23:50 18 August 2018
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    Ein LKW fährt Handelshafen in Schanghai vorbei

    Großkontinent vereinen: Gelingt Eurasiens Fusion zum größten Wirtschaftsraum?

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    „Eurasien“ hat mitunter einen bitteren Beigeschmack: Großmachtstreben und Kolonialismus sind mit dem größten Kontinent der Welt ebenso verbunden wie großartige zivilisatorische Leistungen. Weltreiche entstanden in Eurasien. Auch jetzt steigt ein eurasisches Land zur Weltmacht auf. Das 21. Jahrhundert wird offenbar ein asiatisches.

    Karawanen, beladen mit wertvoller Seide, edlem Porzellan und exotischen Gewürzen, zogen einst aus dem chinesischen Xi’an über Zentralasien bis an die Mittelmeerküste. Erst im 15. Jahrhundert erlebte die Seidenstraße ihren Niedergang – eine Folge vernichtender Kriege und des Machtanspruchs des Osmanischen Reichs. Neue Handelsrouten mussten gefunden werden: Die Epoche großer geografischer Entdeckungen brach an, westliche Königreiche etablierten sich als Weltherrscher.

    Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ändern sich die Machtverhältnisse. Kolonialreiche stürzten zusammen. Ehemalige asiatische Kolonien haben nur ein halbes Jahrhundert gebraucht, damit Ost-, Süd- und Südostasien sich zu einer Region entwickelt, die sich am rasantesten entfaltet. Der Schwerpunkt hat sich für mehrere Jahrzehnte von West nach Ost verlagert – ist jedoch in Eurasien geblieben.

    Der chinesische Weg

    Es gilt, die politische Koordination zu verbessern und darauf zu verzichten, die Nachbarn auszurauben. „Wir müssen das gegenseitig nutzbringende Ergebnis suchen, und dafür ist große Transparenz und Zusammenarbeit nötig. Wir müssen Spaltungen vermeiden, auf den Aufbau von Hürden verzichten und uns des Protektionismus enthalten“, sagte der chinesische Staatschef Xi Jinping im Mai letzten Jahres, als er über die Kooperationsgrundlagen im Rahmen der neuen Seidenstraße sprach.

    Als das Projekt dieses Wirtschaftskorridors, der den eurasischen Kontinent mit einem Verkehrsnetz zu Wasser und zu Lande überziehen soll, erst in Planung war, wurde es in Europa vielfach mit Begeisterung aufgenommen. Kein Wunder, sprengte doch das chinesische Vorhaben alle Vorstellungskraft. Man denke nur an die 12.000 Kilometer lange Bahnstrecke aus dem chinesischen Yiwu in die britische Hauptstadt London.

    Die Begeisterung teilten jedoch nicht alle. Während osteuropäische Regierungen hoffnungsfroh auf chinesische Investitionen warteten, stellte sich in Westeuropa eine eher skeptische Haltung ein. 2016 beispielsweise haben EU- und WTO-Vertreter dagegen gestimmt, die chinesische Wirtschaft als eine Marktwirtschaft anzuerkennen. Eine solche Anerkennung hätte zwar den Handel erleichtert, es jedoch erschwert, Maßnahmen gegen die chinesische Wirtschaftsexpansion zu ergreifen.

    Jetzt, da das Projekt Gestalt annimmt und sich aktiv entwickelt, sprechen EU-Experten mit immer größerer Besorgnis über die Zunahme des chinesischen Einflusses in Osteuropa. Peking entgegnet, eine politische Expansion habe es gar nicht im Sinn. Es sei nur so, dass die Infrastruktur osteuropäischer Länder, die den Transit enormer Warenmengen eigentlich ermöglichen müsse, nicht hinreichend entwickelt sei. Deshalb müsse Peking immer mehr Kredite an die osteuropäischen Regierungen vergeben.

