00:49 22 Juli 2018
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    Sklavenhandel-Denkmal (Symbolbild)

    Familiengeschäft nach alter Sitte: In England blüht moderner Sklavenhandel

    CC BY 2.0 / Son of Groucho / Stone Town Slave Trade 5
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    Der Skandal hat mit einem einzigen Tweet angefangen. Man beglückwünsche „Millionen von Engländern“ dazu, dass ihre Steuern noch bis 2015 für die Abschaffung der Sklaverei verwendet worden seien, twitterte das britische Finanz- und Wirtschaftsministerium zum Wochenausklang.

    Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten und wütete derart, dass das Ministerium sich veranlasst sah, seine Kurznachricht zu löschen. Die Behörde hatte in ihrem Tweet auch noch gefragt, ob die britischen Bürger wüssten, dass Großbritannien im Jahr 1833 Milliarden bereitgestellt habe, um für alle Sklaven im Britischen Weltreich die Freiheit zu erkaufen. Diese offensichtliche Geschichtsvergessenheit der britischen Schatzmeister brachte die Nutzer in Rage.

    Die Sklavenhaltung im British Empire war 1833 in der Tat gesetzlich verboten worden. Doch bestand dieses als eine Handlung ungeahnter Menschlichkeit gefeierte Verbot nur auf dem Papier. Für die Sklaven änderte sich in der Praxis nur, dass sie – wie 1834 in West Virginia – nicht mehr Sklaven, sondern Auszubildende genannt wurden. Sie waren weiterhin zur Zwangsarbeit für ihre alten Herren verpflichtet, auch an den täglichen Strafen, Schlägen, Folter und Mord rüttelte das neue Gesetz nicht. Nur wurden die Gräuel jetzt nicht mehr von den Sklavenhaltern selbst, sondern von der britischen Kolonialverwaltung begangen.

    Auch überall sonst im britischen Weltreich, in dem die Sonne niemals unterging, änderte sich 1833 am Status der nicht mehr so heißenden Sklaven nichts. Sie schufteten weiterhin unter Androhung drakonischer Strafen für minderwertige Kost und schlechte Logis zum Wohle ihrer britischen Kolonialherren.

    Richtig an dem Tweet des britischen Finanz- und Wirtschaftsministeriums ist auch, dass die damalige Regierung im Zusammenhang mit der sogenannten Sklavenbefreiung Staatsgelder bereitstellte. Nur wurden damit nicht die Sklaven freigekauft, sondern die Sklavenhalter entschädigt. Da die Wirtschaft des damaligen Weltreichs größtenteils vom Sklavenhandel profitierte, musste die Staatskasse 1833 unvorstellbare 20 Milliarden Pfund dafür ausgeben – 40 Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung Großbritanniens.

    Das Geld ging an die Sklavenhalter und legte den Grundstein für den Reichtum ganzer Generationen britischer Familien. Zu den Begünstigten zählte zum Beispiel, wie historische Dokumente belegen, der Vater des britischen Ex-Premierministers William Gladstone. Oder die Vorfahren der britischen Schriftsteller Graham Greene und George Orwell. Die Ahnen des ehemaligen Regierungschefs David Cameron übrigens auch.

    Banken und Konzerne blieben nicht außen vor: Bis 2015 zahlte die britische Regierung Entschädigungen samt Zins und Zinseszins an so namhafte Häuser wie Lloyds, Barclays Bank, Bank of England oder Rothschild & Sons. Kein Wunder also, dass so mancher Vertreter des Geldadels sich vehement für die (offizielle) Abschaffung der Sklaverei starkmachte. Die derart edle Absicht, den Sklaven die Freiheit zu bringen, entpuppt sich als grandioser Betrug am britischen Steuerzahler.

    Hin und wieder fordern afrikanische und karibische Länder von Großbritannien Widergutmachung. Von der britischen Königin werden ein paar Worte der Reue erwartet wegen des abartigen Geschäfts, das Millionen Menschenleben zerstörte. Derlei ist jedoch nicht zu hören: Entschuldigung, Reue, Wiedergutmachung an die Nachkommen der Sklaven sind in Großbritannien bis heute sehr unpopuläre Themen. Ja, die englische Staatskirche hat sich für die Verbrechen der damaligen Politik entschuldigt. Ja, der britische Ex-Premier Tony Blair sprach sein Bedauern darüber aus. Eine offizielle Entschuldigung steht aber bis heute aus.

    Eine der wenig bekannten Seiten des britischen Sklavenhandels ist die Versklavung der weißen Bevölkerung Großbritanniens: mittellose Bauern, durch die Industrierevolution verarmte Weber und Handwerker, Landstreicher (…). Beständigen Nachschub für den Sklavenmarkt des Britischen Weltreichs lieferte auch das hungernde Irland.

    Sklaven waren auch sie offiziell nicht. Bezeichnet wurden sie als Pflichtdiener. Aber dies war auch der einzige Unterschied zu ihren dunkelhäutigen Leidensgenossen – ansonsten war alles gleich: Die „Pflichtdiener“ waren ihren Herren auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit verpflichtet und auch ihre Kinder gehörten ihrem Besitzer.

    Die Kinder – Sprösslinge armer Familien oder Waisen – stellten ohnehin den Großteil der weißen Sklaven in Großbritannien. Ganze Banden jagten in den englischen und schottischen Hafenstädten im Auftrag von Sklavenhändlern Kinder. In irgendeinem Verschlag eingesperrt, wurden sie nachts auf ein Schiff verladen, dass in eine Überseekolonie aufbrach. So schlimm war die Lage, dass die Bauern sich scheuten, ihre Kinder mit in die Stadt zu nehmen. Alle Beschwerden bei den örtlichen Behörden halfen nichts: Die Verwaltung hielt ihre schützende Hand über dem Geschäft.

    Dieses Modell scheint eineinhalb Jahrhunderte bis ins heutige Großbritannien überdauert zu haben. Missbrauchsskandale erschüttern das Land ja immer wieder. Erst vor wenigen Jahren war bekanntgeworden, dass britisch-pakistanische Banden im englischen Städtchen Rotherham jahrzehntelang minderjährige Mädchen vergewaltigt und zur Prostitution zwangen. Die Zahl der Opfer ging in die Hunderte, doch die örtliche Polizei weigerte sich, den Anzeigen der Eltern nachzugehen – die Ordnungshüter schützten die Gangs.

    Das Gleiche passierte in der britischen Großstadt Telford. Auch dort entführten britisch-pakistanische Gangs minderjährige Mädchen und machten sie zu Sexsklavinnen – seit 1981. Das jüngste Opfer war gerade mal elf Jahre alt. Die Polizei, die Stadtverwaltung und das Jugendamt unternahmen alles, um die Ermittlungen zu verhindern. Erst Anfang März ist etwas von dem ungeheuerlichen Vorgang an die Öffentlichkeit gelangt. Nur wurde die gesellschaftliche Aufmerksamkeit von dem modernen Sklavenhandel in England gekonnt abgelenkt, durch einen unheimlichen Vorgang in der ebenfalls britischen Stadt Salisbury.

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    Tags:
    Regierung, Banken, Konzern, Skandal, Kosten, Strafen, Geschichte, Handel, Sklaven, Tony Blair, Salisbury, Großbritannien
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