01:18 24 Oktober 2018
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    Der chinesische Staatschef Xi Jinping (R) im Mai 2015 neben seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin auf dem Roten Platz während der Jubiläumsparade des Sieges (Archiv)

    Russland und China: Amerikas in Erfüllung gegangener Alptraum

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    Am 25. und 26. April fand in Shanghai eine neue russisch-chinesische Konferenz des Diskussionsklubs „Waldai“ statt. Der für Asien und Eurasien zuständige Programmdirektor des Klubs, Timofej Bordatschow, erläuterte in einem Beitrag für die Online-Zeitung Gazeta.ru, wie die aktuellen Beziehungen im Dreieck „Russland-China-USA“ aussehen.

    Russland, die Volksrepublik China und die USA sind die drei führenden Großmächte der Weltpolitik – wenigstens wegen der Größe ihrer Atomwaffenarsenale. Dabei waren die Beziehungen innerhalb dieses Dreiecks immer unterschiedlich. Russland ist für die USA (genauso wie die USA für Russland) die zweite „Messias“-Großmacht, die eine besondere Geistigkeit beansprucht – und zugleich ein großer Konkurrent.

    Deshalb entwickelt sich die russisch-amerikanische Konfrontation vor allem auf dem „Ideenmarkt“ und ist deshalb so hysterisch.

    China ging seinerseits bei der Gestaltung seiner Politik gegenüber den USA vor allem davon aus, dass es früher oder später stark und einflussreich genug wird, um Amerika zu bezwingen, und zwar ohne einen direkten Konflikt.

    Die Stimmungen in der chinesischen Expertengemeinschaft, die unter anderem auch in der „Waldai“-Konferenz zu hören waren, zeugen davon, dass sich diese Situation allmählich ändert. Das ist vor allem der „energischen“ Politik des US-Präsidenten Donald Trump zu verdanken.

    In Amerika ging man schon immer davon aus, dass China je nach seiner „Markttransformation“ für Washington  ein immer „bequemerer“ Partner werden könnte. Das sollte entweder wegen der unvermeidlichen (bei einem stabilen Wachstum des Lebensniveaus) Demokratisierung oder wegen der Tatsache passieren, dass eine „Großmacht-Außenpolitik“ für das Reich der Mitte einfach ungünstig wäre. Denn China wäre dann zu stark in die Weltwirtschaft integriert – im Interesse der außenpolitischen Stabilität.

    Dabei hatten manche amerikanische China-Kenner immer ihre Zweifel an der Richtigkeit dieser Hypothese. Aber man hörte ihnen kaum zu. Noch mehr als das: Bis 2013 hatten die chinesischen Spitzenpolitiker selbst es vorgezogen, „im Schatten zu bleiben und Kräfte zu sammeln“ – und dadurch ließen sie die Amerikaner (egal ob absichtlich oder nicht) sich täuschen.

    Es ist fast lustig, dass auch in China viele glaubten, dass die USA die Volksrepublik nicht unter Druck setzen würden, weil beide Länder viel zu stark miteinander wirtschaftlich verbunden sind. Dabei gingen sie von dem durchaus marxistischen Glauben an die bedingungslose Dominanz der materialistischen Begriffe  wie „Profit“ über die eher ephemeren Begriffe wie „Stolz“ und „Prestige“ aus. In dieser Frage stimmten die eigentlich nach ihrem Inhalt entgegengesetzten Liberalismus und Marxismus praktisch völlig überein.

    Man sollte nicht vergessen, dass ausgerechnet die USA eine riesige Rolle bei dem Erfolg der Politik der Offenheit und der Wirtschaftsreformen im Reich der Mitte gespielt hatten, die der große Deng Xiaoping vor 40 Jahren eingeleitet hatte.

    Er reiste persönlich nach Amerika, lief mit einem Cowboyhut herum und lockte US-Investoren auf den damals beispiellos billigen chinesischen Arbeitsmarkt. Dabei beträgt der eigentliche chinesische Mehrwert bei beispielsweise iPhones höchstens zehn Prozent. Viele Kollegen in chinesischen Denkfabriken glaubten nicht, dass die Amerikaner ihr Land unter Druck setzen würden, das für sie aus wirtschaftlicher Sicht so lukrativ ist.

    Noch mehr freuten sich viele in China über den 2014 ausgebrochenen Konflikt zwischen Russland und dem Westen. Obwohl gerade die Volksrepublik all diese Jahre der konsequenteste Verbündete Moskaus ist und bleibt, der es mehr unterstützt, als viele denken könnten.

    Erwähnenswert ist beispielsweise, dass der chinesische Staatschef Xi Jinping im Mai 2015 neben seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin auf dem Roten Platz während der Jubiläumsparade des Sieges im Großen vaterländischen Krieg der Sowjetunion stand, zu der kein einziger westlicher Politiker gekommen war.

    Zu einer großen Errungenschaft wurde auch die gegenseitige Verflechtung der für Moskau enorm wichtigen Eurasischen Wirtschaftsunion und des Wirtschaftsgürtels „Seidenstraße“. Man kann aber auch nicht leugnen, dass die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen für China theoretisch und auch praktisch sehr günstige Voraussetzungen für den Umgang mit den beiden schafft.

    Ein „neues großes Spiel“

    Die Situation veränderte sich allmählich je nach Zustand der wachsenden globalen Herrschaft des Reiches der Mitte, das über kolossale wirtschaftliche Möglichkeiten verfügt. Nach dem Ausrufen der Strategie „Ein Gürtel – ein Weg“ zieht es immer neue Bittsteller aus kleinen und mittelgroßen Ländern Asiens und Eurasiens an.

    In den USA freute man sich am Anfang darüber, denn man hatte damit gerechnet, dass Chinas Vorrücken in die Tiefe des eurasischen Kontinents zu einer Konfrontation zwischen Peking und Moskau führen würde. In Washington erwartete man, dass die Russen der Volksrepublik den Kampf um den regionalen Einfluss erklären würden. In erster Linie würde es um Zentralasien gehen. Der Unvermeidlichkeit dieses Kampfes sind Dutzende Bücher und Hunderte Zeitungsbeiträge gewidmet. Dabei dachte kaum jemand an die Frage: Warum sollte Russland sich eigentlich an den zentralasiatischen Ländern dermaßen festklammern, als würden sie ihm quasi gehören?

    Es ist ja nicht auszuschließen, dass die Amerikaner einfach ihre eigenen Grundeinstellungen auf Russland übertrugen und Moskaus Rationalität unterschätzten.

    Aber die Reaktion, die man in Übersee erwartet hatte, kam nicht. Noch mehr als das: Russland begrüßt offiziell die chinesischen Investitionen im postsowjetischen Raum und zeigt sein Interesse am Ausbau der chinesischen Präsenz dort, insbesondere aus der Sicht der Sicherheit.

    Der Grund ist ganz einfach: China hat nicht das Ziel, die Regierenden in den jeweiligen Ländern zu stürzen, damit dort Russlandhasser an die Macht kommen könnten – im Unterschied zum Vorgehen der Amerikaner und ihrer Verbündeten. In diesem Sinne stimmen die Einstellungen Moskaus und Pekings völlig überein. Und die chinesischen Investitionen könnten wenigstens theoretisch die sozialwirtschaftliche Stabilität in Zentralasien fördern und Russland, darunter seinen Arbeitsmarkt, teilweise entlasten.

    US-Alptraum geht in Erfüllung

    Je nach dem Wachstum der geostrategischen Einflusskraft Chinas wurden die Besorgnisse der Amerikaner immer größer. Davon zeugen zahlreiche Erklärungen und Beiträge über die angeblich mangelhafte Stabilität des wirtschaftlichen und politischen Systems im Reich der Mitte.

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    Die Amerikaner spielen immer intensiver „Spielchen“ mit Indien, das die militärische Niederlage gegen China von 1962 immer noch nicht vergessen kann. Peking reagierte darauf mit seinen eigenen Erklärungen und Aufrufen. Die Chinesen dachten selbst lange daran, dass die Verschärfung der US-Rhetorik nichts als Teil der Verhandlungstaktik Washingtons wäre.

    Noch im Sommer 2017 dachten in Peking viele, sie könnten sich von Trump einfach „loskaufen“. Ende des vorigen Jahres wurden aber Russland und China in offiziellen strategischen und außenpolitischen Dokumenten als „Amerikas Gegner“ bezeichnet, und jetzt hat Washington einen großen Handelskrieg gegen das Reich der Mitte begonnen, indem unter anderem Sanktionen gegen den Digitalriesen Huawei verhängt wurden.

    Zum endgültigen Umbruch in der US-Politik kam es vor dem Hintergrund der Ereignisse auf dem Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas im Oktober 2017 und in der Sitzung des chinesischen Parlaments schon im März dieses Jahres. Dort wurden in erster Linie äußerst ambitionierte Ziele zum Aufstieg Chinas in der internationalen Arena verkündet. Und zweitens wurde dabei das Verfahren zur Bekleidung der höchsten Staatsposten in der Volksrepublik verändert. Dadurch wurde de facto das noch von Deng Xiaoping gegründete System abgetragen, bei dem der Staatschef höchstens zehn Jahre an der Machtspitze bleiben durfte.

    Das alles stimmte zeitlich mit dem Machtantritt Donald Trumps in Washington und mit der allgemeinen Radikalisierung der US-Außen- und auch Innenpolitik überein. Und das war kein Zufall, denn gerade Chinas Aufstieg wurde zu einem der wichtigsten Gründe dafür, dass sich die Amerikaner  für die egoistischste und offensivste Politik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entschieden haben. Für Amerika ist eigentlich der Worst-Case eingetreten: China bietet inzwischen dritten Ländern eine Alternative: eine von westlichen Institutionen unabhängige Ressourcenquelle für die Entwicklung und zugleich einen kolossalen Markt.

    Hinter den lauten Erklärungen der chinesischen Machthaber über die „Gemeinschaft eines einheitlichen Schicksals“ und „einen Gürtel – einen Weg“ stehen ganz konkrete Gelder und Entwicklungsmöglichkeiten, und zwar unabhängig davon, ob man sich in Washington das gefallen lässt oder nicht.

    Indem Peking von den für sich gewöhnlichen Positionen der friedlichen Expansion und Kooperation auftritt, hat es (egal ob absichtlich oder nicht) die wichtigste Basis der amerikanischen Herrschaft infrage gestellt, nämlich die Kontrolle über die Weltwirtschaft. Denn Chinas Streitkräfte werden für die USA noch lange kein Problem bleiben – anders als das chinesische Geld.

    In der Neuen Welt begreift man inzwischen, dass China nicht nur kein „bequemer junger Partner“ bleiben will, sondern auch bereit wäre, andere Länder beim Aufstieg zu unterstützen. Man kann viel darüber reden, dass die Abhängigkeit irgendwelcher kleiner und mittelgroßer Länder von China keineswegs besser als ihre Abhängigkeit von den USA ist. Aber Fakt ist die Tatsache, dass diese Länder in dieser Hinsicht jetzt eine Wahl haben. Davon kann man sich am Beispiel der früheren Sowjetrepubliken überzeugen, die die Beziehungen mit Russland, China und den USA durchaus erfolgreich ausnutzen, um ihre eigene Selbstständigkeit zu festigen, wenn es um die Wahl eines der nahezu allmächtigen Partner geht.

    Kein Problem für Russland

    Was Russland angeht, so sieht es absolut kein Problem im Zusammenhang mit dem wachsenden Einfluss der Volksrepublik. Denn Russland profitiert nicht von der Kontrolle über die Märkte und Handelswege, wie das die USA tun, sondern vom Verkauf seiner Energieträger und davon, was sein Boden und seine Ingenieure hervorbringen. Beispielsweise von Weizen und von Waffen.

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    Die neue US-Politik gegenüber China stellt Moskau und Peking endgültig auf dieselbe Seite der „Barrikaden“. Aber um diesen einseitigen Kalten Krieg zu bestehen, der gegen sie quasi ausgerufen wurde, müssen beide Großmächte ihre Kooperation verbessern, ihre Gesetze vervollkommnen, gemeinsame Institutionen bilden und die menschlichen Verbindungen fördern und festigen.

    Russische und chinesische Durchschnittsunternehmer lesen über Russland und China immer noch englischsprachige Zeitungen – und das ist nicht gerade die beste Quelle aus der Sicht der Zuverlässigkeit. Die Informationsmärkte Russlands und Chinas sind immer noch großenteils geschlossen füreinander.

    In China werden um das 20-fache mehr russische Bücher als chinesische Bücher in Russland herausgegeben. Aber Russland ist schon nicht die erste literarische Großmacht in China, auch wenn es zu den „Top 5“ gehört.

    Hinzu kommt, dass die chinesische Literatur in Russland so gut wie überhaupt nicht vertreten ist. Das Lesen von modernen und auch alten chinesischen Autoren ist eine Angelegenheit für einen sehr geringen Kreis von Spezialisten und „Ästheten“.

    Dabei sollte man bedenken, dass einfache Menschen Sympathie für das eine oder andere Partnerland vor allem auf Basis der Kenntnisse über seine Kultur und Geschichte empfinden. Und in Russland weiß man immer noch viel mehr über die USA und die europäischen Länder, die es gerade mit ihren Sanktionen unterdrücken.

    Negativ für die bilateralen Beziehungen sind auch die zahlreichen Hürden für das Erscheinen russischer und chinesischer Unternehmen auf dem Markt des jeweils anderen Landes. All diese Probleme sind ein Thema für eine langfristige Arbeit ihrer Regierungen, ihrer Geschäftskreise und „Meinungsführer“. Zumal der neue strategische Kontext ihrer Beziehungen mit den USA Moskau und Peking keine andere Wahl lässt, als die Selbstständigkeit ihrer Außenpolitik aufrechtzuerhalten.

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    Tags:
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