07:18 20 Juli 2018
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    Soldaten der Ehrenwache halten die Fahnen der Militäreinheiten roter Armee vor dem Siegesparade auf dem Roten Platz (Archivbild)

    Russlands „ukrainische Truppen“: Was hat sich Putin da wieder ausgedacht?

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    Überrascht, ja verstört ist durch Putins Entscheidung, russische Armeeeinheiten nach ukrainischen Städten zu benennen, nicht nur Kiew. Auch manch ein Russe fragt sich, was dieser Beschluss eigentlich soll: Gibt der russische Oberbefehlshaber den Bodentruppen jetzt den Vorzug gegenüber anderen Waffengattungen?

    Russlands Präsident Wladimir Putin hat am 30. Juni angeordnet, mehrere Truppenteile der russischen Streitkräfte umzubenennen. Es gehe dabei darum, die „ruhmreichen historischen Armeetraditionen“ zu bewahren und die Militärangehörigen „im Geiste der Hingabe ans Vaterland und der Treue zum Wehrdienst“ zu erziehen. Einige dieser elf Einheiten erhalten Namen ukrainischer, weißrussischer und sogar polnischer sowie estnischer Städte. Dies habe gar nichts mit der Stationierung dieser Verbände in den Ortschaften zu tun. Die Umbenennung „dient dem Gedenken daran, dass diese Truppen die Städte entweder vor den Nazis verteidigten oder befreiten“, so der Militärexperte Wiktor Murachowski.

    So heißt beispielsweise das 6. Panzerregiment der russischen Streitkräfte nunmehr Lwiwer Garderegiment, das 68. Panzerregiment wird jetzt Schytomyr-Berliner Garderegiment genannt und das 163. Panzerregiment trägt von nun an den Namen Neschinski-Garderegiment.

    Wladimir Putin (Archivbild)
    © Sputnik / Mikhail Klimentiew

    Wichtig ist, dass Präsident Putin durch seinen Erlass keine neuen Truppenverbände gründet, sondern nur die historisch bedingte Bezeichnung und Nummerierung bestehender Einheiten wiedereinführt. Den Verbänden seien „ihre Ehrenbezeichnungen“ wiedergegeben worden, die sie durch „schwere Kämpfe im Großen Vaterländischen Krieg“ erlangt hätten, erklärt der Militärexperte Murachowski.

    Diese Absicht, das geschichtliche Vermächtnis zu bewahren, zweifelt in Russland größtenteils niemand an. Vielmehr wird im Internet die Frage diskutiert, warum diese Ehre ausschließlich Bodentruppen zuteilwerde: Unter den elf umbenannten Verbänden sind keine anderen Waffengattungen zu finden. Manch einer mutmaßt, dadurch wolle der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte die besondere Rolle betonen, die diesen Truppenteilen in künftigen Konflikten angeblich zukomme. Andererseits: Waren es nicht die Luft- und Weltraumstreitkräfte, die in Syrien vorrangig aktiv waren?

    Fachmann Murachowski hält dagegen:

    „Was die Prioritäten im gegenwärtigen Modernisierungsprogramm der russischen Streitkräfte anbelangt, so kommt allen Waffengattungen mehr oder weniger die gleiche Bedeutung zu – im Unterschied zum letzten Modernisierungsprogramm, wo die Luftwaffe und die Marine den Löwenanteil abbekamen.“ Und dass der russische Präsident einigen Artillerieverbänden Ehrenbezeichnungen verleiht, sei absolut gerechtfertigt. „Im Syrien-Einsatz – daran sei erinnert – wurden 50 Prozent aller Feuermissionen von Artilleristen erfüllt.“

    Dass die russische Führung die Luft- und Weltraumstreitkräfte des Landes nicht benachteiligen will, wird aus einem anderen Umstand ersichtlich. Erst im Januar erhielt das 23. Jagdregiment auf Putins Erlass die Ehrenbezeichnung „Tallinner“ nach der estnischen Hauptstadt. Und das 277. Bomberregiment heißt nun „Mlawski“. Die Bezeichnungen erinnern an die Beteiligung dieser Verbände an zwei wichtigen Operationen des Großen Vaterländischen Krieges: an der Befreiung Tallinns 1944 und der Mlawa-Elbing-Offensive 1945.

    Einige estnische Bürger zeigten sich entsetzt darüber, dass ein russischer Militärverband von nun an den Namen ihrer Hauptstadt trägt. Sie werten Tallinns Befreiung durch die Rote Armee als „massive und vernichtende Schläge der Sowjetluftwaffe“ gegen die von Nazis besetzte Stadt.

    Wie wichtig die Tradition für eine Truppe ist, erklärt ein russischer Luftwaffengeneral: „Wie wollen Sie denn den Kampfgeist einer Truppe fördern und stärken? Da braucht es Beispiele, die zeigen, wie Abertausende von Menschen sich im Laufe der Geschichte eines Regiments angestrengt haben. Eine Truppe lebt von ihrer Tradition“, sagt der General a.D., der anonym bleiben wollte.

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    Gedenkpolitik, Umbenennung, Truppen, Protest, Geschichte, Armee, Verteidigungsministerium Russlands, Wiktor Murachowski, Sowjetunion, Estland, Russland, Ukraine
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