10:38 20 Oktober 2018
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    Die russische Kampfdrohne Korsar auf der Siegesparade in Moskau

    Mutterschiffe und Drohnenpulks: Beim Luftkrieg der Zukunft ist Russland spät dran

    © Sputnik / Ewgenij Biatow
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    Ein russischer Hightech-Konzern hat angekündigt, bis 2025 ein Leitsystem für den koordinierten Kampfeinsatz von Drohnenschwärmen zu entwickeln. China und die USA sind bei der Entwicklung dieser Systeme weit vorangekommen. Russland hinkt da noch hinterher, während Fachleute überzeugt sind: Diese Technologie wird künftig die Kriege entscheiden.

    Unbemannte Luftvehikel, die von einem „fliegenden Flugzeugträger“ abgesetzt, zu Gruppen koordiniert und als Schar auf Ziele angesetzt werden – so stellt sich der Futurologe Maxim Kalaschnikow einen Luftangriff auf einem Schlachtfeld der Zukunft vor. Dass die Entwicklung der Drohnentechnologie in diese Richtung geht, erkennt man heute schon mit bloßem Auge.

    Das US-Verteidigungsministerium hat erst vor zwei Monaten ein Video veröffentlicht, auf dem ein Pulk kompakter UAVs von einer gewöhnlichen Transportmaschine abgesetzt wird. Von einem einheitlichen Leitsystem gesteuert, erfüllen die Drohnen ihren Auftrag und sammeln sich wieder an ihrem „Mutterschiff“, mit dem sie zur Heimbasis zurückfliegen. „Gremlins“ heißen die kleinen, günstigen und vor allem wiederverwendbaren Vehikel. Die Forschungsabteilung des Pentagons, die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), erklärt: Künftig werden die „Gremlins“ die Nische zwischen smarten, aber teuren, weil einmalig verwendbaren Raketen und Kampfflugzeugen einnehmen.

    In der Tat: Ein Kampfflugzeug ist allein schon wegen seiner Größe eine verhältnismäßig leichte Beute für die gegnerische Flugabwehr. Ein Pulk kleiner, aber mit Bomben und Raketen bewaffneter Kampfdrohnen bietet andere Möglichkeiten. Wie sehr sich die Flugabwehr auch bemühen sollte, alle Angreifer wird sie schon der ungeheuren Anzahl wegen nicht erfassen können. Indes können die neuen Mini-Kampfdrohnen der US-Streitkräfte – Typ „Perdix“ – die gegnerische Flugabwehr selbstständig bekämpfen. Das jedenfalls behauptet das Pentagon.

    Und: „Die Mikrodrohnen haben weitergehende Verhaltensmodelle eines Schwarms – wie die kollektive Entscheidungsfindung etwa – demonstriert“, erklärte das US-Verteidigungsministerium im Jahr 2016. Auch im Krieg am Boden könnten die Drohnenschwärme eine neue Epoche einläuten. Die US-Strategen verheißen, dass Mini-Drohnen, mit Gesichtserkennungssoftware aufgeladen, einzelne Personen innerhalb der Infanterieverbände ausfindig machen und gezielt bekämpfen können, bedeutende Anführer und Kommandeure zum Beispiel.

    Aber was den Luftkrieg und die Flugabwehr betrifft, so prophezeien die Experten auch den Abwehrsystemen eine weitergehende „Mutation“: „Die künftigen Flugabwehrsysteme werden ergänzt. Sie werden nicht nur mit Schnellschusskanonen ausstaffiert, sondern ihrerseits auch mit Drohnen, die die Systeme schützen werden“, sagt der Futurologe Kalaschnikow. „Der Auftrag dieser Drohnen: Störfelder aufbauen und andere Drohnen jagen. Außerdem werden sie den Horizont der Flugabwehr erweitern, ihr Sichtfeld vergrößern.“

    An Bedeutung gewinnen werden die Systeme zur elektronischen Kriegsführung. Sie werden die Bordelektronik der angreifenden Schwärme mit elektromagnetischen Stößen „braten“, ist der Experte überzeugt. „Der Kampf verwandelt sich in eine Hightech-Veranstaltung. Natürlich müssen auch Leitsysteme entstehen, die die unterschiedlichen Kampfgeräte koordinieren und steuern können.“

    Hinzu kommt, dass die Drohnen künftig von der Satellitennavigation unabhängig agieren könnten, sodass ihre Navigation und Kommunikation nicht beeinträchtigt werden kann. Die DARPA hat 2011 die Entwicklung solcherart satellitenunabhängiger Anlagen in Auftrag gegeben.

