09:42 21 November 2018
SNA Radio
    Chinas Erdölraffinerie (Symbolbild)

    Darum fließt russisches Öl nach China statt nach Europa

    © REUTERS / Stringer
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Wsgljad
    102274

    Russland pumpt immer weniger Erdöl nach Europa und immer mehr nach China. Westliche Analysten führen das auf die politische Konfrontation zwischen Russland und dem Westen zurück. Es gibt aber auch eine andere Version, und die Politik spielt dabei offenbar keine große Rolle.

    Von Januar bis Mai 2018 wird laut Bloomberg-Experten über die russischen Ostsee- und Schwarzmeerhäfen 19 Prozent weniger Öl (im Jahresvergleich) nach Europa geliefert. Gleichzeitig sind die Öllieferungen nach China zwischen Januar und März um 43 Prozent auf 750.000 Barrel pro Tag gewachsen.

    Sollte dieser Trend weiter anhalten, könnte Russland auf dem europäischen Ölmarkt durch Lieferanten aus dem Nahen Osten und den USA abgelöst werden, so Bloomberg. Dabei hatte Russland noch vor drei Jahren Saudi-Arabien und Angola in China von der „Spitze“ verdrängt und beim Ölexport die Führungsrolle in das Reich der Mitte übernommen. Das historische Maximum wurde 2016 erreicht, als China von Russland mehr als eine Million Barrel pro Tag erhielt.

    Experten sprechen von einer Umverteilung des globalen Ölmarktes. Die Gründe dafür liegen in der Weltpolitik, nämlich in den Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Als erste sind davon Seeverfrachter und die russischen Seehäfen betroffen. Ist das aber wirklich so?

    Es wäre wohl leichtsinnig, zu behaupten, Russland würde den europäischen Markt aufgeben und auf China umschalten. Die Alte Welt kauft nach wie vor mehr russisches Öl als jede andere Region der Welt: 1,86 Millionen Barrel pro Tag. Auch wenn der Trend zur Vergrößerung der Öllieferungen nach Asien schon seit mehreren Jahren offensichtlich ist.

    „Das Öl nach Asien wird tatsächlich gerad vom europäischen Markt geliefert, vor allem von der Pipeline ‚Druschba‘. Aber es geht dabei nicht um eine ‚Wende nach Osten‘ wegen der politischen Situation, sondern um die Wirtschaft dieser Projekte“, meint der Experte des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit, Igor Juschkow. Russische Unternehmen verdienen einfach mehr Geld, wenn sie das Öl nach Asien verkaufen.

    Wie passiert das?

    „Wenn man Öl in Westsibirien gewinnt, pumpt man das wenig schwefelhaltige Erdöl der Marke Siberian Light in die Pipeline. Aber wenn es nach Europa befördert wird, beispielsweise durch Weißrussland, wird es mit dem im Wolgaland gewonnenen schwefelreichen Öl vermischt, und dann entsteht das Urals-Öl mit einem mittelgroßen Schwefelanteil. Und am Ende verkauft man dieses Öl billiger, als wenn man das Siberian-Light-Öl verkaufen würde. Und wenn man dieses Öl aus Westsibirien durch die Ostsibirien-Pazifik-Leitung (WSTO) pumpt, dann hat man am Ende dasselbe gering schwefelhaltige Öl Siberian Light – und man verkauft es noch teurer. Deshalb ist es für die russischen Unternehmen günstiger, das Öl in den Osten zu pumpen.“

    Die dermaßen intensive Aufstockung der Öllieferungen in den Osten lässt sich auch durch den Ausbau der WSTO-Kapazitäten von 15 auf 30 Millionen Tonnen pro Jahr erklären. Diese Pipeline spielt die Schlüsselrolle für den Ölexport nach China. Darüber hinaus wird das „flüssige Gold“ auch durch Kasachstan in das Reich der Mitte befördert (etwa zehn Millionen Tonnen Öl jährlich). „Außerdem wird das Öl durch die WSTO-Leitung nach Nachodka (Fernöstliche Küstenregion) gepumpt und von dort aus per See nach Asien, insbesondere nach China, transportiert. Und schließlich wird auch das auf Sachalin geförderte Öl teilweise nach China befördert“, ergänzte der Branchenkenner.

