20:13 19 Juni 2018
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    Wladimir Putin beim Interview der TV-Moderatorin Megyn Kelly vom US-amerikanischen Sender NBC (Archivbild)

    Westliches Publikum vermisst Putin

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    Der russische Präsident Wladimir Putin spricht regelmäßig mit ausländischen Journalisten. Aber aus dem Versuch eines österreichischen Interviewers, den Kreml-Chef über alle Aspekte der Weltpolitik zu befragen, kann man durchaus schließen, dass es in westlichen Medien so gut wie keine alternativen Standpunkte der „Mainstream“-Meinung gibt.

    Wie könnte Russland diese Situation verbessern?

    Es ist ziemlich üblich, dass Staats- und Regierungsoberhäupter vor ihren Auslandsreisen Interviews für Journalisten aus dem Land geben, das sie gerade besuchen werden. Diese Tradition existiert schon lange, und Russland hält sich an diese Tradition.

    Als erstes Land, das er nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten besuchen wollte, wählte Wladimir Putin Österreich. Interviewt wurde er von dem wohl bekanntesten Reporter der Alpenrepublik, Armin Wolf.

    Armin Wolf ist 51 Jahre alt, arbeitet seit 1985 auf verschiedenen Posten beim ORF und ist einer der angesehensten Journalisten in Österreich. Zudem ist er der meistgelesene Twitter-Autor in seinem Land.

    Wolf hatte möglicherweise selbst nicht damit gerechnet, dass sein Interview mit Putin so populär wird. Jedenfalls zeigte er sich überrascht, dass das 52-minütige Gespräch von 843 000 Menschen vollständig und von 1,244 Millionen teilweise gesehen worden war. Und fügte hinzu: „Spassiba“ („Spassibo“ heißt Russisch „Danke“).

    In Österreich leben insgesamt etwa 8,5 Millionen Menschen. Also kann man feststellen, dass fast jeder zehnte Einwohner der Alpenrepublik eine Stunde Zeit gefunden hat, um die Meinung des russischen Staatschefs zu akuten Problemen der Gegenwart zu erfahren.

    Dabei sagte Putin im Grunde kaum etwas, was die Österreicher nicht gewusst hätten. Möglicherweise hatte Armin Wolf gedacht, dass niemand zuvor dem Kreml-Chef dermaßen scharfe Fragen gestellt hätte. Aber da lag er falsch. Das alles hatte Putin schon zuvor gehabt: Fragen über den Restaurantbesitzer Jewgeni Prigoschin, den die westliche Propaganda zum größten „Internet-Troll“ Russlands und zum wichtigsten Söldner in Syrien abgestempelt hat (Interview für NBC News); über Alexej Nawalny als „Saakaschwili-Klon“; und natürlich Versuche, ihn hinsichtlich der Anwesenheit russischer Militärs auf der Krim Anfang 2014 beim Wort zu nehmen; Fragen über die Bedingungen der „Rückgabe“ der Halbinsel an die Ukraine. 

    Und Putins nackter Oberkörper im Urlaub – das ist überhaupt eines der Lieblingsthemen für westliche Reporter. BBC hatte ihm sogar einen Sonderbericht gewidmet, und in der US-amerikanischen TV-Show Saturday Night Live erscheint der Schauspieler, der Putin mimt, seitdem immer oben ohne – so stark ließen sich die Amerikaner von Putins Oberkörper beeindrucken.

    Im Grunde war das Interview Armin Wolfs mit Putin ein Versuch, ihn über seine Meinung zu den Klischees zu befragen, auf die die westliche Propaganda am meisten zurückgreift. Es ist ja kein Wunder, dass er keine Zeit hatte, sich die ausführlichen Antworten des Kreml-Chefs bis zum Ende abzuhören, sodass er ihn immer wieder unterbrach.

    Der russische Journalist Dmitri Smirnow hat nachgezählt, dass Putin von Wolf insgesamt elf Mal unterbrochen worden war. Dabei musste der russische Staatschef sogar auf Deutsch darauf verweisen, wer von ihnen Fragen stellt und wer Antworten gibt.

