06:28 25 Juni 2018
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    Eine Befürwörterin der Legalisierung von Abtreibung in Irland

    In Europa bröckelt die letzte Säule des Konservatismus

    © REUTERS / Clodagh Kilcoyne
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    Irland hat für die Legalisierung der Abtreibung gestimmt und läutet damit das Ende des „alten guten konservativen Europas“ ein.

    Noch vor kurzem hatte das Land eine wahrhaft mittelalterliche Gesetzgebung dazu und blieb eine „patriarchalische Insel“ der westlichen Welt. Die Gründe, aus denen die Liberalen dort gewannen, wo man selbst die sexuelle Revolution verpasst hatte, können viele verwundern.

    Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts blieb Irland eine grüne patriarchalische Insel im liberalen Europa. Die religiösen Regeln waren unter der Aufsicht der Katholischen Kirche äußerst streng.

    In den 1960er-Jahren wurde die sexuelle Revolution verpasst. Während in der ganzen westlichen Welt das Motto galt „make love not war“, schickten irische Behörden Frauen, die außereheliche Kinder zur Welt brachten, in spezielle Anstalten – „Magdalenas Wäschereien“, wo sie mehrere Jahre unterernährt lebten und unter der Obhut der Nonnen arbeiteten und ihre Sünden tilgten.

    In den 80er-Jahren, als der Westen bereits von der dritten Welle des Feminismus überflutet wurde, wurde beim irischen Referendum ein Gesetz verabschiedet, das gleiche Rechte für das Leben einer schwangeren Frau und ihres noch nicht zur Welt gekommenen Kindes festlegte. Das machte das Abtreibungsverbot zu einem der strengsten in der Welt.

    Selbst Scheidungen wurden in Irland erst vor 20 Jahren genehmigt. Hierzu fand auch ein Referendum statt, bei dem die Befürworter der Scheidungen nur mit Mühe und einem kleinen Vorsprung gewannen.

    Die Situation änderte sich erst an der Jahrhundertewende, als die irische Regierung beschloss, die örtliche Wirtschaft nach dem Vorbild des Nachbarn, der Briten, zu entwickeln. So sollten die Hauptquartiere der größten internationalen Unternehmen ins Land eingeladen werden, wobei ihnen ermäßigte Besteuerung angeboten wurde. Die grüne Insel verwandelte sich allmählich in ein Offshore-Gebiet. Während die EU-Länder Unternehmenssteuern in Höhe von 20-30 Prozent erhoben, schlug Irland zehn Prozent vor. Das Angebot gefiel vor allem den Internetriesen, und die irischen Behörden schafften es, in wenigen Jahren die Top 5 der IT-Konzerne in ihr Land zu locken.

    Mit der Eröffnung der europäischen Hauptquartiere internationaler Konzerne kamen viele fortgeschrittene und einflussreiche Ausländern ins Land. Für sie wirkte der Konservatismus der einheimischen Bevölkerung befremdend. Die irischen Behörden mussten die Gestalt ihres Landes verändern.

    Am einfachsten entwickelte sich die Situation um die sexuellen Minderheiten. Gay-Paraden finden in Dublin seit 1983 satt und verwandelten sich im letzten Jahrzehnt in eine beeindruckende Veranstaltung. Die Feierlichkeiten dauern dort mehr als eine Woche und sind ein Anziehungspunkt für Hunderttausende Touristen geworden.

    Vor drei Jahren führten die Iren ein Referendum über die Legalisierung der Homo-Ehe durch. So wurde die patriarchalische Insel das erste Land in der Welt, das Homo-Ehen bei einem Volksentscheid billigte.

    Vor einem Jahr bekam das Land einen musterhaft politisch korrekten Premier. Der Politiker indischer Herkunft Leo Varadkar ist ein offener Homosexueller.

    Mit dem liberalen Image des neuen Irlands kontrastiert das Gesetz über das Abtreibungsverbot. Abtreibung ist selbst in Fällen verboten, wo die Schwangerschaft das Ergebnis einer Vergewaltigung bzw. eines Inzests ist. Bei Diagnostizierung von Pathologien am Embryo ist die Abtreibung ebenfalls verboten. Die einzige Chance für die Frau bleibt dann zu beweisen, dass die Schwangerschaft zum Selbstmord der Frau führen könne. Doch in der Praxis erteilen Ärzte selbst in diesem Fall keine Genehmigung für Abtreibung, weil sie Strafverfahren mit bis zu 14 Jahren Haftstrafen befürchten. Dieselbe Haftstrafe droht Frauen, die sich für illegale Abtreibung entscheiden.

    2012 wurde das Land von der Geschichte um Savita Halappanavar erschüttert. Die Irin indischer Herkunft gelangte wegen einer 17-wöchigen verhaltenen Fehlgeburt in ein Krankenhaus der Stadt Galway. Als gelernte Ärztin bat sie die Ärzte, dringend eine Operation vorzunehmen, weil ihr Leben bedroht war. Doch die Ärzte riskierten dies wegen des strengen Gesetzes nicht und behaupteten, dass das Herz des Embryos noch schlage. Eine Woche lang versuchte die Frau, die Ärzte zu überzeugen, sie zu operieren und zu retten. Inzwischen begann bei ihr Sepsis. Die Operation wurde dann zwar gemacht, aber es war bereits zu spät. Die Frau starb im Krankenhaus an Herzstillstand, ausgelöst durch Sepsis. Doch allen war klar, dass die Ärzte einfach wegen der strengen Gesetze nichts riskieren wollten. Es wurde ein Denkmal für Savita errichtet, an dem regelmäßig Blumen niedergelegt werden.

