16:44 16 Dezember 2018
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    Neue Sanktionsrunde kann Russland hart treffen, aber es gibt Lösungen

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    Das russische Finanzsystem könnte unter neuen Sanktionswellen zusammenbrechen, wenn diese stärker als die Schläge im April sein sollten, als die USA jegliche Geschäfte mit Unternehmen der russischen Oligarchen Viktor Wekselberg und Oleg Deripaska verboten hatten.

    Eine solche Prognose erstellten dieser Tage die Moody’s-Experten. Auf eine Verschärfung der Sanktionen machen sich auch die russischen Behörden gefasst, wobei sie sich um die Aufstockung der nationalen Devisenreserven bemühen – vor einem neuen Absturz der Ölpreise, sodass Russland keine „Petrodollar“ bekommen würde.

    Die G7-Länder wollen die Russland-Sanktionen verlängern. Davon sprach unter anderem unlängst der US-Finanzminister Steven Mnuchin. Dieses Thema stand auch auf der Tagesordnung des jüngsten G7-Gipfels in Kanada.

    In Moskau beteuert man immer wieder, die Restriktionen würden keine große Rolle spielen. „Wir wundern uns nicht über die Beschränkungen und Sanktionen und haben keine Angst davor. Das zwingt uns nicht, unseren selbstständigen und souveränen Entwicklungsweg aufzugeben“, sagte Präsident Wladimir Putin in einem Interview für chinesische Medien und betonte, dass „unsere Partner mit den Sanktionen nur eines anstreben: die Entwicklung unseres Landes zu behindern.“

    Darüber sprechen auch westliche Analysten. Der für Europa, den Nahen Osten und Afrika zuständige Moody’s-Experte Jaroslaw Sowgira sagte beispielsweise, das russische Bankensystem sei aktuell immer noch imstande, die neuen US-Sanktionen zu verkraften. „Falls in diesem Jahr ungefähr dieselbe Zahl von Unternehmen von den Sanktionen getroffen wird, wie im vorigen Jahr, wird das Bankensystem diese Sanktionen ‚absorbieren‘ – dank den Einnahmen in diesem Jahr. Das Bankensystem ist und bleibt im Allgemeinen resistent gegen die Sanktionen“, betonte er. Nach seinen Worten schätzt Moody’s den Einfluss der neuen US-Restriktionen auf russische Banken auf zwei Prozent ihrer Aktiva und auf 15 Prozent ihres Kapitals.

    Auch die makroökonomische Situation in Russland bezeichnete der Experte als „recht ruhig“. Dazu tragen ihm zufolge verschiedene „positive Faktoren“ bei, unter anderem das geringe BIP-Wachstum, eine geringe Inflationsrate, die allmählich sinkenden Leitzinsen, ziemlich große Devisenreserven, die relativ geringe Abhängigkeit der souveränen Ratings von äußeren Krediten und die hohen Ölpreise.

    Falls die jüngste Sanktionswelle die einzige bleiben sollte, brauche Russland nichts zu befürchten. Sollte es aber „zwei oder drei Wellen“ geben, dann wären damit tatsächlich wesentliche Risiken verbunden, warnte der Ökonom.

    „Dann würde das Bankensystem schwächer und würde Kapital verlieren. (…) Sollten von den Sanktionen nicht zwei, sondern vier Oligarchen getroffen werden, würde die Zahlungsfähigkeit des Bankensystems wesentlich sinken.“

    In diesem Fall müsste sich der russische Staat um die Unterstützung der „problematischen“ Unternehmen bemühen. „Wir gehen davon aus, dass der Bankensektor (…) in dieser oder jener Form Unterstützung bekommen wird“, so Sowgira.

