15:40 22 September 2018
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    US-Präsident Donald Trump beim Weißen Haus

    Twittern, bis es knallt!

    © REUTERS / Carlos Barria
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    Ein schauriges Märchen über die heutige internationale Politik müsste wohl so beginnen: „Trump wacht auf und schreibt einen neuen Tweet“.

    Und genau das geschah diese Woche. Am 12. April begann der 45. US-Präsident seinen Arbeitstag mit einen Tweet: „Ich sagte nie, wann der Schlag gegen Syrien geschehen würde – möglicherweise sehr bald, möglicherweise gar nicht so bald.“

    Erst am Vortag hatte er auf Twitter Russland und Syrien mit „smarten“ Raketen gedroht. Und noch einen Tag zuvor hatte die US-Administration signalisiert, Trump würde innerhalb von 48 Stunden eine Entscheidung über den „Vergeltungsschlag“ nach dem angeblichen Chemiewaffenangriff im syrischen Duma treffen, den Washington dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in die Schuhe schiebt.

    Es ist nun einmal so, dass moderne Technologien und die virtuelle Realität die wahre Realität immer undeutlicher machen. So berichtete beispielsweise die Website FlightRadar, dass im US-Luftraum ein „Flugzeug des Jüngsten Gerichts“ registriert worden sei, und die Welt begann sofort, sich auf den wahren Atomkrieg gefasst zu machen. Dann wurde mitgeteilt, dass russische Kriegsschiffe ihren Stützpunkt in Tartus verlassen haben, während die syrischen Luftstreitkräfte ihre Kampfjets auf den russischen Stützpunkt Hmeimim verlegen – und Analysten schlussfolgerten sofort: Moskau und Washington haben sich geeinigt, und die USA werden die Russen in Syrien nicht bombardieren. Und deshalb will Assad seine Flugzeuge bei den Russen verstecken.

    Die Menschheit macht sich auf einen neuen Weltkrieg anhand von direkten Anzeichen gefasst, von FlightRadar-Angaben oder von Twitter-Beiträgen des US-Präsidenten, die aber nicht immer ganz klar sind und deshalb unterschiedlich interpretiert werden können.

    Und besonders traurig ist, dass niemand versteht, worauf sich die ausgebrochene Hysterie eigentlich zurückführen lässt. Denn solche „indirekten“ Bilder tauchen auf, wenn gewisse Kräfte sie auftauchen lassen. Und dieses Durcheinander in den Nachrichtensendungen – und in den Köpfen der Menschen – passt den Politikern, ob Donald Trump oder Theresa May, oder auch der russischen Führung. Denn der Hype lenkt die Menschen von inneren Problemen ab und „tarnt“ das reale Vorgehen der Regierenden.

    Nur anhand von indirekten Anzeichen kann die Welt auch über aufsehenerregende Verbrechen urteilen, die zu diplomatischen Kriegen führen. So berichtete der britische Sender Sky News unter Berufung auf einen kurzen OPCW-Bericht, der russisch-britische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia seien definitiv vergiftet worden. Dabei bezeichneten die Journalisten des Senders den Giftstoff als „Nowitschok“, obwohl in dem Dokument der Organisation die im Fall Skripal eingesetzte Substanz nicht namentlich genannt wird.

    Oder ein anderes Beispiel: Experten sollen Giftstoffteilchen an dem Ort in Salisbury entdeckt haben, wo die Skripals vergiftet wurden. Der gleiche Giftstoff sei auch in ihrem Blut entdeckt worden. In dem Bericht hieß es, dass die OPCW-Analysen die Version der Briten bestätigen. Aber welche denn? Niemand kennt doch die genaue britische Version der Skripal-Vergiftung! Bekannt ist lediglich, dass London behauptet, der Stoff sei in Russland hergestellt worden.

    Allerdings erklärte der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, Putin sei kein Anhänger der „Twitter-Diplomatie“. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel erklärte höchstpersönlich auf einer Pressekonferenz, und nicht auf Twitter, dass sich Deutschland am eventuellen Syrien-Angriff nicht beteiligen werde.

    Natürlich sind die neuesten Gadgets und die sozialen Netzwerke nicht mehr wegzudenken, und es ist im Grunde nicht so wichtig, ob die Politiker via Twitter, Facebook, per SMS oder sonst wie miteinander kommunizieren. Die Hauptsache ist doch, dass sie zu ihrem Wort stehen und getroffene Vereinbarung erfüllen. Und in der aktuellen Situation ist die wichtigste Aufgabe, nach Wegen zu ihrer Abspannung zu suchen.

    Das Problem ist, dass es für alle direkten und indirekten Teilnehmer des Syrien-Konflikts günstig ist, von „äußeren Feinden“ zu sprechen. Denn es ist immer leichter, eigene Probleme und Misserfolge mit der Verhandlungsunfähigkeit der Gegenseite zu erklären.

    Aber je weiter die Seiten einander etwas vorwerfen, je mehr kontroverse Tweets sie veröffentlichen werden usw., desto größer wird die Gefahr eines realen Kriegs. Und die Politiker sollten endlich verstehen, dass sie Probleme nur dann in den Griff bekommen werden, wenn sie selbst die Verantwortung übernehmen, egal welche technischen Mittel ihnen zur Verfügung stehen. Entscheidend sind dabei ihre Adäquanz, Kompromissbereitschaft, ihr Mut und Verantwortungsbewusstsein. Auch wenn sie ihre Gedanken auf Twitter formulieren.

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    Tags:
    Krieg, Vergiftung, Angaben, OPCW, Twitter, Theresa May, Sergej Skripal, Donald Trump, Großbritannien, Russland, Syrien, USA