22:16 16 Juli 2018
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    Büro des chinesischen IT-Unternehmens ZTE in Peking

    Urkompetenz des Westens: Wie man Konkurrenten den schwarzen Peter zuschiebt

    © AP Photo / Ng Han Guan
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    Russland steckt in einem Wertekonflikt mit dem Westen. Das ist ein Allgemeinplatz, der auf beiden Seiten des ideologischen Schlachtfelds Anklang findet – bei prowestlich wie bei prorussisch Gesinnten. Wie aber sieht die Lage aus, wenn man die Schützengräben zumindest zeitweilig verlässt?

    Schaut man sich jenseits dieser kosmischen Schlacht zwischen Gut und Böse – zwischen West und Ost – um, erkennt man, dass Konflikte überhaupt nicht im Zusammenhang mit Werten stehen müssen.

    Der sogenannte Handelskrieg zwischen den USA und China hat den chinesischen Technologiegiganten ZTE bereits in den Nahtodzustand versetzt. Die US-Führung hat es verboten, wichtige Teile für chinesische Smartphones zu liefern. Das ist ein schwerer Schlag gegen die chinesische Wirtschaft und gegen etliche einfache ZTE-Mitarbeiter, die wohl bald arbeitslos sein werden.

    Ob chinesische Dissidenten deshalb nun aufschreien, China habe den Westen durch undemokratisches Verhalten erzürnt und müsse nun büßen, wissen wir nicht. Wenn sie es täten, würde den Außenstehenden doch sofort ins Auge fallen, dass Chinas Sünden gegen Demokratie und Menschenrechte – wie schwer sie auch sein mögen – mit der Sache nichts zu tun haben. Schließlich sind die Chinesen in dieser Hinsicht gewiss nicht sündiger als die Busenfreunde der US-Amerikaner, die Saudis.

    Von außen betrachtet, erkennt man in diesem Konflikt einen Zusammenprall wirtschaftlicher Interessen: Die USA handeln im Interesse ihrer Wirtschaft, China zugunsten seiner. Etwa so wie die Führung eines Konzerns sich zuvorderst an den Interessen ihrer Aktionäre und Mitarbeiter orientiert. Wenn dabei die Interessen fremder Aktionäre und Mitarbeiter geschädigt werden, dann ist das halt so. Konkurrenz. Da kann man nichts machen. Für die Fremden muss halt deren Führung sorgen.

    Der Wettbewerb, der ist kein Kampf zwischen Gut und Böse, da gibt es keine guten und keine schlechten Jungs. Nehmen wir Apple und Samsung. Das sind zwei Konzerne, die von ihren Interessen ausgehend manchmal miteinander kooperieren und dann wieder erbarmungslos konkurrieren, sich gegenseitig Probleme zu machen versuchen. Oftmals geschieht beides gleichzeitig.

    Das ist mitnichten ein Kampf zwischen Helden und Schurken. Es ist nur so, dass die Manager dieser Firmen ihren Verpflichtungen gegenüber ihren Aktionären auf bestmögliche Weise nachkommen und dabei all die Kompetenzen, den Eifer und den Einfallsreichtum einsetzen, den sie einzusetzen vermögen. Dazu gehört eben auch die Findigkeit, dem Wettbewerber eins auszuwischen.

    Rufschädigung, Abwerben von Fachleuten, Industriespionage, Gerichtsklagen sind da das täglich Brot. Wie auch die Bitte an den eigenen Staat, die eigene Industrie zu beschützen und die ausländische Konkurrenz zu beeinträchtigen.

    Wenn chinesische Aktionäre ihre Dividende einbüßen, der chinesische Fiskus um seine Steuereinnahmen kommt und die chinesischen Arbeiter ihre Stellen verlieren, dann ist das nicht die Sorge jener Leute, die in den USA Entscheidungen treffen. Deren Sorge sind amerikanische Aktionäre, amerikanische Steuern und amerikanische Arbeitsplätze. Nichts Persönliches, keine Philien oder Phobien – es ist nur so, dass eine verantwortungsvolle Führung sich nach den Interessen derjenigen richtet, vor denen sie sich verantworten muss.

    Das gilt für die Wirtschaft; das gilt auch für die Politik. Doch leider erkennen das nicht alle. Es sind mitunter doch ziemlich viele Menschen, die von dem Glauben verführt werden, die Politik des Westens hinsichtlich nicht-westlicher Völker werde von Werten bestimmt: Humanismus, Gerechtigkeit, Würde und anderen erhabenen Idealen. Von dem Glauben, dass jedwedes aggressive Gebaren westlicher Medien und Politiker als der gerechte Zorn guter Menschen gegen schlechte Menschen zu betrachten sei. Und umgekehrt, dass jede westliche Äußerung von Zustimmung und Anerkennung als Ausdruck einer ehrlichen Sorge um das fremde Wohl anzusehen sei.

    Nun ist die politische Rhetorik des Westens in der Tat eine Rhetorik der Werte: Edle Ritter in glänzendem Harnisch töten Drachen, retten Jungfrauen und befreien Geiseln. Aber so ist der Politsprech nun mal: Ein Politiker spricht von Werten und meint Interessen. Und es geht dabei nicht darum, dass der Politiker ein schlechter Mensch ist. Er erfüllt ehrlich seine Pflichten. Er dient denjenigen, in deren Dienst er steht, die sein Salär bezahlen, mit denen er eine Staatsangehörigkeit teilt. Es ist nur so, dass nicht alle dem Kreis dieser Menschen angehören.

    Und sie sollten, wirtschaftlich gesprochen, nicht erwarten, dass die Führung eines fremden Konzerns sich um ihre Interessen sorgt. Bei einem Aufruf, auf die Straße zu gehen und ein verdorbenes Regime herauszufordern, könnte es sich um einen von der Konkurrenz gekonnt untergeschobenen schwarzen Peter handeln. Im Interesse eines fremden Konzerns sollte man aber nicht auf die Straße gehen. Man sollte sich besser um die eigene Firma kümmern.

    Sergej Chudijew, Publizist, Theologe

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    Tags:
    Handelskrieg, Technologien, Manipulationen, Smartphones, Globalisierung, Geopolitik, IT, ZTE, Westen, Europa, USA, China
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