21:15 02 Dezember 2020
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    Selbst als Nato-Partner sind Griechenland und die Türkei keine Freunde geworden. Drei Mal hätten sich die beiden Länder beinahe bekriegt – alles wegen der Grenzkonflikte. Die jüngsten Ereignisse lassen erneut eine Eskalation zwischen den hitzigen Nachbarn befürchten.

    Bei einem gefährlichen Manöver prallte eine türkische Korvette am 18. Januar 2018 in der östlichen Ägäis mit einem griechischen Patrouillenschiff zusammen. Die Eskalationsspirale in einem uralten Konflikt kam somit wieder in Gang. Denn der Vorfall ereignete sich unweit der kleinen unbewohnten Imia-Inseln, die sowohl Griechenland als auch die Türkei als zu ihrem Gebiet zugehörig wissen wollen.

    Elf Tage nach dem Zusammenstoß der beiden Kriegsschiffe bricht Griechenlands Verteidigungsminister zu den umstrittenen Inseln auf, um dort einen Kranz zu Ehren dreier griechischer Soldaten niederzulegen, die bei einem Grenzkonflikt mit der Türkei im Jahr 1996 ums Leben kamen. Ein Schiff der türkischen Küstenwache vereitelt die Zeremonie.

    Ab dann kommt die Eskalationsspirale so richtig in Fahrt. Anfang Februar trainiert das griechische Militär auf der Insel Kos in unmittelbarer Nähe der türkischen Grenze – die türkische Regierung zeigt sich empört, ein türkisches Kampfschiff rammt ein griechisches.

    Und Anfang des darauffolgenden Monats nehmen türkische Feldjäger in der Grenzregion Thrakien zwei griechische Soldaten fest, die sich nach Athens Angaben wegen schlechten Wetters auf das fremde Gebiet verirrt hatten. Im gleichen Zeitraum müssen griechische Jagdflugzeuge immer öfter alarmiert werden, weil türkische Kampfjets auffällig häufig in den Luftraum des Nachbarlandes eindringen. Am 12. April stürzt einer der griechischen Jäger nach so einem Einsatz ab.

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    Schier unbegreiflich erscheint die Entschlossenheit, mit der die beiden Nachbarn Griechenland und die Türkei die Lage immer weiter eskalieren. Zumal es in den vergangenen zwei Jahrzehnten genug Beispiele dafür gibt, dass Ankara und Athen weitaus schlimmere Streitigkeiten geschickt entschärfen konnten, sofern denn der politische Wille dazu vorhanden war.

    Jetzt aber entsteht der Eindruck, als wäre keine der beiden Seiten wirklich an einer Entspannung interessiert. Eine Erklärung dafür liefert die jeweilige innenpolitische Situation in den beiden Ländern.

    Griechenlands größter Hardliner im Umgang mit der Türkei ist der Rechtspopulist Panos Kammenos, dessen kleine Partei „Anexartiti Ellines“ („Die unabhängigen Griechen“) als Juniorpartner der Regierungskoalition angehört. Die Umfragewerte dieser Partei fallen unaufhaltsam, sodass ihr Wiedereinzug ins griechische Parlament bei vorzeitigen Wahlen gefährdet ist.

    In dieser misslichen Lage äußert sich Panos Kammenos, der übrigens das Verteidigungsministerium leitet, immer häufiger zu außenpolitischen Fragen. Gern appelliert er dabei an die patriotisch eingestellten Schichten der griechischen Gesellschaft – und zwar von einer radikaleren Position aus als manch ein anderer griechischer Politiker.

    Etliche Analysten werten Kammenos‘ Rhetorik als provokativ und für die Stabilität in der Ägäis gefährlich. Dennoch unterlässt es der griechische Regierungschef Alexis Tsipras, auf die Ausfälle seines Ministers zu reagieren, würde er doch ohne die Unterstützung der Anexartiti Ellines die parlamentarische Mehrheit verlieren.

    Plus Mazedonien

    Die zunehmenden Spannungen im Verhältnis zur Türkei eignen sich hervorragend, um von einem für die griechische Regierung besonders drängenden außenpolitischen Problem abzulenken: der Streit um die Namensführung der Republik Mazedonien.

    Zwar konnte Anfang dieses Jahres unter UN-Vermittlung ein Kompromiss ausgearbeitet werden: „Neu-Mazedonien“, „Ober-Mazedonien“ oder „Vardar-Mazedonien“ könnte das Land nördlich der griechischen Grenze heißen und somit endlich Verhandlungen über den Nato- und EU-Beitritt beginnen. Doch für die Mehrheit der Griechen ist es völlig inakzeptabel, den Namen „Mazedonien“, den sie für ihr kulturell-historisches Erbe halten, herzugeben. Eine riesige Protestwelle rollte deshalb Anfang dieses Jahres durch Griechenland und schwächte Tsipras‘ innenpolitische Position zusätzlich.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Für EU und Nato-Beitritt: So soll Mazedonien bald heißen

    In dieser Situation ist der griechischen Führung daran gelegen, einerseits Entschlossenheit beim Schutz nationaler Interessen zu demonstrieren, andererseits aber den griechischen Bürgern zu zeigen, dass ein anderer Gegner als Mazedonien für ihr Land sehr viel gefährlicher sei.

    Ein Krieg?

    Auch der türkischen Führung spielt die Eskalation mit den griechischen Nachbarn offenbar in die Hände. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der vor kurzem Neuwahlen angekündigt hat, wird die außenpolitische Karte in seinem Wahlkampf sicherlich ausspielen wollen, zumal die kemalistische Opposition ihm schon mehrmals einen zu laxen Umgang mit Griechenland vorgeworfen hat.

    Eine schnelle Lösung der angehäuften Probleme ist jedenfalls kaum zu erwarten. Höchstwahrscheinlich wird es zu weiteren Vorfällen an umstrittenen Grenzen und in umstrittenen Gebieten kommen. Zudem wird sich der Rüstungswettlauf zwischen Griechenland und der Türkei beschleunigen, was sich bereits jetzt etwa in dem fünfjährigen Leasingabkommen zwischen Athen und Paris äußert, dem gemäß Griechenland zur Verstärkung seiner Flotte in der Ägäis zwei französische Fregatten erhält.

    Bislang aber sieht es danach aus, dass die Eskalationsversuche, die auf beiden Seiten des Konflikts stattfinden, nicht außer Kontrolle geraten.

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    Tags:
    Krieg, Grenzen, Eindruck, Eskalation, Recep Tayyip Erdogan, Mazedonien, Griechenland, Türkei