    In der Perspektive sollten die Kapazitäten der fernöstlichen Pipeline noch weiter ausgebaut werden. Nach Einschätzung der Öltransportfirma Transneft könnten durch die WSTO im kommenden Jahr bis zu 50 Millionen Tonnen und 2020 bis zu 80 Millionen Tonnen Öl gepumpt werden. Die Kapazitäten der nach Europa führenden Leitungen wurden auch aufgestockt, aber nicht so stark. Allerdings will Russland in die Alte Welt vor allem Ölprodukte und nicht rohes Öl verkaufen.

    „In der europäischen Richtung ist die Marge nicht so groß, und es gibt dort Schwierigkeiten mit der Verwaltungsregelung. Auch die politischen Risiken sind größer“, erläuterte Georgi Waschtschenko vom Investmenthaus Freedom Finance. Es ist nach seiner Auffassung „ziemlich riskant“, Geld in den Ausbau der Kapazitäten der Häfen und Leitungen zu investieren, denn es könnte passieren, dass die Nachfrage auf einmal geringer wird oder dass die Ölpreise sinken. „Deshalb wird der europäische Ölmarkt in den nächsten Jahren aus meiner Sicht nicht die höchste Priorität (für Russland) sein.“ In Asien wachse der Verbrauch von fossilen Brennstoffen ständig; die russischen Firmen würden dort mehr Geld verdienen.

    Was das Risiko angeht, dass die USA oder die Nahost-Länder Russland vom europäischen Markt verdrängen könnten, so sei es vorerst eher gering. „Auf dem Ölmarkt ist die Situation viel einfacher als auf dem Gasmarkt, wo die Konkurrenz äußerst hart ist. Der Ölmarkt ist global, und deshalb gibt es keine Gefahr, dass wir jemanden aus Asien verdrängen, diese Spieler dann nach Europa kommen und uns von dort verdrängen würden“, sagte Experte Juschkow weiter.

    „Wir haben keine Probleme mit dem Ölverkauf – wir haben Probleme mit der Ölförderung. Wie viel Öl wir gewinnen, so viel Öl werden wir auch verkaufen. Falls der Iran von neuen Sanktionen getroffen werden sollte und seine Ölförderung reduzieren müsste, müsste er seinen Export nach China verringern. Deshalb sind Russlands Positionen auf dem asiatischen Markt durchaus stark.“

    „Ich glaube nicht, dass für Russland große Risiken wegen des Ölexports aus den USA nach Europa bestehen“, fuhr der Experte fort. „Je mehr die Amerikaner exportieren, desto mehr importieren sie auch. Sie sind nicht imstande, ihren eigenen Ölbedarf zu decken. Wenn die Amerikaner so viel Öl gewinnen würden, wie sie brauchen (oder noch mehr), (…) dann wäre das für Russland gefährlich. Aber aktuell gibt es keine Konkurrenz“, so Juschkow.

    Die US-Ölproduzenten folgen der wirtschaftlichen Logik: Sie liefern ihr Öl dorthin, wo es für sie nützlicher ist – an den Binnen- oder den Außenmarkt. Die USA exportieren das qualitätsvollere und teurere Öl und verdienen dafür gutes Geld. Dabei importieren sie normalerweise Öl von einer geringeren Qualität, um es dann zu verarbeiten. Und ob das Öl auf dem Seeweg nach Asien oder nach Europa befördert wird, spielt keine große Rolle.

    Die Behauptungen westlicher Medien, die russischen Ostsee- und Schwarzmeerhäfen könnten wegen der Umverteilung des Ölmarkts Verluste erleiden, seien falsch, sagte der Branchenkenner weiter. „Im Gegenteil: Verluste könnten eher die nach Europa führenden Pipelines erleiden. Durch die ‚Druschba‘-Leitung wird von Jahr zu Jahr immer weniger Öl befördert.“

    Davon, dass die noch in Sowjetzeiten gebaute Leitung mangelhaft gefüllt wird, zeugt die Initiative der Firma Transneft zur Revers-Beförderung von Ölprodukten aus dem russischen „flüssigen Öl“ aus Weißrussland nach Russland (bis Jaroslawl), dann nach Ust-Luga (Gebiet Leningrad) und weiter nach Europa. Es geht darum, dass Moskau Minsk davon zu überzeugen versucht, die Ölprodukte nicht in die baltischen Länder zu transportieren, sondern die russischen Häfen Geld verdienen zu lassen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Telekommunikation durch Eis: Schallsignale können der Ölförderung in Arktis dienen
    Saudi-Arabien in Ära ohne Öl eingetreten
    Riad erläutert, wann Überschuss an weltweiten Ölvorräten flöten geht
    Tags:
    Spannungen, Lieferungen, Markt, Öl, Westen, USA, China, Russland