07:18 20 Juli 2018
SNA Radio
    Techniker auf dem US-Flugzeugträger USS Dwight D. Eisenhower (Archivbild)

    Atomares Gleichgewicht: Amerikas Abfangraketen durchsieben den Sockel der Stabilität

    © AFP 2018 / Alberto Pizzoli
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Iswestija
    71081

    Der US-Raketenschild ist immer noch der wunde Punkt im Verhältnis zwischen Moskau und Washington. Das Problem hat zwei Dimensionen: eine technische und eine politische. Ausgiebig gesprochen wird meist nur über die erste. Alle interessieren sich hauptsächlich dafür, ob die Raketenabwehr wirklich was kann. Diese einseitige Sicht greift zu kurz.

    Geht es um den Raketenschild der USA, gilt alle Aufmerksamkeit vorrangig den beiden Stützpunkten des Abwehrsystems in Europa: im rumänischen Dorf Deveselu (seit 2016 betriebsbereit) und im polnischen Redzikowo (die Indienstnahme wird bis mindestens 2020 verschoben). Hin und wieder wird auch darüber gesprochen, dass Kampfschiffe mit den Abwehrraketen SM-3 an Bord in der Ostsee und der Norwegischen See dauerhaft stationiert werden sollen. Die Europa-Komponente des US-Raketenschilds scheint der Dreh- und Angelpunkt des Problems zu sein.

    Doch die USA haben ihre Abwehrsysteme auch in Südkorea stationiert (THAAD), und die Schiffe mit den SM-3-Raketen können sie nicht nur in die Norwegische See, sondern auch in das Südchinesische Meer entsenden. So reagiert Peking in dieser Frage auch deutlich gereizter als Moskau, was aus militärtechnischer Sicht durchaus nachvollziehbar ist. Die Volksrepublik hat im Unterschied zu Russland und den USA eine große Zahl von Mittelstreckenraketen im Arsenal. Ihre Hauptfunktion ist die regionale Abschreckung, weshalb sie denn auch mit atomaren wie konventionellen Gefechtsköpfen bestückt sind. Dieser Waffentyp ist das ur-eigentliche Ziel der amerikanischen SM-3.

    Das Raketenabwehrsystem der USA ist indes mehr als nur die Summe seiner Teile: der Startschächte für die Abfangraketen und der Hochleistungsradare. Dem Projekt liegt die Vernetzung aller möglichen Informations- und Waffensysteme rund um den Globus zugrunde, die ihre Daten in Echtzeit austauschen. Es werden Daten etlicher Radare und Satelliten verwendet, viele Komponenten sind zudem mobil, ob die schiffsbasierten SM-3-Raketen oder die über Land respektive Wasser verlegbaren Radaranlagen AN/TPY-2 und SBX. 

    Es entsteht ein flexibles Kampf-Netzwerk mit hohem Modernisierungspotential, das modulweise ausgetauscht und erweitert werden kann. Dies generiert einen Einsatzwert, der bislang unerreichbar war. Zudem können dem Netzwerk künftig Systeme angeschlossen werden, die heute erst in Entwicklung sind: weltraumgestützte Abfangvehikel, die in den USA seit 2016 im Gespräch sind und deren Entwicklung seit diesem Jahr im US-Gesetz über Rüstungsausgaben ausdrücklich empfohlen wird.

    Dass ein solches System Einwände hervorruft – hinsichtlich der Abwertung des Gegenschlagpotentials und der mittelfristigen Aushebelung des strategischen Gleichgewichts –, liegt auf der Hand. Erst recht, wenn es um das Szenario eines kombinierten Präventivschlags geht: eines massiven Einsatzes von Hyperschallwaffen in der nicht-nuklearen Variante bei gleichzeitig aktiver Nutzung des Raketenschirms. Für Russland ist dieses Einsatzszenario höchst unangenehm, für die chinesischen Atomstreitkräfte ist es indes katastrophal – wegen ihrer relativ geringen Zahlenstärke.

    Die Entwicklung nicht-nuklearer Hyperschallwaffen begründen die USA mit der Notwendigkeit, blitzartige Enthauptungsschläge gegen Terrorbanden und gegen Atomanlagen jener Länder vornehmen zu können, die sich nicht an die Vereinbarung über die Nichtverbreitung von Kernwaffen halten. Filtert man diese politkorrekten Floskeln aber heraus, wird das dahinterliegende Ziel deutlich: China im Falle eines Konflikts das sogenannte asymmetrische Potential – Anti-Satelliten-Systeme und hochpräzise ballistische Raketen etwa – präventiv aus der Hand zu schlagen.

    Friedensfundament wird durchlöchert

    Nun aber zur politischen Dimension des Problems. Der Aufbau des amerikanischen globalen Raketenschilds, der mit dem Ausstieg aus dem maßgeblichen Abkommen im Jahr 2002 begonnen hat, zersetzt das gesamte System zur Rüstungskontrolle und zum Schutz der strategischen Stabilität, worauf übrigens das russische Außenministerium immer wieder hinweist.