    Welche Zukunft hat angesichts all dessen die gewöhnliche – bemannte – Luftfahrt? Noch 2009 haben US-Experten in ihrer „Aussicht auf die Entwicklung unbemannter Luftfahrt bis 2047“ prophezeit, dass der Jagdbomber F-35 die letzte bemannte Maschine der US Air Force sein werde – danach werde es nur Drohnen geben. Und die Gründe dieser „Entmenschlichung“ liegen auf der Hand.

    Der erste ist ein rein finanzieller. Eine F-35 kostet in der Basisausführung 112 Millionen Dollar. Die neuesten russischen Kampfjets Su-34, Su-30 und Su-35 kosten für die russische Luftwaffe umgerechnet über 15 Millionen Dollar (im Export sind sie teurer). Klar, dass der Verlust einer solchen Maschine ein schwerer Schlag ins Kontor ist. Deutlich günstiger sind die Drohnen: Für eine russische Su-34 kriegt man vier amerikanische Predators (Kosten je Stück: 4 Mio. Dollar). Hinzu kommt das hohe Risiko für das Leben des Kampfpiloten, das beim Einsatz eines bemannten Jagdbombers immer mitfliegt.

    Worüber Experten heute heftig streiten, ist die Frage, ob Kampfdrohnen künftig gänzlich ohne Menschenhand auskommen. Die einen plädieren dafür, völlig autonome Systeme zu entwickeln, die ihre Ziele selbstständig priorisieren und die Entscheidung über deren Zerstörung ohne Einfluss von außen treffen. Eine Horrorversion für die anderen. Wie auch immer sich die Technik weiterentwickelt, die Entscheidung über Leben oder Tod dürfe, so das Gegenargument, niemals den Robotern überlassen werden.

    Bis zum vollwertigen Ersatz der bemannten Flugzeuge durch Kampf- und Aufklärungsdrohnen ist es aber ohnehin noch ein langer Weg. Denn bei wichtigen Parametern sind die UAVs den gewöhnlichen Jets hoffnungslos unterlegen, in puncto Tempo und Diensthöhe nämlich. Eine mittlere Kampfdrohne schafft heute gerademal 250 Kilometer pro Stunde – eine F-35 fliegt mit maximal 1.930, eine russische Su-57 mit bis zu 2.600 Stundenkilometern. Deshalb bleiben vorerst regionale und lokale Konflikte die Domäne der Drohnen.

    „Warum soll man die vollbärtigen Banditen aus irregulären Verbänden auch mit ballistischen Raketen beschießen“, wundert sich Kalaschnikow. „Um in Syrien Billigziele zu zerstören, verschießen die russischen Streitkräfte überteure Kalibr-Raketen. Kampfdrohnen mit Lenkbomben oder Panzerabwehrraketen könnten diese Aufgabe schneller und günstiger erledigen.“ Eben dort, in Syrien, hat die russische Armee Drohnen zum ersten Mal weiträumig und ausgiebig eingesetzt: die Aufklärungsdrohne „Orlan-10“ zum Beispiel oder auch die Kampfdrohne „Korsar“.

    Aber zurück zu den Kampschwärmen. Bislang haben die USA bei dieser Technologie die Nase vorn. Aber die Chinesen sind ihnen schon dicht auf den Fersen. Die Spezialisten der China Electronics Technology Group haben im vergangenen Sommer 119 unbemannte Luftvehikel gestartet. Den Drohnen ist es gelungen, Kommandos zu befolgen, sich zu Gruppen zu vernetzen und einen simulierten Gegner zu vernichten. Ziemlich aktiv sind in diesem Bereich auch die Iraner. Nicht umsonst haben sie es 2011 geschafft, die hochgeheime Stealth-Drohne Lockheed Martin RQ-170 Sentinel zu entführen. Sie haben einfach die Steuerung des Vehikels gekapert und es auf einen iranischen Flugplatz geflogen.

    Und Russland? „Bei diesem Wettrüsten verliert Russland leider bereits. Seit zehn Jahren setzt der Westen Kampfdrohnen ein, in Russland sind sie gerade erst entwickelt worden“, bemängelt Kalaschnikow. Ende letzten Monats hat der russische Hightech-Konzern KRET angekündigt, einen unbemannten Hubschrauber zu entwickeln, der eine Drohnenschar in den Kampf wird führen können. Aber vor 2025 sei mit der Einsatzreife nicht zu rechnen. Da muss die russische Rüstungsindustrie ihren westlichen Konkurrenten offensichtlich hinterherrennen.

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    Tags:
    Drohne, Drohnenkrieg, Kampfdrohne, Su-34, Su-30, Su-35, F-35, Orlan-10, Korsar, DARPA, Pentagon, Lockheed Martin, USA, Russland