollte Außenminister George Marshall seinen Plan verstanden wissen, als er ihn im Juli 1947 in einer Rede an der Harvard University vorstellte.

    Weniger als ein Jahr später, am 3. April 1948, wurde in den USA das Gesetz über Auslandshilfe verabschiedet, das die konkrete Umsetzung des Marshallplans regelte. Demnach sollte in jedem teilnehmenden Land eine Sondermission eingerichtet werden, die die jeweiligen Bedürfnisse ermitteln und das Geld zu deren Befriedigung bereitstellen sollte. Ein in Paris ansässiger Sondergesandter koordinierte die Arbeit der regionalen Missionen.

    So ganz umsonst gab es das US-amerikanische Geld dann aber doch nicht. Westeuropa musste Strukturreformen umsetzen: Die Geldwirtschaft stabilisieren, die Staatsfinanzen ausgleichen und vor allem die Zollschranken aufheben, um den Handel zu beleben. So formte der Marshallplan aus den Ländern Westeuropas einen einheitlichen Wirtschaftsraum.

    „Ein nie dagewesener Vorgang“, schrieben sowjetische Zeitungen über das Marshallplan-Gesetz damals. „Der Gesetzgeber eines Landes verabschiedet ein Gesetz, das in anderen, formell unabhängigen Staaten Rechtskraft entfaltet.“

    Der Preis der Unabhängigkeit

    Die Hauptbedingung für die Teilnahme am „Hilfsprogramm“ der USA war der Ausschluss der Kommunisten aus den Regierungen. Die Sondermissionen in den jeweiligen Ländern waren berechtigt, den Marshallplan auszusetzen, sollte es nicht mehr den US-Interessen entsprechen, die Hilfsgelder bereitzustellen. Also: Entweder die Kommunisten aus den „gewählten“ Regierungen raus oder Geldhahn zu.

    Die USA setzten ihre Wirtschaftsmacht als Hebel der eigenen Politik in den Ländern Westeuropas ein. Auf die eine Waagschale warf Washington enormes Kapital, das das kriegszerstörte Westeuropa so dringend benötigte. Auf der anderen Waagschale lag die Verpflichtung, unter strenger Aufsicht eines Statthalters den US-Interessen zu folgen.

    Ein Beispiel, was das konkret bedeutete: In Italien wurde eine antikommunistische Kampagne gestartet. Gesellschaftliche Aktivisten und Kirchenvertreter erhielten direkte Unterstützung aus der US-Botschaft. Außenminister Marshall persönlich erklärte kurz vor den Wahlen des italienischen Parlaments, bei einem Wahlsieg der Kommunisten würden die USA die Hilfszahlungen einstellen. Die Wahl zwischen Geld und Demokratie trat deutlicher zutage denn je.

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    Tags:
    Finanzhilfe, Einfluss, Investitionen, Marshallplan, Der Zweite Weltkrieg, Charles de Gaulles, Winston Churchill, Frankreich, Europa, USA, Großbritannien