16:45 16 Juli 2018
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    DDR-Polizist bei der Berliner Mauer am 21. November, 1989

    Krise Ost-West: „Wir haben die DDR-Pleite verschlafen“ – sowjetischer Ex-Vizeminister

    © AFP 2018 / PATRICK HERTZOG
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    So schlimm wie heute ist das Verhältnis des Westens zu Russland das letzte Mal zu Beginn der 1980er Jahre gewesen. Trotzdem folgten auf die damalige Krise die Perestroika der Sowjetunion und die Wiedervereinigung Deutschlands. Der ehemalige Vizeaußenminister der UdSSR Anatoli Adamischin erinnert sich.

    Die Außenpolitik beginnt im Inneren. 1992 wollte George Bush Senior als Präsident der Vereinigten Staaten wiedergewählt werden und positionierte sich zuhause lange vor den Wahlen als Sieger im Kalten Krieg. Gewählt wurde Bush zwar nicht mehr, doch in der US-Öffentlichkeit verfestigte sich das Bild eines Russlands als besiegten Gegners.

    Schon im Frühjahr 1989 – also noch vor westdeutschen Politikern einschließlich des damaligen Kanzlers – hatte Bush erstmals öffentlich von der deutschen Einheit gesprochen. „Mögen viele das anders sehen, doch ich bin überzeugt, dass es die USA waren, die den Anstoß zur Wiedervereinigung gaben, indem sie den Westdeutschen sagten: ‚Wir unterstützen euch‘“, erinnert sich der damalige Vizeaußenminister der Sowjetunion, Anton Adamischin.

    Mit der Wiedervereinigung Deutschlands ist auch der größte Vorwurf verbunden, den der ehemalige sowjetische Diplomat an die damalige US-Regierung richtet: „Die Amerikaner führten uns in die Irre. Sie sagten, das alles sei nur Rhetorik, es sei ein langer Weg, bis Worten Taten folgten. Aber vielleicht hatten sie auch nicht erwartet, dass die DDR-Bevölkerung durch die Flucht aus ihrem Land ein Machtwort spricht.“

    Das Hauptinteresse der Amerikaner habe damals jedenfalls darin bestanden, die eigene Präsenz in Westeuropa, allen voran in Deutschland, zu sichern:

    „Sie mussten deshalb sicherstellen, dass die US-Truppen dort verbleiben und das wiedervereinigte Deutschland seine Nato-Mitgliedschaft beibehält“, erläutert der Diplomat. „Die Amerikaner spürten, dass die Befreiungstendenzen, durch die Perestroika ausgelöst, nicht nur in Ost-, sondern auch in Westeuropa zunahmen. Auch im Westen waren bei Weitem nicht alle mit der US-Dominanz einverstanden.“

    Ein weiterer Faktor war laut dem Ex-Vizeminister die Schwerfälligkeit der sowjetischen Außenpolitik: „Unsere Führung war ideologisch verstockt. Ganze Generationen von Diplomaten im sowjetischen Außenministerium waren im Bewusstsein großgeworden, dass Deutschland für immer geteilt bleiben wird, dass es gilt, die DDR als Außenposten des Sozialismus um jeden Preis zu halten.“

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    Natürlich habe es damals Fachleute gegeben, die die Sowjetführung wachzurütteln versuchten. Sie hätten davor gewarnt, den gewöhnlichen Kurs beizubehalten, weil in der DDR sonst Panzer in Stellung gebracht werden müssten. „Wir haben die Pleite der DDR verschlafen, weil wir bis zuletzt an Honecker festhielten. Viel zu spät erkannten wir, dass die Wiedervereinigung Deutschlands unausweichlich war, und wir verweigerten uns dem viel zu lange, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, diese Entwicklung aufzuhalten.“

    Auch dies führt Adamischin auf die ideologische Starrköpfigkeit der damaligen Sowjetführung zurück: „Teile der Partei beschuldigten Gorbatschow unverhohlen, die DDR verraten und verkauft zu haben. Doch welche Alternative hatten sie zu bieten? Gewaltanwendung, um die Deutschen in ihrem eigenen Blut zu ersaufen? Deshalb war es richtig, dass unsere Truppen in der DDR den Befehl erhalten hatten, in den Kasernen zu bleiben.“

    Zudem hätten Teile der Sowjetführung die Absichten Frankreichs und Großbritanniens falsch verstanden: „Die wollten keine Wiedervereinigung Deutschlands, rechneten aber auch damit, dass wir sie nicht zulassen werden. Und insgeheim hatten sie auch nichts dagegen, würde die UdSSR sich deswegen mit Deutschland zerstreiten. Gorbatschow dachte angesichts dieser Haltung, er habe noch Zeit.“

    „Die Deutschen sind Russland bis heute dankbar“

    Bei den Verhandlungen zur deutschen Einheit habe sich die Sowjetunion gegen die Nato-Mitgliedschaft des künftig wiedervereinigten Deutschlands eingesetzt. „Mit dieser Position waren wir allein“, erinnert sich Adamischin. „Eine andere Sache ist aber, dass man uns auf allerhöchster Ebene mehrmals versicherte, die Nato werde sich über die Grenzen Westdeutschlands nicht ausdehnen. Haben Zusagen, die die britische Premierministerin oder der US-Außenminister bei einem offiziellen Treffen machen, etwa keine Bedeutung? Neulich haben die Vereinigten Staaten eine Auswahl an Dokumenten diesbezüglich veröffentlicht: Zwölf Mal haben Politiker damals solcherart Versprechen gegeben. Deshalb habe ich allen Grund zur Annahme, dass der Westen nicht ganz ehrlich zu uns war.“

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    Vom heutigen Standpunkt aus sei es ein Leichtes, Gorbatschow zu verurteilen, sagt der Ex-Vizeminister. Doch eine Niederlage für die Sowjetdiplomatie sei die Wiedervereinigung Deutschlands nicht gewesen, ist Adamischin überzeugt: „Unter den damaligen historischen Gegebenheiten war die Wiedervereinigung unausweichlich. Und die Art und Weise, wie sie vonstattenging, förderte die Aussöhnung unserer beiden Völker nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen sind Russland und Gorbatschow bis heute dafür dankbar, dass wir der Wiedervereinigung ihres Landes 1990 nicht im Wege standen. Und bis vor Kurzem war Deutschland Russlands zuverlässigster Partner in Westeuropa. Umso bitterer ist es, dass diese echte Errungenschaft heute verprasst wird.“

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    Tags:
    Wiedervereinigung, Truppen, Bevölkerung, NATO, Michail Gorbatschow, George Bush Sr, UdSSR, USA, Deutschland, DDR
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