14:20 21 Oktober 2018
SNA Radio
    Torpedoschießen während eines Manövers russischer Flotte (Archivbild)

    Sacharows „Tsunami-Torpedo“: Greift Russland die Idee wieder auf?

    © Sputnik / Sergej Guneew
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Wsgljad
    1723317

    Ein Hochleistungstorpedo mit einem atomaren Sprengkopf zur Vernichtung von Küstenstädten – das ist eine Idee, die der weltberühmte Physiker und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow in den Sechzigerjahren vorgeschlagen hat. Hätte die russische Marine heute eine Verwendung dafür?

    Die Tendenz, Waffenkonzepte von früher wieder aufzunehmen, zeichnet sich in Russland tatsächlich ab, äußerte der russische Mathematiker und Schiffsingenieur Schamil Alijew gegenüber der Onlinezeitung „Wsgljad“. „Sacharows Idee eines 24-Meter-Torpedos mit einem nuklearen Gefechtskopf und einer Reichweite von 50 Kilometern wird heute neubewertet“, so der Fachmann.

    Andrej Sacharow hatte 1961 vorgeschlagen, einen Torpedo mit einem atomaren Gefechtskopf von mehreren Dutzend Megatonnen Sprengkraft zu entwickeln. Die mächtige Explosion dieser Waffe im Wasser sollte eine ungeheure Flutwelle erzeugen, die die Küsten- und Hafenstädte des Gegners unter sich begraben würde. Das Konzept sei damals nicht umgesetzt worden, weil es kein Geld dafür gegeben habe, sagt der Experte Alijew.

    „Zum Ziel der Attacke aus mehreren hundert Kilometern Entfernung sollten die Häfen des Gegners werden“, erklärte Andrej Sacharow damals sein Konzept. „Die Zerstörung der Häfen – ob durch eine Überwasser-Explosion, nachdem der Torpedo mit einer 100-Megatonnen-Sprengladung aus dem Wasser ‚rausspringt‘, oder durch eine Unterwasser-Explosion – ist natürlich mit großen menschlichen Opfern verbunden.“

    Einer der ersten Menschen, mit denen Sacharow seine Idee diskutierte, war der sowjetische Konteradmiral Wladimir Fomin. Dieser soll wegen der unvorstellbaren Zahl potentieller Opfer einer solchen Waffe entsetzt reagiert haben. Aber humanistische Überlegungen sind nicht das einzige Argument, das gegen Sacharows Torpedo spricht.

    „Sacharows Projekt wird manchmal als das sowjetische Projekt eines künstlichen Tsunami bezeichnet. Aber das ist ein Irrtum. Um eine solche Welle auszulösen, muss sich der Sprengsatz in sehr großen Tiefen befinden – und nicht 50, sondern wenigstens 100 Kilometer von der Küste entfernt“, erklärt der Geograf Sergej Dobroljuow von der Moskauer Staatsuniversität. „Eine natürliche Tsunami-Welle entsteht ja durch tektonische Verschiebungen und nicht durch Explosionen im Wasser“, erinnert der Wissenschaftler. Übrigens haben auch die Amerikaner mit „Tsunami-Bomben“ experimentiert, aber ohne nennenswerten Erfolg: „Eine 20-Kilotonnen-Bombe hatte eine 300 Meter hohe Welle erzeugt, die nach drei Kilometern allerdings auf drei Meter Höhe abflachte.

    Das Konzept von Andrej Sacharow war aber keine „Tsunami-Bombe“, sondern eben ein Torpedo, welches nahe der gegnerischen Küste abgesetzt und gezündet würde. Und das war auch die Schwachstelle in Sacharows Plan: „Sich der feindlichen Küste auf 50 Kilometer zu nähern, ist für ein U-Boot eine damals wie heute sehr problematische Aufgabe. Das lässt die Abwehr – die Sonaranlagen, die Seefernaufklärer, die U-Boot-Jäger – einfach nicht zu. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Durchbruchs ist sehr gering: Das U-Boot würde zerstört werden, noch bevor es in den Einsatzbereich seiner Waffen käme“, sagt der ehemalige U-Boot-Kommandant Igor Kudrin. Sacharows Konzept sei deshalb als unzweckmäßig verworfen worden – nicht aus Geldmangel, betont der ehemalige Kapitän.

    Auch der Militärexperte Alexej Leonkow von der Fachzeitschrift „Arsenal Otetschestwa“ hält die Idee eines solchen Torpedos für abwegig: Das Problem sei weniger die zu geringe Reichweite als der Durchmesser des Torpedos von eineinhalb Meter. Es müsste eigens ein neues U-Boot entwickelt werden, das dieses Geschoss aufnehmen könnte. Aber das Konzept an sich sei von der russischen Marine aufgegriffen worden – in einem Projekt, das Russlands Präsident Wladimir Putin im März dieses Jahres kurz vorstellte: die U-Wasser-Drohne „Poseidon“. „Im Vergleich zur Geschwindigkeit und der Sprengkraft des Poseidons sieht der Sacharow-Torpedo richtig alt aus“, so der Militärexperte Leonkow.

    Der Militärexperte Wiktor Murachowski stimmt zu: „Sacharows Konzepte, die damals nicht umgesetzt wurden, sind sicherlich nicht vergessen. Ein Teil dieser technischen Lösungen ist in die neuesten russischen Entwicklungen eingegangen, auch in die U-Wasser-Drohne mit atomarem Antrieb. Die ‚Poseidon‘ ist aber natürlich eine wesentlich reifere Waffe als das Sacharow-Projekt.“ Der wesentliche Unterschied besteht laut Murachowski darin, dass die Reichweite der „Poseidon“ kraft ihres atomaren Antriebs unbegrenzt ist – die Drohne ist also eine strategische, der Sacharow-Torpedo hingegen eine taktische Waffe.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Schwarzes Meer: Türkisches U-Boot versenkt Tankschiff mit Torpedo VIDEO
    Allein einer dieser russischen Torpedos kann Flugzeugträger versenken
    Vor 140 Jahren setzte Russland erstmals Torpedos bei Kriegshandlungen ein
    Tags:
    Flotte, U-Boot, Torpedo, Atomsprengköpfe, UdSSR, Sowjetunion, Russland