    Brüssel befürchtet, dass die osteuropäischen EU-Mitglieder allmählich in eine Abhängigkeit von der Volksrepublik geraten. Und es gibt noch einen anderen Grund zur Beunruhigung: Während der Flüchtlingskrise hat es sich gezeigt, dass die Länder der Visegrád-Gruppe (Polen, Ungarn, die Slowakei und Tschechien) europäische Werte auf ihre eigene Weise auslegen. Der chinesische Geldstrom, der die Abhängigkeit Warschaus, Budapest, Bratislavas und Prags von Brüssel aufweicht, ist einer Auflösung von Widersprüchen innerhalb der EU sicherlich nicht zuträglich.

    Panik statt Profit?

    Gemischte Gefühle löst die „neue Seidenstraße“ auch bei den Führungen aller eurasischen Länder aus, die an die Handelsroute angeschlossen werden sollen. Einerseits haben die meisten von ihnen einfach keine Alternative zu chinesischen Investitionen. Zumal die Volksrepublik keine politischen Auflagen und keine Forderungen an ihre Kredite hängt, schnellstens die Minderheitenrechte zu verbessern oder „demokratische“ Wahlen durchzuführen. Andererseits beunruhigt viele die Aussicht darauf, in die wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu geraten – erst recht angesichts der aktuellen Spannungen zwischen Peking und Washington.

    Die Crux ist jedoch die, dass nur China derzeit ein Infrastrukturprojekt von solchem Ausmaß anzubieten hat. Weder Russland noch Indien noch die EU haben etwas Vergleichbares geplant. Es bleibt also nur die Wahl: Entweder mit den Chinesen kooperieren oder im Abseits bleiben, während alle Nachbarn um einen herum sich mit chinesischer Hilfe wirtschaftlich weiterentwickeln. Die letztere Option ist von vornherein eine Verlierer-Variante. Daher kann es nur um die Frage gehen, welche Bedingungen man mit China aushandeln kann.

    Ob die wirtschaftliche Kooperation auch zu einer politischen und kulturellen Integration Eurasiens führt, ist jedoch fraglich. Eurasien sei eine „Ansammlung von Zivilisationen“, sagt der Politologe Georgi Toloraja, geschäftsführender Direktor des Nationalausschusses für BRICS-Studien. Diese Zivilisationen würden sich nicht miteinander vermischen. Vielmehr seien sie „Zahnräder unterschiedlicher Größe, die sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit drehen“.

    Derzeit sieht es allerdings so aus, dass diese Zahnräder immer passgenauer ineinandergreifen. Noch vor wenigen Jahren schien es, als würde Eurasien von Konflikten in Stücke gerissen: Im Westen des Kontinents stürzte unter dem Ansturm des „Arabischen Frühlings“ eine Regierung nach der anderen; China und seine Nachbarn konnten sich über Inseln im ost- und südchinesischen Meer nicht einigen; vor weniger als einem Jahr kam es zu einem Konflikt zwischen China und Indien wegen des Doklam.

    Die Entwicklung ändert sich aber: Der „Arabische Frühling“ wird über Syrien sicherlich nicht hinausreichen; der chinesische Premierminister Li Keqiang hat kürzlich eine engere Zusammenarbeit mit den Asean-Ländern angekündigt, um somit für die stabile und freie Nutzung der Handelsrouten im südchinesischen Meer zu sorgen; und Indiens Regierungschef Narendra Modi verkündete gleich fünf neue Grundsätze einer Kooperation zwischen Neu-Delhi und Peking, die ein neues Kapitel im bilateralen Verhältnis einleiten.

    Diese Annäherung sei das Ergebnis „objektiver Prozesse“, sagt Alexej Kuprijanow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Die eurasischen Länder werden in wirtschaftlicher Hinsicht immer abhängiger voneinander und werden sich ihrer gegenseitigen Verwundbarkeit bewusst“, sagt der Wissenschaftler. Und Donald Trump tue das Übrige: „Sein impulsives Verhalten treibt die eurasischen Spieler einander geradezu in die Arme.“

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    Tags:
    Transport, Entwicklung, Handel, Wirtschaftsraum, Seidenstraße, EU, WTO, Xi Jinping, Tschechien, Slowakei, Polen, Ungarn, Südostasien, Südasien, Ostasien, China
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