    Auch andere Branchenkenner stimmten zu, dass das russische Bankwesen mehrere Sanktionswellen nicht verkraften könnte. „Im Falle einer wesentlichen Erweiterung der Sanktionen (…) wären russische Großunternehmen nicht in der Lage, ihre Schulden bei Banken zu begleichen, und das könnte eine Krise im Bankensystem auslösen“, sagte der Chefökonom von BCS Global Markets, Wladimir Tichomirow. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios ist nach seiner Auffassung ziemlich groß. „Die Sanktionen wären für unsere High-Tech-Branchen, auch für die Erschließung der Ölvorkommen zerstörend. Sie würden Großkonzerne treffen, die die wichtigsten Kreditnehmer von Banken sind und auf die sich die Rentabilität der größten Banken stützt. Sollten diese Unternehmen keine Kredite mehr nehmen, wäre das für das Bankensystem negativ“, warnte auch der Partner der Expertengruppe Veta, Ilja Scharski.

    Eine noch schlimmere Situation würde im Falle der Abschaltung Russlands vom internationalen Zahlungssystem SWIFT entstehen, sagte seinerseits Alexej Korenew (FINAM). Dabei seien die Ölunternehmen mehr resistent gegen den Sanktionsdruck als beispielsweise die Stahl- und Aluminiumhersteller.  „Darüber hinaus könnten die Sanktionen zu einer Erhöhung der Leitzinsen durch die Zentralbank führen, was negative Folgen für die Prozentmarge der Banken hätte“, so Timur Nigmatullin (Otkrytije). Sollten gegen Russland branchenbezogene Sanktionen verhängt werden, wäre das de facto ein Handelskrieg, zeigte sich Georgi Waschtschenko (Freedom Finance) überzeugt.

    Allerdings zeugen die jüngsten Aktivitäten der russischen Behörden von ihrer Bereitschaft auf eine weitere Verschärfung der Sanktionen. Experten der Moskauer Higher School of Economics verwiesen nämlich darauf, dass Russland in letzter Zeit seine Haushaltseinnahmen aufstockt, während die Ausgaben allmählich reduziert werden.

    Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres beliefen sich die Haushaltseinnahmen auf 5,5 Billionen Rubel (um 16 Prozent mehr im Jahresvergleich).

    „Die Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport haben gegenüber derselben Zeitspanne 2017 um 26 Prozent zugelegt“, so die Experten.

    Sie verwiesen zugleich darauf, dass der Anstieg der Ölpreise teilweise (um etwa ein Prozent) durch die Festigung des Rubels vor dem Hintergrund des Anstiegs der Ölexportpreise und die neuen Russland-Sanktionen ausgeglichen worden sei. So habe der nominale Dollar-Rubel-Wechselkurs im April praktisch auf dem vorjährigen Niveau gelegen, während der Ölpreis im April um 35 Prozent höher als vor einem Jahr gewesen sei.

    Die Haushaltsausgaben haben zwischen Januar und April etwa 18 Prozent vom russischen BIP ausgemacht, um einen Prozentpunkt weniger als Anfang 2017.  „Die Ausgaben sind in den aktuellen Preisen um 1,3 Prozent gewachsen und in den konstanten Preisen um ein Prozent zurückgegangen. Im Vergleich zu 2012 beläuft sich der Rückgang der Haushaltsausgaben in konstanten Preisen schon auf 15 Prozent“, so die Experten.

    US-Dollar (Symbolbild)
    © REUTERS / Jose Luis Gonzale/Illustration

    Der Ausbau der Reserven erlaubt es nach ihrer Auffassung, die aktuelle Wirtschaftssituation in Russland teilweise zu konservieren. „Die Reserven sind darauf ausgerichtet, im Falle von äußeren Schocksituationen die negativen wirtschaftlichen Folgen zu beseitigen“, so Scharski.

    „Die Regierung bemüht sich um einen ‚Airbag‘, der nicht nur den möglichen Sanktionen widerstehen, sondern auch ausreichende Reserven bilden sollte, mit denen verschiedene Großprojekte (…) mitfinanziert werden könnten“, stimmte Kollege Korenew zu.

    Andererseits könnte die Bildung der neuen Reserven ein wirksames Instrument werden, um die negativen Folgen von möglichen neuen Sanktionen zu minimieren, ergänzte der Ökonom.

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    Tags:
    Finanzkrise, Ölpreis, Aluminium, Stahlindustrie, Verlängerung, Russland-Sanktionen, G7, EU, SWIFT, Afrika, Europa, Westen, Kanada, Nahost, Russland, USA