    Doch die Diskussionen über die Legalisierung der Abtreibung spalteten die irische Gesellschaft. Das Land demonstrierte im Vorfeld des Referendums seit Jahresbeginn. Die Befürworter der Aufhebung des Verbots trugen grüne T-Shirts mit der Aufschrift „Ja“, die Gegner — orangene T-Shirts mit der Aufschrift „Nein“.

    Fast alle Medien im Lande warben für die Erlaubnis der Abtreibungen. Doch die Verteidiger des Gesetzes schufen auch ohne Medienunterstützung ihre eigene Bewegung „Save the 8th“. Es wurden Flugblätter gedruckt, die unter Einwohnern verteilt wurden. Im März fand in Dublin eine Kundgebung mit 100.000 Teilnehmern statt, wobei die Methoden ihrer liberalen Gegner genutzt wurden.

    Die letzteren behaupteten, dass die Befürworter der Abtreibungen junge und gebildete Einwohner der Großstädte seien. Doch die irischen Pro-Lifer bewiesen das Gegenteil. Zu ihren Aktionen kamen indigene Dublin-Einwohner, Jugendliche, Studenten. Dort traten Dozenten der Hochschulen und Ärzte mit akademischem Grad auf. Sie zerpflückten den Mythos, dass angeblich die ganze medizinische Gemeinschaft des Landes für die Genehmigung der Abtreibung eintrete.

    Aktivisten der „Save the 8th“-Bewegung gewannen für sich sogar einige Feministinnen. Die berühmte feministische Aktivistin Destiny Herndon-De La Rosa kritisierte bei der Kundgebung die Abtreibungen „als extremste Stufe der Ausbeutung der Frau, als Symbol ihrer äußeren Unterdrückung“.

    Eine große Rolle beim Schutz des Abtreibungsverbots spielten die Eltern von Kindern mit Abweichungen. Das neue Gesetz würde es irischen Frauen ermöglichen, Abtreibungen machen zu lassen, wenn bei Ultraschalluntersuchungen Schwangerschaftspathologien diagnostiziert werden. Tausende Familien mit Kindern mit Down-Syndrom hatten mit Plakaten demonstriert. Auf ihnen war das Foto eines Kindes, sein Name und die Aufschrift „Jetzt fragen Sie mich, warum ich ‚Nein‘ sage“ zu sehen. Diese Iren meinen, dass ihr Land das einzige in der Welt sei, wo Kinder mit Down-Syndrom eine Chance auf Leben haben.

    „Ich bin nicht krank“, rief die Aktivistin mit Down-Syndrom Charlie Fien bei der Demonstration in Dublin. „Ich leide nicht, meine Freunde mit Down-Syndrom leiden ebenfalls nicht. Wir haben ein glückliches Leben.“

    Ein starkes Argument für die Verteidiger des Verbots war die demografische Situation in Irland. Vor dem Hintergrund eines starken Rückganges der Geburtsrate in ganz Europa wuchs die Bevölkerung Irlands um 1 Prozent im Jahr – also viermal schneller als im restlichen Europa, das von Einwanderern überflutet war. 1951 wohnten in Irland weniger als drei Millionen Menschen, jetzt sind es 4,8 Millionen. Und Irland ist das jüngste EU-Land. Die Lebensdauer und Lebensqualität sowie das Bildungsniveau sind bei den Iren eine der besten in der EU.

    Allerdings ist das Tempo der Auswanderung ebenfalls beeindruckend – jedes Jahr verlassen Zigtausende Iren das Land.

    Für diese demografische Idylle müssen irische Frauen zahlen. Jedes Jahr begeben sich Tausende von ihnen in das benachbarte England zur Abtreibung. Die offiziellen Zahlen liegen bei rund 3500 Abtreibungen im Ausland pro Jahr, doch real können es sehr viel mehr sein. Nicht alle Patientinnen geben ihre echte Namen an – denn für die irische Gesetzgebung bleiben sie Straftäter.

    Solche Auslandsreisen bleiben ein demütigendes und schweres Unterfangen. Frauen erzählen in der Heimat niemanden, sie befürchten, Bekannte in England zu treffen. Eine Operation zusammen mit Flugtickets kostet rund 1500 Pfund. Alleinerziehende Frauen und Studentinnen müssen Geld bei Bekannten leihen bzw. einen Kredit nehmen und sparen. Statt nach der Operation eine Nacht im Krankenhaus bzw. Hotel zu verbringen, gehen sie ins Kino bzw. in die Abflughalle am Flughafen, um Geld zu sparen.

    Die heuchlerische Politik der Behörden bezüglich der Abtreibungen wird von vielen Iren kritisiert und schafft eine unannehmbare Atmosphäre, besonders in Kleinstädten und Dörfern.

    Das Gesetz wurde zu einem schwierigen Thema und sorgte für großes Aufsehen. Viele Iren, die im Ausland arbeiten, kamen speziell in die Heimat, um beim Referendum abzustimmen. Im Netz tauchte sogar ein Hashtag – HomeToVote — auf.

    Nach vorläufigen Einschätzungen stimmten rund 68 Prozent der Iren für die Aufhebung des Abtreibungsverbots. Das heißt, dass das Land bereits in der nächsten Zeit eine moderne liberale Gesetzgebung bekommt. Abtreibungen auf Verlangen werden bei einer Schwangerschaftsfrist bis zu 12 Wochen, aus gesundheitlichen Gründen bis zur 22. Woche genehmigt.

    In Nordirland, das zu Großbritannien gehört, sind indes für Abtreibungen lebenslange Haftstrafen vorgesehen – sowohl für Ärzte als auch für Patientinnen.

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    Homo-Ehe, Schwangerschaft, Baby, Homosexualität, Referendum, Abtreibung, Feminismus, Europa, Republik Irland, Irland