18:12 21 Juni 2018
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    Das ehemalige Atomtestgelände in der chinesischen Provinz Fuling (Archivbild)

    China steigt in atomares Wettrüsten ein

    © AFP 2018 / Wang Zhao
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    Der nukleare Rüstungswettlauf spitzt sich zu. Zu den bisherigen Teilnehmern dieses Wettrüstens – den USA und Russland – gesellt sich nun China dazu. Dort werden jeden Monat fünf Simulationstests von Atomwaffen im Labor absolviert, wie die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ berichtete.

    Die Amerikaner führen jeden Monat mindestens einen solchen Test durch. Von September 2014 bis Dezember 2017 absolvierte China rund 200 Simulationstests, wie die chinesische Akademie für Ingenieur-Physik berichtete. Nach Angaben des Lawrence Livermore National Laboratory wurden in den USA nur 50 solcher Tests in den Jahren von 2012 bis 2017 vorgenommen. In den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr durchschnittlich zehn Tests durchgeführt, während es in China 60 Tests sind.

    Experten warnen: Die Teilnehmer des neuen atomaren Wettrüstens entwickeln zwar neue Typen von Atomwaffen als Abschreckung gegen mögliche Sicherheitsbedrohungen, doch das Risiko eines atomaren Konflikts steigt. Die größten Atommächte greifen zu Simulationstests, weil reale Tests von nuklearen Geschossen verboten sind. Bei den Labortests werden Geschosse mit einer Geschwindigkeit von mindestens 30.000 Stundenkilometern abgefeuert. In den vergangenen drei Jahren führte Peking mehr dieser Tests als Washington in den vergangenen 15 Jahren (insgesamt 150 Tests 2003-2017) auf den Testgeländen in Nevada durch.

    Die wichtigsten chinesischen Labore liegen tief im Miányáng-Gebirge im Nordwesten der Provinz Sichuan, wo Einheimische mehr als einmal pro Woche laute Explosionen hören.

    Allerdings bedeutet die hohe Anzahl der Tests nicht, dass die Chinesen die Amerikaner bei der Entwicklung neuer Atomwaffentypen überholt haben. Nach der Zahl der realen Atomtests rangiert China weiterhin nicht auf den vorderen Plätzen. Die USA zündeten seit 1945 mehr als 1000 nukleare Gefechtsköpfe. China begann mit diesen Tests zwei Jahrzehnte später und absolvierte seit 1964 nur 45 Tests.

    Dennoch zogen die Chinesen in vielen wichtigen Forschungsbereichen in der Atombranche an den Amerikanern vorbei. Experten zufolge hängt das mit einem technischen Durchbruch und Entdeckungen der Wissenschaftler sowie der wachsenden finanziellen Unterstützung durch die Regierung zusammen.

    Das wichtigste Geschoss bei solchen Tests ist eine mehrstufige Gaskanone, die sehr hohe Temperaturen, Druck und Explosionswelle, die bei der Atomexplosion entstehen, simuliert. Diese Experimente vermitteln den Wissenschaftlern Informationen, mit denen sie die Atomwaffen modernisieren. In der Vergangenheit wurden diese Angaben nach dem Verbot der Atomtests in den 1990er Jahren aus früheren Tests mit Supercomputern gesammelt.

    Die neuen Atomwaffentypen sind nicht so stark wie die früheren Bomben und können nicht ganze Städte ausradieren. Dennoch sind sie deutlich stärker als konventionelle Waffen.

    James Lewis, Senior-Vizepräsident vom Center for Strategic and International Studies (CSIS), meint, dass eine neue Runde des atomaren Wettrüstens bereits begonnen habe. Als Antwort auf das Vorpreschen Russlands in diesem Wettrüsten will das Weiße Haus ein Programm zur Modernisierung seines Atomarsenals im Wert von 1,2 Billionen Dollar verabschieden. Das Pentagon kündigte in diesem Jahr bereits die Entwicklung neuer Typen der leistungsschwachen Atomwaffen an, mit denen Marschflugkörper mit konventionellen Waffen ausgerüstet werden können. Mit solchen Raketen sind unter anderem U-Boote ausgestattet.

    Was die neue Generation von chinesischen Atomwaffen betrifft, sind sie für einen Nahkampf bestimmt, beispielsweise für die Vernichtung von ganzen Flugzeugträger-Gruppen.

    Im Februar hatte die chinesische Zeitung „Global Times“ kurz nach der Bekanntgabe des neuen US-Vorgehens im Bereich Atomwaffen einen Artikel veröffentlicht, in dem es heißt, dass Peking die Möglichkeit in Erwägung ziehen werde, ein Programm für die Entwicklung von leistungsschwachen Atomwaffen ins Leben zu rufen, und damit auf das neue atomare Wettrüsten, das von Moskau und Washington entfacht worden sei, reagiere.

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    Tags:
    Atomprogramm, Entwicklung, Atomtests, Kriegsgefahr, Wettrüsten, Atomwaffendoktrin, Atomwaffen, Weißes Haus, Pentagon, Center for Strategic and International Studies (CSIS), Russland, China, USA
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