    Der 1972 unterzeichnete ABM-Vertrag wurde ja bewusst auf dem Grundsatz der gegenseitigen Verwundbarkeit aufgebaut. Durch das Verbot der Entwicklung und Stationierung strategischer Raketenabwehrsysteme über das Mindestmaß hinaus hatten sich die Supermächte damals das Recht auf einen unabwendbaren Gegenschlag zugesichert. Jedenfalls war der Vertrag ein Ausdruck seiner Zeit: der Zeit eines bipolaren Kalten Krieges samt ideologischer Opposition zweier Blöcke. Der Vertrag blieb bestehen, während die Welt sich wandelte.

    Die bipolare Ordnung ist der Vergangenheit anheimgefallen, der Aufbauprozess des sogenannten polyzentrischen Systems hat eingesetzt. Die Regeln zur Nichtverbreitung von Kernwaffen und Raketentechnik werden am laufenden Band gebrochen – und zwar umso mehr, je größer der Sicherheitsmangel ist, den die „kleineren“ Staaten verspüren. Diesen nicht zu verspüren ist auch schwierig, angesichts der zunehmenden Verstimmung der UN-Organe und der immer neuen Gewaltinterventionen der Großmächte, die häufig ohne die Zustimmung der internationalen Sicherheitsinstitute stattfinden. Bei den führenden Schwellenländern gelten Kernwaffen daher immer häufiger als Schutzinstrument und Souveränitätsgarantie.

    Aus der Vorahnung dieser Probleme heraus hatte man in den 1990er Jahren versucht, den ABM-Vertrag zu retten, indem man die strategischen Systeme (auf die der Vertrag sich eigentlich bezog) von den taktischen trennte. Doch die schnelle Verbreitung von Raketentechnik in einer Welt mit großem Sicherheitsmangel hat diesen Ansatz, wie wir am Beispiel Nordkoreas sehen, entkräftet: Der Übergang von taktischen Mittelstreckenraketen zu Interkontinentalraketen hat unter gewissen Bedingungen nicht lange gedauert. Aber der ABM-Vertrag hat ohnehin nicht überlebt: Der Ausstieg der USA aus der Vereinbarung hat das Gebilde potentieller Abschreckungen vollends zerstört – Russland hat im Gegenzug damit begonnen, ein gestaffeltes Abwehrsystem gegen Raketenangriffe aus der Luft und aus dem Weltraum aufzubauen.

    Der Raketenschild der Amerikaner ist in einer Welt, wie sie hier beschrieben wurde, nicht nur ein Destabilisierungsherd, sondern gewissermaßen auch eine Rückversicherung gegen die aufstrebenden atomaren Tigerstaaten. Das ist der wahre Kern der Bemühungen der Vereinigten Staaten, die das Vertragswerk von 1972 im Alleingang zerrüttet und zerstört haben. Die dreiste Form, in der das geschah und die Moskau traumatisiert hat, ist das Ergebnis einer Vorstellung von Russland als einem untergehenden Imperium mit einer verrosteten Kriegsmaschinerie, die im Westen dominierte.

    Das Problem ist also nicht von heute auf morgen entstanden. Der Grundsein für die heutigen Schwierigkeiten bei der Kontrolle strategischer Angriffswaffen – die schwerste Krise rund um den INF-Vertrag, die Weigerung der USA, den Kernwaffenteststopp-Vertrag zu ratifizieren etc. – ist damals, an der Schwelle der Jahrtausendwende, gelegt worden, als der Dialog zur Raketenabwehr einbrach. Was kann man da von den jungen Kernwaffen-Regimen erwarten, die doch das Vorbild altehrwürdiger Atommächte von ihren Augen haben, die beflissen und begeistert die tragenden Säulen aus dem Bauwerk der strategischen Stabilität herausreißen, welches sie ein halbes Jahrhundert lang selbst errichtet hatten?

    Zum Thema:

    OVKS: Militärprogramme der USA bedrohen INF-Vertrag
    „Marschflugsanktionen” im Anflug: Darum werfen USA Russland Bruch von INF-Vertrag vor
    Nach Putins Rede zur Lage der Nation – USA erzürnt über „Verstoß gegen INF-Vertrag“
    Putin wirft USA Verstöße gegen INF-Vertrag vor
    Tags:
    Prompt Global Strike (PGS), Atomarsenal, Kriegsschiffe, Raketenschild, Kriegsgefahr, Gleichgewicht, Atomwaffen, Hyperschallwaffen, INF-Vertrag, ABM-Vertrag, SM-3 Block IIA, Raketenabwehrsystem SM-3, Luftabwehrsystem THAAD, Südkorea, Russland, USA
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren