11:32 17 November 2018
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    Amanda Seyfried in Anon (2018)

    Ein Morgen, das es nicht geben wird: Wieso Dystopien heute schwer zu kreieren sind

    © Foto: K5 Film/imdb
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    Auf den Bildschirmen erscheint demnächst der neue dystopische SciFi-Film von Netflix „Anon“ von Andrew Niccol, dem anerkannten Meister von pessimistischen Zukunftsfilmen. Die Website Iz.ru hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt, warum die Antiutopie als Genre in der modernen Filmkunst in das Gegenteil ihrer ursprünglichen Bedeutung abartet.

    Wiederholung der Vergangenheit

    In modernen Enzyklopädien wird Antiutopie als Genre nahezu mit Thomas Hobbes und seinem Werk „Leviathan“ verglichen. Aber Brockhaus kennt so ein Wort („Antiutopie“ – nicht „Leviathan“) nicht. Das ist auch kein Wunder: Dieses Genre ist immerhin ein Produkt des 20. Jahrhunderts.

    Bei jeder Utopie geht es im Grunde nicht nur um eine Fantasie, sondern vielmehr um ein publizistisches Werk, das fast immer quasi Hinweise enthält, woran man denken und was man tun sollte. Außerdem wurden utopische soziale Projekte üblicherweise nach ein und demselben Muster beschrieben: Bei dem gefundenen Paradies handelte es sich fast immer um einen in jedem Lebensbereich gewonnenen kommunistischen Staat, der das Privateigentum, den Individualismus und oft auch die Monogamie gewonnen hat.

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    Aber als alle diese Momente – wenn auch rein formell – im Laufe von nur einigen Jahren ins Leben auf dem Territorium eines riesigen früheren Imperiums umgesetzt wurden, starb die Utopie quasi. Es ist inzwischen die Zeit von Antiutopien gekommen, und die erste von ihnen, der Roman „Wir“ von Jewgeni Samjatin, den er 1920 geschrieben hat. Und sieben Jahre später erschien auch der erste Film dieses Genres: „Metropolis“ von Fritz Lang.

    Alfred Abel und Rudolf Klein-Rogge in Metropolis (1927)
    Alfred Abel und Rudolf Klein-Rogge in Metropolis (1927)

    Bei der Antiutopie geht es also nicht um die Antithese zur Utopie, sondern ebenfalls um Utopie, allerdings unter anderen Umständen. Aber es gibt einige erwähnenswerte Nuancen.

    Erstens gibt es ein trauriges semantisches Problem: Als „Antiutopie“ werden inzwischen alle Filme bezeichnet, die dem Thema schlimme Zukunft gewidmet sind. So zählen Wikipedia-Autoren solche Streifen wie „Planet of the Apes“ und „Die Körperfresser kommen“, „Rollerball“ und „Robocop“, „Escape from New York“ und sogar „Star Wars“ zu Antiutopien.

    Das ist natürlich eine viel zu umfassende Deutung. Während eine Utopie dem Thema „es wäre schön, wenn dies und das passieren würde“ gewidmet ist, sollte eine Antiutopie unbedingt die Frage „was wird mit uns, wenn…?“ beantworten. Das Entwicklungsparadigma der Menschheit, das zu schrecklichen Folgen führt, sollte maximal umfassend beschrieben werden. Wenn wir die Bürgerfreiheiten als Basisgarantie der Zivilisation ablehnen, würden wir die Welt von „Brazil“ bekommen, und wenn wir die Umwelt vernachlässigen, bekommen wir die „Waterworld“; und wenn wir Gott negieren, geraten wir in das Universum von „Uhrwerk Orange“. Da würde es beim besten Willen nur schwer fallen, die „Star Wars“ heranzuziehen.

    Kevin Costner in Waterworld (1995)
    Kevin Costner in Waterworld (1995)

    Die Summe aller Ängste

    Zweitens multipliziert eine Utopie immer die Ängste, die nur für eine gewisse Zeit typisch waren, und deshalb ist das eine nahezu ideale psychohistorische Quelle. Die Deutschen hatten in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen Angst nicht vor den revanchistischen und antisemitischen Stimmungen (sie versuchten stets, diese zu übersehen), sondern vor Problemen in der neuen superindustriellen Welt, die das ruhige, gemütliche und respektable 19. Jahrhundert abgelöst hatte.

    So entstand eben der Streifen „Metropolis“. Die Amerikaner fürchteten nach dem Krieg vor allem den sowjetischen Totalitarismus und gleichzeitig ihre eigenen Obskuranten, die versuchten, das Land in einer Atmosphäre von Schweinerei und Denunziantentum versinken zu lassen. So entstand der Roman – und auch der Film – „Fahrenheit 451“. Die Europäer der frühen 1960er-Jahre wurden jeden Tag mit dem Gedanken „Nur kein Dritter Weltkrieg!“ wach – und so entstand der SciFi-Kurzfilm „Am Rande des Rollfeldes“ von Chris Marker – wohl die beste Antiutopie in der Filmgeschichte und bestimmt der genialste Kurzfilm aller Zeiten. Auch sowjetische Menschen hatten keine noch größere Angst als die vor einem Atomkrieg – und diese Ängste wurden auch absichtlich gefördert, unter anderem durch eine der besten sowjetischen Antiutopien „Briefe eines Toten“ von Konstantin Lopuschanski.

    An dieser Stelle ist es höchste Zeit, zu Andrew Niccol zurückzukehren, der sich eben darauf spezialisiert hat, seinen Zuschauern mit dem kommenden Techno-Chaos Angst zu machen. Und sich noch an etwas zu erinnern.

    Ende des 20. bzw. Anfang des 21. Jahrhunderts machten sich Filmemacher auf einmal Sorgen über das Problem, dass die künstliche Intelligenz außer der menschlichen Kontrolle geraten könnte oder dass die Menschheit überhaupt ihre Identität verlieren könnte – wegen irgendwelcher (es ist aber unklar, welcher) Bioingenieurs-Experimente. Der Spitzenreiter war dabei Steven Spielberg mit seinen Streifen „A.I. – Künstliche Intelligenz“ und „Minority Report“ und eben Niccol mit „Gattaca“ und „S1m0ne“.

    Jude Law, Haley Joel Osment, und Jack Angel in A.I. – Künstliche Intelligenz (2001)
    Jude Law, Haley Joel Osment, und Jack Angel in A.I. – Künstliche Intelligenz (2001)

    Diese Filme lassen sich zwar nicht gerade als Flops bezeichnen, waren aber eher Durchläufer, und es scheint klar zu sein, warum. Der Sieg der absolut menschenidentischen Roboter, Sex mit virtuellen Doppelgängern und die andere Eugenik – das ist alles nichts als Science Fiction, und die Menschen haben davor nicht mehr Angst als vor einem Angriff von Marsbewohnern oder Zombies.  Und die Antiutopie beschreibt ja die Zukunft, an deren Realität die Menschen durchaus glauben.

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    Heutzutage haben die Menschen vor allem Angst vor der totalen Kontrolle über ihren privaten Bereich seitens der Informationstechnologien. Das ist eine reale Gefahr – im Unterschied zu Robotern. Und in diesem Sinne ist „Anon“ so gut wie aussichtslos. Es besteht da allerdings eine andere Gefahr, und ob die Autoren sie berücksichtigt haben, wird erst dann klar, wenn man schon im Zuschauersaal sitzt. Die Geschwindigkeit, mit der sich die High-Tech-Branchen entwickeln, ist dermaßen hoch, dass jede Fantasie der Filmemacher sich schon übermorgen als archaisch erweisen könnte. Und wenn sie adäquate Technologien der Zukunft entwickeln könnten, würden sie natürlich nicht bei Netflix, sondern bei Apple arbeiten, wo man bekanntlich wesentlich besser verdienen kann.

    P.S. Andrew Niccol ist übrigens auch der Drehbuchautor von „Die Truman Show“, einem eigentlich ziemlich harten Thriller über die Konfrontation eines Einzelgängers und des Systems, das ihn sein ganzes Leben lang ausnutzte. Die große Gabe Peter Weirs und das leichte Genie Jim Kerrys haben diesen Thriller aber in eine nahezu vorbildliche – positive und gleichzeitig tragische – Antiutopie verwandelt. Und sie ist übrigens eben der Hilflosigkeit der Menschen gegenüber der Welt,  in der die Informationstechnologien gewonnen haben, gewidmet.

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    Tags:
    Antiutopie, Science-Fiction, künstliche Intelligenz, Leben, Angst, Film „A.I. – Künstliche Intelligenz, Film „Waterworld, Film „Metropolis, Roman „Wir, Fritz Lang, Andrew Niccol, Steven Spielberg