03:14 13 November 2018
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    Polizeieinsatz vor dem Haus der Opfer von Nervengasvergiftung in Amesbury

    Vergiftung von Amesbury: Will London die Aufklärung vereiteln?

    © REUTERS / Henry Nicholls
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    Eine 44-jährige Britin erliegt den Folgen einer „Nowitschok“-Vergiftung im Krankenhaus, britische Strafbehörden ermitteln wegen Mordverdachts. Die Regierung in London verhält sich aber so, als sollte dieser Vorfall vertuscht und so schnell wie möglich vergessen werden. Warum nur?

    Beim Blick in die britischen Leitmedien gewinnt man den Eindruck, als wäre die Vergiftung zweier Briten mit dem Nervengift Nowitschok eine Lappalie. Bei „BBC“ ist der Gifttod auf der Hauptseite überhaupt nicht zu finden, bei „The Guardian“ und „The Times“ wird er irgendwo unter den Alltagsnachrichten versteckt. Bei der Vergiftung des ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter Julia sahen die Titelblätter britischer Qualitätsmedien ganz anders aus – obwohl damals außer einem Meerschweinchen und einem vorsorglich eingeschläferten Kater niemand gestorben ist.

    Die britische Führung scheint den Vorfall von Amesbury ernst zu nehmen: „Ich bin entsetzt und schockiert“, erklärte Premierministerin May. Nur auf die Frage, wie zwei britische Bürger mit dem Nervengift in Berührung gekommen sein können, nachdem die britische Polizei die Stadt Salisbury während der Ermittlungen zum Fall Skripal durchforstet hatte, hat die Regierungschefin keine Antwort. Mal davon abgesehen, dass auch ungeklärt geblieben ist, wie die Skripals mit dem Gift in Berührung kamen – obwohl beide, Vater und Tochter, inzwischen bei Bewusstsein und imstande sind, alle Fragen zu beantworten.

    Kronzeugen beim diesmaligen Vorfall sind Freunde der Verstorbenen. Ein gewisser Craig Pattenden gibt an, die 44-jährige Dawn Sturgeon habe die Vergiftungserscheinungen als Erste aufgewiesen: Krämpfe, Schaum vor dem Mund, verengte Pupillen – und außerdem habe sie verwirrt gesprochen. An Drogen könne das aber nicht gelegen haben, ist Craig überzeugt. Dawn und ihr Freund seien „ganz bestimmt mit einem Nervengift“ vergiftet worden, sagte er.

    Wie auch immer man den Fall von Amesbury dreht und wendet: Die britische Führung gerät in jedem Fall in Erklärungsnot. Entweder haben die Behörden den Anschlagsort im Falle der Skripals schlecht durchkämmt oder das Gift ist erneut aus dem Labor Porton Down entwichen oder die russischen Geheimdienste konnten allen Anstrengungen ihrer britischen Kollegen zum Trotz wieder zuschlagen. Die letztere Version wird allerdings selbst in London kritisch bewertet: Warum der Kreml zwei ältere Briten vergiften sollte, die ein asoziales Leben führen, ist wirklich ein Rätsel.

    Momentan sieht es jedenfalls so aus, dass die britische Regierung die Vergiftung von Amesbury vor dem Hintergrund anderer „wichtigerer“ Ereignisse gerne schnellstmöglich vergessen würde. Dafür spricht einiges. Zum Beispiel die schwache Position von Teresa May, nachdem sie den für die Brexit-Verhandlungen verantwortlichen Minister David Davis entlassen hat. Oder die Eskalation des Konflikts zwischen May und ihrem Außenminister Boris Johnson (dessen Rücktritt nach jüngsten Meldungen inzwischen von den May angenommen wurde – Anm. d. Red.). Oder auch der Vorwurf, die britischen Behörden hätten im Fall Skripal geschlampt und einen weiteren Vorfall mit dem Nervengift nicht verhindert. Oder auch die Einsicht, dass es diesmal unmöglich sein wird, Russland mit haltlosen Vorwürfen zu attackieren und die Attacken in der Öffentlichkeit zu vermitteln.

    Der Tod der 44-jährigen Britin ist in jedem Fall ein wichtiger Anlass, eine seriöse, unabhängige und internationale Untersuchung der Situation einzufordern, um der Frage nachzugehen, wie ein starkes Nervengift auf die Straßen einer britischen Kleinstadt gelangen konnte. Je stärker die britische Führung versuchen wird, diesen Vorfall zu vergessen, desto eindringlicher muss sie daran erinnert werden.

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    Tags:
    Opfer, Nervengift, Nervengas, Vergiftung, A-234 "Nowitschok", Nowitschok, Hauptverwaltung für Aufklärung beim Generalstab der russischen Streitkräfte GRU, GRU, Foreign Office, Scotland Yard, Sergej Skripal, Boris Johnson, Theresa May, Porton Down, Russland, Salisbury, Amesbury, Großbritannien