    „Lassen Sie mich antworten, sonst wird das kein Interview, sondern ein Monolog sein, und zwar von Ihrer Seite“, sagte Putin dem Journalisten.

    Allerdings kann man wohl Armin Wolf kaum dafür kritisieren, dass er Putin wirklich über alles befragen wollte. Das Problem ist, dass seine Antworten auf die meisten Fragen für das russische Publikum gar nicht überraschend waren: Darüber hatte der Staatschef unlängst auf seiner großen Pressekonferenz gesprochen – oder auch in den Interviews für NBC und andere Medien.

    Aber das österreichische Publikum weiß das höchstwahrscheinlich gar nicht, und eben deshalb war Armin Wolf so nervös und stellte dem Kreml-Chef ständig neue Fragen.

    Das beispiellose Interesse des Publikums für das Interview zeugt davon, dass er sich nicht umsonst so viel Mühe gab. Die Österreicher, wie auch die Einwohner der anderen europäischen Länder, interessieren sich generell für Standpunkte, die für den so genannten „Mainstream“ im Westen alternativ sind. Aber in erster Linie sind für sie innen- und nicht weltpolitische Fragen wichtig, und deshalb war das „protokollarische“ Interview des russischen Spitzenpolitikers im Vorfeld seines Wien-Besuchs eine seltene Möglichkeit für sie, ihn unmittelbar sprechen zu hören, ohne dass seine Worte von verschiedenen „Experten“ so oder so gedeutet werden.

    Dabei zeigten sich viele EU-Beamte beunruhigt über Putins Österreich-Reise. Der Sender Deutsche Welle veröffentlichte ein Interview des österreichischen Politologen Gerhard Mangott, der immer wieder betonen musste, dass Wien zwar für die Abschaffung der Russland-Sanktionen plädiere, das aber nicht alleine tun werde.

    Darüber hinaus stellte Mangott fest, dass die USA die österreichischen Behörden unter Druck setzen und sogar versucht haben sollen, Putins Besuch zu verhindern. Aber von einer Einmischung der Amerikaner in die Angelegenheiten souveräner Staaten wollte er nicht sprechen.

    Am Ende erreichte DW gerade den Gegeneffekt: Anstatt zu unterstreichen, dass es Putins Ziel gewesen wäre, Österreich quasi zu seinem „Anwalt“ in Europa zu machen, hinterlässt das Interview des Politologen einen ganz anderen Eindruck: Die USA bauen ihren Druck auf die EU immer weiter aus, während viele Mitgliedsländer der Union, darunter Österreich, Ungarn, Griechenland, Italien, Zypern, die Slowakei und auch andere, die Russland-Sanktionen für unvernünftig und schädlich halten, aber es nicht wagen, das laut zu sagen.

    Dasselbe gilt für das besagte ORF-Interview Putins: Trotz jeder Menge von scharfen, ja vorwurfsvollen Fragen zeigte er sich zuversichtlich und beantwortete sie alle klar und deutlich. Und der einzige Moment, der ihn störte, war, dass der Interviewer ihn immer wieder unterbrach. Man muss aber auch sagen, dass Putin dies tatsächlich nicht gewohnt ist.

    Möglicherweise ist dieses Interview ein Zeichen sowohl an westliche Medien als auch an den Pressedienst des Kremls, dass Putin dem westlichen Publikum wirklich fehlt. Sein Terminkalender ist zweifelsohne überfüllt, und er hat wohl nicht viele Möglichkeiten für zusätzliche Interviews für ausländische Massenmedien. Wäre es da nicht sinnvoll, seine großen Pressekonferenzen, die der Kreml-Chef jedes Jahr gibt, in zwei Teile aufzuteilen: für russische und für ausländische Reporter? 

    Jedenfalls rechtfertigt sich die Politik der Offenheit im Informationsraum durchaus und bringt offenbare Erfolge.

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    Präsident, TV-Sender, Interview, Medienattacke, Medien, NBC, ORF, EU, Armin Wolf, Michail Saakaschwili, Alexej Nawalny, Megyn Kelly, Sebastian Kurz, Wladimir Putin, Europa, Westen, Russland, USA, Österreich
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